Obstbau: „In einer Frost­nacht schläft man nicht viel“

Die Steiermark ist prädestiniert für Hagel- und seit einigen Jahren auch folgenschwere Spätfrostereignisse. Die ansässigen Obst- und Gemüsebauern begegnen den Herausforderungen mit Innovationsgeist und harter Arbeit.

„Die Steiermark ist die Hageloase Nummer eins in Österreich“, sagt Josef Kurz von der Österreichischen Hagelversicherung im Rahmen einer Exkursion des Agrarjournalistenverbands. Es sind die kühlen, feuchten Luftmassen, die genau hier auf heiße pannonische Strömungen treffen und sich als Gewitter, Hagel oder Starkregen entladen. Dazu kommt die Tatsache, dass die Vegetationsperiode des Apfels laut Aufzeichnungen heute zwölf Tage früher als noch 1992 beginnt. Die Spätfröste, die sich außerdem seit zehn Jahren häufen, schädigen die Pflanzen enorm. Seit 2016 beläuft sich der Schaden im Obstbau auf 500 Millionen Euro – zwei Drittel gehen dabei an die Steiermark. 

In Puch bei Weiz leitet Wolfgang Schreiner mit seiner Frau Sabine einen Bio-Obstbaubetrieb. Auf einer Fläche von 8 Hektar gedeihen steirische Äpfel – überdacht von den obligatorischen Hagelnetzen, die sich über die gesamte kleinstrukturierte Landschaft legen. Heuer waren Schreiner und seine Kollegen bereits drei Mal mit Spätfrösten konfrontiert, der letzte am 12. Mai. „Wir sind haarscharf an einer kompletten Katastrophe vorbeigeschrammt“, erzählt Herbert Muster, Leiter des Obstbaureferats in der LK Steiermark. 

Um den Extremwetterereignissen nicht machtlos gegenüberzustehen, hat sich das Ehepaar Schreiner für den Weg der Frostberegnung entschieden. Gemeinsam mit zwei weiteren Betrieben wurde ein Teich mit einem Speichervolumen von 19 Millionen Litern errichtet, der insgesamt 13 Hektar beregnen kann. Ein ausgeklügeltes Rohrleitungssystem sorgt dafür, dass das Wasser so lange wie möglich im Kreislauf gehalten wird, bevor es zum Gewässer zurückgeführt wird. 

Zeitpunkt entscheidend

Die Kunst der Frostberegnung liegt darin, den richtigen Zeitpunkt zu wählen. „Je nach Entwicklungsstadium der Äpfel entscheidet man, wann man aufdreht“, erklärt Schreiner. Unterstützt wird er dabei von den Wetterstationen, die bei entsprechender Gefahr auf seinem Handy Alarm schlagen. Schon davor tauscht man sich in der WhatsApp-Gruppe mit Kollegen über das aktuelle Risiko aus. „In einer Frostnacht schläft man nicht viel“, weiß Schreiner. Die Bewährungsprobe hat die Frostbewässerung, die diesen April fertig gestellt worden ist, bereits bestanden. „Hätten die Betriebe nicht frostberegnet, wäre ein Großteil der Ernte dem Spätfrost zum Opfer gefallen“, sagt Muster. Die Förderung seitens des Landes Steiermark beträgt etwa 65 Prozent – eine notwendige Unterstützung, denn „ohne Förderung wäre so ein Projekt nur ganz schwer umsetzbar“, betont Wolfgang Schreiner. 

Einen anderen Weg geht Franz Ziegler. Mit einer Anbaufläche von 17 Hektar ist er einer der größten Kirschenproduzenten in Österreich. Bei Kirschen funktioniert die Frostberegnung nicht, daher arbeitet er mit Paraffinkerzen. Bei Frost werden diese händisch angezündet und brennen dann sechs bis sieben Stunden lang. 350 Stück benötigt der Obstbauer pro Hektar. Bei einem Stückpreis von bis zu 15 Euro überlegt er sich genau, welche Flächen er beheizt. Heuer waren bereits drei Durchgänge auf einem 5 Hektar großen Areal notwendig. 

Schrumpfende Flächen

Die Steiermark ist nicht nur als Hagel-, sondern auch als Apfelregion bekannt. 75 Prozent aller österreichischen Äpfel wachsen im Osten des Bundeslandes. Jedes Jahr wird die Anbaufläche allerdings kleiner. „In den letzten 15 Jahren haben wir 2.000 Hektar Apfelfläche verloren“, sagt Bernhard Ramminger, Obmann der Erzeugerorganisation OPST in Puch bei Weiz, deren 200 Mitgliedsbetriebe hauptsächlich Äpfel anliefern. Geschuldet ist diese Entwicklung einerseits den herausfordernden Anbaubedingungen – Hagel, Spätfröste und fehlende Pflanzenschutzmittel sorgen immer öfter für existenzbedrohende Ausfälle – und andererseits einer sinkenden Nachfrage auf Konsumentenseite. Man möchte nicht mehr in einen großen, saftigen Apfel beißen und gibt immer öfter Beeren- und Snackobst den Vorzug.

