Hameseder: „Ich übergebe ein wohlbestelltes Haus“

Erwin Hameseder stellt sich bei den Organsitzungen des Österreichischen Raiffeisenverbandes Ende Juni nicht mehr der Wahl zum General­anwalt. Wir sprachen mit ihm über seine Meilensteine, den Generationenwechsel bei Raiffeisen Österreich und auch darüber, was er nach dem Ausscheiden als General­anwalt nicht vermissen wird.

Herr Hameseder, Sie waren vier Jahre lang Generalanwalt des ÖRV und damit quasi Familienoberhaupt der oft zitierten Raiffeisen­familie. Wie geht es Raiffeisen kurz vor dem Wechsel in der Generalanwaltschaft?
Erwin Hameseder: Raiffeisen hat sich in den vergangenen vier Jahren sehr dynamisch entwickelt. Die Bankengruppe konnte ihre starke Stellung in Österreich behaupten und die RBI bekommt nach schwierigen Jahren wieder jene Wertschätzung auf den Aktienmärkten, die ihr auch zusteht. Die RWA ist seit dem vergangenen Jahr wieder zu 100 Prozent im Eigentum der österreichischen Genossenschaften – ein wichtiger Schritt für die weiteren Maßnahmen im Waren­bereich. Im Bereich der Energiegenossenschaften hatten wir einen regelrechten Gründungsboom in den vergangenen Jahren. Raiffeisen Österreich ist daher gut für die Zukunft aufgestellt.

Der österreichische Raiffeisenverband ist das Dach der Raiffeisenorganisation. Wenn Sie den Verband heute mit der Situation vier Jahre zuvor vergleichen: Was hat sich geändert? 
Hameseder: Auch der ÖRV ist hervorragend aufgestellt. Wir haben den Verband in den vergangenen vier Jahren strategisch neu aufgestellt und weiterentwickelt, neue Geschäftsfelder erschlossen und auf finanziell nachhaltige Beine gestellt. Auch die Dynamik im Verband und der Umgang mit seinen Mitgliedern hat sich sehr positiv entwickelt. Ich möchte mich an erster Stelle bei Generalsekretär Johannes Rehulka für seine exzellente Führung des Verbandes herzlich bedanken. Er hat ab dem ersten Tag seiner Bestellung Leadership gezeigt und eine neue Kultur der Zusammenarbeit in den Verband gebracht. Ich bedanke mich aber auch bei allen ÖRV-Mit­arbeiterinnen und Mitarbeitern für ihre hochprofessionelle Arbeit. Ich übergebe ein wohlbestelltes Haus an meinen Nachfolger. 

Wie kam es zu dem Entschluss, dass Sie sich nicht mehr der Wahl zum Generalanwalt stellen?
Hameseder: Ich habe vor wenigen Tagen meinen 70. Geburtstag gefeiert, da ist es an der Zeit, seine Funktionen Schritt für Schritt an Jüngere zu übergeben. Rund um meinen Geburtstag habe ich bereits mehrfach angekündigt, dass ich mein Ausscheiden aus den unterschiedlichen Funktionen vorbereite. Die ÖRV-Wahlen sind der erste Puzzlestein, andere werden folgen.

Wer wird Ihnen als Generalanwalt nachfolgen?
Hameseder: Da möchte ich den zuständigen Gremien nicht vorgreifen. Am 25. Juni 2026 finden turnusgemäß die Wahlen im Österreichischen Raiffeisenverband statt. Der neue General­anwalt wird von den Mitgliedern in der Generalversammlung gewählt. Fest steht, dass ein Kandidat aus den eigenen Reihen gewählt wird.

Sie gelten als guter Netzwerker, mit Verbindungen in die obersten Ebenen von Wirtschaft und Politik. Wie wichtig war dieses Netzwerk, um sich für die Interessen der Mitglieder des ÖRV einzusetzen?
Hameseder: Es ist ein Privileg, in meinen unterschiedlichen Positionen viele interessante Menschen kennenzulernen und Gespräche zu führen. Natürlich hilft ein gut ausgebautes Netzwerk vor allem dann, wenn es schnell gehen muss. Insoweit ist eine gute Vernetzung kein Nachteil. Allerdings hat der ÖRV viele gut vernetzte Persönlichkeiten in seinen Reihen.

Raiffeisen ist ein Faktor in Österreich und stark in den Regionen verwurzelt. Wie wichtig ist diese regionale Verankerung in Zeiten geopolitischer Krisen und digitaler Transformation? 
Hameseder: Die Globalisierung hat uns Wohlstand gebracht, gleichzeitig hat sie Abhängigkeit geschaffen, deren Folgen wir derzeit wieder schmerzlich erleben. Raiffeisen ist für mich die Antwort auf diese Entwicklung, auch in einer Zeit der steigenden Anonymität in einem zunehmend digitalen Raum. Regionale Verantwortung für die Menschen und die Wirtschaft zu übernehmen ist Teil unserer Identität. Wir stärken Wertschöpfung vor Ort, fördern regionale Kreisläufe und sichern Versorgung und Entwicklung in den Regionen. Ohne Raiffeisen wäre es um die Versorgung vieler Regionen in Österreich deutlich schlechter bestellt.

Erwin Hameseder im Interview
© Roland Rudolph

„Voraussetzung für einen gut funktionierenden dezentralen Genossenschaftssektor ist, dass alle Beteiligten zu einer Kooperation auf Augenhöhe bereit sind.“

Erwin Hameseder

Raiffeisen ist stark aufgrund seiner dezentralen und autonomen Struktur. Gleichzeitig war Ihnen immer wichtig, dass der Sektor zusammenarbeitet und aus der Gemeinschaft seine Stärke bezieht. Wie beurteilen Sie dieses Zusammenspiel aktuell und wo sehen Sie noch Potenzial in der Zusammenarbeit?
Hameseder: Wir erleben aktuell und auch in den nächsten Jahren einen Generationenwechsel bei Raiffeisen. Der betrifft nicht nur die operative Ebene, sondern auch die Funktionärs­ebene in vielen Bundesländern. Voraussetzung für einen gut funktionierenden dezentralen Genossenschaftssektor ist, dass alle Beteiligten zu einer Kooperation auf Augenhöhe bereit sind. Insoweit trägt auch die nächste Generation im Sinne unserer gemeinsamen Marke, dem Giebelkreuz, eine Verantwortung, dass die bundesweite Kooperation auch funktioniert.

Was sind aus Ihrer Sicht die größten Herausforderungen, die auf Raiffeisen zukommen?
Hameseder: Das sind neben sicherheits- und geopolitischen Herausforderungen zweifellos das veränderte Kunden- und Mitgliederverhalten durch die verstärkte Digitalisierung. Hier wird Raiffeisen in allen Bereichen geeignete Antworten auf die Erwartungshaltung der Kunden und Genossenschaftsmitglieder finden müssen. Ich bin da aber sehr optimistisch, weil Raiffeisen in den vergangenen 140 Jahren die richtigen Innovationsschritte gesetzt hat, sonst wären wir nicht Marktführer in der Bankengruppe. Neben allen Herausforderungen müssen wir aber auch unsere Kernkompetenz weiter aus­bauen: und das sind die Raiffeisenbanken und Lagerhaus­genossenschaften vor Ort. Sie sind das Herz von Raiffeisen.

An welche Meilensteine werden Sie sich als Generalanwalt gerne zurückerinnern bzw. worauf sind Sie besonders stolz?
Hameseder: Der ÖRV hat erstmals in der Geschichte des Verbandes eine eigene öffentlichkeitswirksame WIR-Kraft-Kampagne im internationalen Jahr der Genossenschaften gestartet, um auf die Kraft unserer Genossenschaftsidee aufmerksam zu machen – Initiativen wie diese bräuchte der Sektor noch viel mehr, davon bin ich überzeugt. Denn gerade unsere Mitgliederförderung unterscheidet uns von anderen Unternehmen. Der Wertschöpfungs- und Sozialbericht für die Banken- und Warengruppe haben gezeigt, wie sehr Raiffeisen unser Land bewegt. Es ist die Gesamtschau aller Genossenschaften in den Regionen, die das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben in Österreich prägen. Die Zahlen belegen die tragende Rolle von Raiffeisen. Ein weiteres Highlight war sicherlich der Genossenschaftskongress vergangenes Jahr, den wir gemeinsam mit den Volksbanken in der Hofburg mit einem tollen Programm auf die Beine gestellt haben. Mit dieser Veranstaltung haben wir die Kraft der Genossenschaften auch über die Sektorgrenzen hinausgetragen.

Gibt es auch etwas, das Sie nicht vermissen werden?
Hameseder: Ich werde vieles vermissen, aber es gibt einen positiven Nebenaspekt: die Anzahl der Sitzungen reduziert sich.

Sie bleiben ja Obmann der Raiffeisen-Holding NÖ-Wien und Aufsichtsratsvorsitzender der RBI. Wie lange werden Sie diese Funktionen noch ausüben?
Hameseder: Alles hat seine Zeit. Zunächst werde ich die Funktion des Generalanwaltes an meinen Nachfolger rasch ordnungsgemäß übergeben. Alle weiteren Schritte werden zu gegebener Zeit kommuniziert. 

Wenn Sie Ihre Zeit als Generalanwalt in drei Worten beschreiben müssten, welche wären das?
Hameseder: Ereignisreich, intensiv und dankbar.

AusgabeRZ25-2026

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