Nordico: „Made in Linz“

Vom Antiquariat bis zur Zuckerfabrikation – in der aktuellen Sonderausstellung im „Nordico Stadtmuseum Linz“ lässt sich nicht nur ein nostalgischer Blick in die Vergangenheit werfen, sondern auch Wissenswertes über den aktuellen Produktionsstandort Linz erfahren.

Mit 115 Produkten, die, wie der knappe Ausstellungstitel „Made in Linz“ verrät, in der oberösterreichischen Landeshauptstadt hergestellt wurden und/oder nach wie vor werden, bekommt man im „Nordico Stadtmuseum Linz“ derzeit nicht nur reichlich Anschauungsmaterial vorgesetzt, sondern auch so einiges zum Nachdenken mit auf den Weg. Produkte sind eben „nie nur Dinge“, weiß Michaela Nagl, die die Ausstellung gemeinsam mit Andrea Bina kuratiert hat. „Vielmehr stehen diese für Arbeitsplätze, unternehmerische Entscheidungen und wirtschaftliche Entwicklungen.“ 

Viele der hier ausgestellten Produkte sollen von daher nicht nur Erinnerungen wecken, sondern legen gleichzeitig auch ein Zeugnis von den Veränderungen am Arbeitsmarkt, im Konsumverhalten und der Entwicklung der Industrie über die Jahrzehnte ab. Ein Ausstellungskonzept, das sich dem Besucher sogleich beim Eintritt erschließt: Bedingt durch den aktuellen Umbau des „Kaufmannsmuseum“ wird man in der Sonderausstellung im Nordico von einer originalen, sonst in Haslach stehenden Linzer Kolonialwarenhandlung empfangen. Hinter der historischen „Budl“ wurde noch bis 1913 gewogen, abgefüllt und das Geld entgegengenommen. Wer nicht gleich zahlen konnte, hatte die Möglichkeit, anschreiben zu lassen. Eine Praxis, die in heutiger Zeit für viele Österreicher unvorstellbar ist – zumindest, wenn man zu jenen gehört, die ihre Einkäufe vorwiegend in einem Supermarkt erledigen. 

Made in Linz Ausstellunsansicht
© Norbert Artner

Selbst bedient sich der Einkäufer 

Spätestens ab den 1950er-Jahren entschließen sich auch hierzulande immer mehr Menschen, statt beim Greißler in den nach amerikanischem Vorbild über die Jahre aus dem Boden sprießenden Supermarktfilialen einzukaufen. Das neue Einkaufsverhalten soll dem Kunden unter anderem den Vorteil einer größeren Freiheit bringen: Bereits 1950 wirbt die erste Konsum-Filiale Österreichs in Linz zudem mit dem Slogan „Selbstbedienung spart Zeit“. „Statt Beratung stand nun die Information auf den entsprechend gestalteten Waren im Vordergrund.“ Als Einkäufer muss man sich fortan „selbst informieren oder auf die Werbung vertrauen“, beschreibt Georg Wilbertz die veränderte Situation. Der Kunsthistoriker ist einer von mehreren Autoren, die die Besucher mit zahlreichen Unternehmens- und Produktgeschichten versorgen. 

Die Palette der in Linz hergestellten Waren, die Eingang in die Schau gefunden haben, reicht von der kultigen, 1923 vom Sodawasser- und Kracherlerzeuger Emil Kesterzanek erfunden Keli-Limonade bis hin zum nach wie vor bei Kindern beliebten PEZ-Spender. Die 1915 von Eduard Haas III. gegründete Firma beginnt 1927 mit der industriellen Herstellung jener kleinen rechteckigen PEZ-Bonbons, die schon bald von Linz aus die Welt erobern. 

Von analog zu online

In der Ausstellung näher vorgestellt werden aber auch Local Heroes wie Peter Steinberg. Dieser hat Ende 2023 als letzter Linzer Antiquar sein Geschäft in der Peuerbachstraße geschlossen. In seinen rund zwanzig Jahren als Geschäftsinhaber konnte Steinberg die Änderungen im Buchmarkt hautnah miterleben. So hat sich auch im Bereich Antiquariat der Online-Versand zu einem nicht mehr wegzudenkenden Geschäftszweig entwickelt. Eine Veränderung, die jedoch auch Vorteile mit sich bringen kann – wenn man bedenkt, dass ein Online-Katalog ermöglicht, Bücher weltweit zu verkaufen.

Gerade im Bereich Onlinehandel wird der Besucher jedoch dazu aufgerufen, kritisch zu sein: In einem separaten Raum lädt eine Projektion, die das Scrollen durch verschiedene digitale Shops simuliert, dazu ein, über das eigene Konsumverhalten und dessen Auswirkungen auf die wirtschaftliche Situation einer Stadt nachzudenken. Was es braucht, sei vor allem ein Bewusstsein, dass „wer regional kauft“ Linz stärke, weiß auch Kulturstadträtin Doris Lang-Mayerhofer. 

Von der Industrie- zur Kulturstadt

Vor allem in der Kultur hat Linz in den vergangenen Jahren einen enormen Aufschwung erlebt. Ehemalige Industrieflächen wie beispielweise die Tabakfabrik haben sich zu Orten der Kunst, Kreativwirtschaft und Innovation entwickelt. 

Federführend ist Linz mittlerweile auch im Bereich der Digitalisierung, wie auch das Start-up „qapture GmbH“ veranschaulicht. Gegründet wurde das Unternehmen 2020 von Dominic Koll und Daniel Höller mit dem Ziel, analoge Objekte in digitale Form zu transformieren. Ein Prozess, der mittlerweile erfolgreich läuft und weltweit bei der Planung und beim Bau von Gebäuden zum Einsatz kommt. 

Diverse Produkte made in Linz, 2. Hälfte 19. Jh. bis heute
Diverse Produkte made in Linz, 2. Hälfte 19. Jh. bis heute © Reinhard Haider

Über eine große Expertise in den verschiedenen Bereichen der Digitalisierung verfügt man mittlerweile auch bei der „Voest-alpine“.  Das 1938 als Teil der „Reichswerke Hermann Göring“ gegründete Stahlwerk zählt heute zu den weltweit bedeutendsten Stahl- und Technologiekonzernen und beschäftigt weltweit an die 50.000 Mitarbeiter – etwa 12.000 davon in Linz. „Mit knapp einem Drittel der Beschäftigten“ bildet der Anlagen-, Maschinen- und Stahlbau „das wirtschaftliche Rückgrat der Wirtschaftsregion Linz“, schreibt Andrea Bina im zur Ausstellung erschienenen Katalog. Die 352 Seiten umfassende Publikation bietet neben den zahlreichen darin abgedruckten Bildern und Unternehmensgeschichten auch eine Reihe von lesenswerten wissenschaftlichen Beiträgen – ein „Must have“ für alle, die an der Geschichte von Linz als Standort für Handel, Industrie und Handwerk interessiert sind. 

Ergänzend zur Ausstellung wartet man mit einem abwechslungsreichen Begleitprogramm auf. Geboten werden Workshops und Exkursionen zu unterschiedlichen Betrieben – wie beispielsweise in die Linzer Bierbrauerei in der Tabakfabrik oder in den SOMA-Sozialmarkt. Letzterer bietet einkommensschwächeren Menschen die Möglichkeit zum verbilligten Einkauf. Ebenfalls passend zum Thema ist derzeit auch eine vom „afo architekturforum oberösterreich“ in Kooperation mit der Kunstuni-Linz gestaltete Ausstellung zu sehen. Die Schau beschäftigt sich mit der Frage des Zusammenspiels von Arbeit und Stadt. Vorgestellt werden unter anderem Werkzeuge der Stadtentwicklung, denn Städte, so weiß man im „architekturforum oberösterreich“ sind nie fertig gebaut, sie bleiben wie „Linz … in Arbeit“, so der Titel der Ausstellung.

AusgabeRZ17-2026

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