Dabei überzeugt gerade der regionale Apfel mit wertvollen Inhaltsstoffen. „Der Apfel ist ein Vitamincocktail, perfekt verpackt in einer Schale“, streicht Ramminger die Vorteile hervor und gibt gleichzeitig zu bedenken, dass sich die schrumpfenden Anbauflächen auch drastisch auf das Landschaftsbild der Oststeiermark auswirken können. „Was ist die Alternative?“, fragt der Obmann, der selbst zwei Apfelbetriebe führt, „eine Produktion in Chile und hier nur mehr Wald und Golfplätze?“ 

Um sich an das veränderte Konsumverhalten der Menschen anzupassen, versucht man bei der OPST mit neuen Sorten den Geschmack der Kunden zu treffen. Weitaus schwieriger sieht es beim Pflanzenschutz aus – ein Reizthema für Herbert Muster: „In den letzten 20 Jahren ist die Hälfte aller Wirkstoffe verboten worden.“ Doch das extreme Wetter ebnet den Weg für Pilzkrankheiten und Schädlinge. 

Äpfel im Wasserbad
200 Mitgliedsbetriebe liefern ihre Äpfel an die Erzeugerorganisation OPST. Jeder Apfel wird hier 30 Mal gescannt. © Jürgen Pistracher

Ohne Pflanzenschutz geht es nicht

Die Schädlingsarten, die den Obst- und Gemüsebauern aktuell am meisten zu schaffen machen, sind die Grüne Reiswanze bzw. die marmorierte Baumwanze und die Kirschessigfliege, die beide durch den globalen Welthandel eingeschleppt wurden und sich seit einigen Jahren invasiv in Österreich ausbreiten. Franz Riegler weiß als Kirschenbauer um die Herausforderung des ohnehin sehr speziellen Obstes: „Die Kirschessigfliege ist unser größtes Problem.“ Sie erscheint erst auf dem Tapet, wenn die Kirschen gesund, prall und reif am Baum hängen und kurz vor der Ernte stehen. Die Folge sind Würmer in der Frucht und eine deutliche Essignote im Geschmack. Die Ernte wird unbrauchbar. 

Dank einer Notfallzulassung für ein wirksames Mittel kann er heuer den Schaden begrenzen. „Ohne Pflanzenschutz geht es nicht“, ist auch Manfred Kohlfürst, Obmann des Österreichischen Branchenverbandes Obst und Gemüse, überzeugt: „Wir brauchen diese Werkzeuge, um produzieren zu können. Egal ob bio oder konventionell.“

Johannes Oberers in der Tomatenplantage
Ochsenherztomaten sind Johannes Oberers Spezialität. Ein Schädling macht dem Gemüsebauern besonders Sorgen. © Jürgen Pistracher

Weniger Bürokratie

Mit der Reiswanze hat hingegen Johannes Oberer zu kämpfen, einer der größten Produzenten von österreichischen Ochsenherztomaten. Obwohl die Kultur der dünnhäutigen Frucht schwierig ist und viel Erfahrung, Pflege und Handarbeit benötigt, entscheidet er sich Jahr um Jahr wieder für den „Ochs“ – trotz schlafloser Nächte, wenn der Frost an die Folientunnel klopft. „Entweder du magst den Ochs, oder du magst ihn nicht.“ Er mag ihn – genauso wie sein Sohn Richard, der den Betrieb um weitere Spezialkulturen erweitert hat und bald übernehmen wird. 

Wie seine Kollegen wünscht auch er sich weniger Bürokratie und schnellere Zulassungen. Pflanzenschutzmittel, die auf EU-Ebene zugelassen sind, sollten automatisch in ­Österreich angewendet werden dürfen, fordern die Bauern – momentan ist dafür eine separate Zulassung nötig. Das macht es heimischem Obst und Gemüse schwer, im Supermarkt neben billiger Importware stand­zuhalten. So gibt es seit kurzem keine österreichischen Kohlsprossen mehr im Regal. Ähnlich angespannt ist die Lage bei Radieschen oder Jungzwiebeln. 

Simone Schmiedtbauer plädiert als Landesrätin dafür, die Produktion im eigenen Land zu halten, denn nur dann könnten soziale Standards, rückverfolgbare Qualität und heimische Wertschöpfung gewährleistet werden. „Die Essgewohnheiten der Menschen ändern sich nicht, sie essen trotzdem Kohlsprossen“, sagt Schmiedtbauer. Daher geht es um Lösungen und Wege, wie heimische Obst- und Gemüseproduktion auch künftig unter schwieriger werdenden Rahmenbedingungen möglich bleibt.

AusgabeRZ23-2026

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Mehr lesen

Aktuelles

Die Welt der Raiffeisenzeitung

Banner für die Newsletter Anmeldung
Banner: