Martin Hauer sieht „Raiffeisen auf Augenhöhe mit den Besten“

Mit Martin Hauer übernimmt ein langjähriger Raiffeisen-Manager die Führung von Raiffeisen NÖ-Wien. Im Interview spricht er über seinen Anspruch an Spitzenleistungen, die Chancen der Digitalisierung, moderne Führung und die Verantwortung von Raiffeisen für die Entwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft.

Herr Hauer, Sie übernehmen die Führung der größten Regionalbank Österreichs in einer Zeit großer Veränderungen. Wofür soll die Raiffeisen NÖ-Wien in fünf Jahren stehen, wenn Sie auf Ihre erste Amtsperiode zurückblicken?
Martin Hauer: Ich habe bereits im Rahmen der Jahrestagung gesagt, dass ich Raiffeisen Niederösterreich-Wien auf Augenhöhe mit den Allerbesten sehe. Unser Anspruch muss sein, Bestleistungen für unsere Kundinnen und Kunden zu erbringen – nicht nur im Bankgeschäft, sondern auch mit unseren Beteiligungen. Wir verfügen über enormes Potenzial und über ein sehr gutes Fundament, auf dem wir aufbauen können. Dazu gehört innovatives und modernes Banking ebenso wie die Weiterentwicklung unseres Beteiligungsportfolios. Wir verfolgen dabei drei strategische Schwerpunkte: den weiteren Ausbau der Stadtbank Wien, die konsequente Forcierung unseres Firmenkundengeschäfts und die Digitalisierung mit Fokus auf Kundenzentrierung, Künstliche Intelligenz und Prozessoptimierung. Für unsere Beteiligungen wollen wir ein verlässlicher Partner sein und unser Portfolio gezielt weiter ausbauen.

Was bedeutet Spitzenleistung für Sie persönlich – und wie übersetzt sich dieser Anspruch in die Kultur und Strategie einer Regionalbank?
Hauer: Für mich bedeutet Spitzenleistung, jeden Tag sein Bestes zu geben. Es geht nicht darum, immer zu gewinnen oder immer alles richtig zu machen. Fehler gehören dazu. Entscheidend ist, dass jede und jeder im eigenen Bereich Verantwortung übernimmt und alles gibt. Ich bin überzeugt, dass jede und jeder Einzelne jeden Tag für das Team den Unterschied machen kann. Man wird nicht immer gewinnen und auch nicht immer alles richtig machen. Entscheidend ist, dass man am Ende sagen kann: Ich habe mein Bestes versucht und mein Bestes gegeben. Wenn wir diesen Anspruch verfolgen, entstehen daraus in der Regel auch Spitzenleistungen für das gesamte Unternehmen. Dieser Anspruch prägt auch unsere Kultur. Wir wollen ambitionierte Ziele verfolgen, Verantwortung übernehmen und gemeinsam besser werden. Spitzenleistungen entstehen nicht durch Druck, sondern durch Engagement, Vertrauen und die Bereitschaft, sich weiterzuentwickeln.

Raiffeisen lebt von seiner genossenschaftlichen Struktur und der engen Zusammenarbeit im Verbund. Wo sehen Sie die größten Potenziale, um die Zusammenarbeit innerhalb des Raiffeisensektors weiter zu stärken und gemeinsame Kräfte noch besser zu nutzen?
Hauer: Ich glaube, Raiffeisen lebt am Ende des Tages weniger von seiner Struktur als von den Menschen, die in dieser Struktur arbeiten. Genau diese Menschen sind unser größtes Potenzial. Bei meinen Besuchen in den Genossenschaften erlebe ich Kolleginnen und Kollegen, die alle dasselbe Ziel verfolgen: die Raiffeisen Bankengruppe Österreich noch erfolgreicher zu machen. Das größte Potenzial liegt für mich darin, dass wir uns klare strategische Ziele setzen und diese gemeinsam konsequent verfolgen. Wenn wir unsere Kräfte bündeln, können wir noch bessere Leistungen für unsere Kundinnen und Kunden erbringen und gleichzeitig unserem Auftrag gerecht werden, die Menschen und die Wirtschaft in den Regionen zu fördern. Der Verbund ist dann besonders stark, wenn wir gemeinsame Ziele definieren und diese mit Überzeugung umsetzen.

Die Finanzbranche steht vor einem tiefgreifenden technologischen Wandel. Welche Rolle werden Künstliche Intelligenz, Digitalisierung und datengetriebene Geschäftsmodelle künftig für Raiffeisen NÖ-Wien spielen?
Hauer: Eine sehr große. Digitalisierung zählt zu den zentralen Herausforderungen unserer Zeit und betrifft das Bankgeschäft in besonderem Maß. Wir haben bereits viel erreicht, aber noch sehr viel vor uns. Einerseits müssen wir unser bestehendes Kundengeschäft weiterentwickeln. Wir müssen noch bessere Services anbieten, innovativer werden und unsere Angebote noch stärker an den Bedürfnissen der Kundinnen und Kunden ausrichten. Die Erwartungen an digitale Services steigen laufend. Andererseits geht es um die Gewinnung neuer Kundinnen und Kunden. Hier stehen wir im Wettbewerb mit globalen Anbietern wie Revolut oder Trade Republic. Es gibt enormes Potenzial außerhalb unseres bestehenden Kundenstocks. Digitalisierung und künstliche Intelligenz werden dabei eine Schlüsselrolle spielen. Wir verfügen über einen starken Kundenbestand, den wir bestmöglich betreuen wollen. Gleichzeitig müssen wir neue Wege finden, um zusätzliche Kundengruppen für Raiffeisen zu gewinnen.

Der demografische Wandel verändert Kundenbedürfnisse ebenso wie den Arbeitsmarkt. Welche Chancen ergeben sich daraus für Raiffeisen NÖ-Wien und wie bereiten Sie Ihr Haus darauf vor?
Hauer: Für ein Dienstleistungsunternehmen ist der demografische Wandel eine große Herausforderung. Wir leben vom Know-how unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und von Kontinuität. Gleichzeitig werden viele Kolleginnen und Kollegen, die uns über Jahre geprägt haben, in den kommenden Jahren in Pension gehen. Deshalb investieren wir intensiv in Employer Branding, Ausbildung und die Attraktivität von Raiffeisen als Arbeitgeber. Wir wollen auch künftig hervorragende Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gewinnen und entwickeln. Gleichzeitig ergeben sich aus dem demografischen Wandel neue Bedürfnisse bei unseren Kundinnen und Kunden. Themen wie Gesundheit, Vorsorge und Pflege gewinnen an Bedeutung. Deshalb haben wir unser Beteiligungsportfolio erweitert und setzen gemeinsam mit starken Partnern verstärkt auf den Gesundheitsbereich. Wir wollen Menschen in unterschiedlichen Lebensphasen begleiten und Antworten auf gesellschaftliche Veränderungen geben.

Wie kann Kundennähe in einer zunehmend digitalen Welt erhalten bleiben – und welchen Wettbewerbsvorteil bietet sie gegenüber internationalen Finanzkonzernen und Fintechs?
Hauer: Ich sehe Kundennähe weniger als Wettbewerbsvorteil, sondern vielmehr als Grundvoraussetzung. Erfolgreiche Dienstleistungsunternehmen werden künftig datengetrieben agieren und ihren Kundinnen und Kunden individuelle Angebote machen müssen. Unser besonderes Merkmal liegt in der Kombination. Wir müssen digitale Lösungen anbieten, die einfach, schnell und personalisiert sind. Gleichzeitig verfügen wir über persönliche Beraterinnen und Berater sowie über regionale Präsenz. Wenn Kundinnen und Kunden zusätzliche Unterstützung oder persönlichen Austausch wünschen, können wir genau das anbieten. Diese Verbindung aus digitaler Leistungsfähigkeit und persönlicher Betreuung ist aus meiner Sicht ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal gegenüber vielen internationalen Anbietern.

Auch Führung verändert sich. Mitarbeitende erwarten heute mehr Eigenverantwortung, Sinnstiftung und Vertrauen. Wie würden Sie Ihre persönliche Führungskultur beschreiben und welche Werte sollen die Zusammenarbeit in der Bank prägen?
Hauer: Vier Dinge sind mir besonders wichtig: Vertrauen, Wertschätzung, Leistungsbereitschaft und Freude. Vertrauen ist für mich die Grundlage guter Zusammenarbeit. Ich selbst brauche Vertrauen, um gute Leistungen erbringen zu können, und deshalb versuche ich auch anderen dieses Vertrauen entgegenzubringen. Wertschätzung bedeutet für mich, allen Menschen auf Augenhöhe zu begegnen – unabhängig von ihrer Position. Der dritte Punkt ist wie bereits erwähnt die Einsatzbereitschaft. Ich versuche, jeden Tag mein Bestes zu geben, und möchte andere dazu motivieren. Nicht im Sinn von Perfektionismus, sondern mit dem Anspruch, persönlich zu wachsen und die eigenen Möglichkeiten auszuschöpfen. Und schließlich die Freude. Arbeit und Zusammenarbeit sollen Freude machen. Ohne Freude entsteht auf Dauer kein nachhaltiger Erfolg.

Raiffeisen NÖ-Wien verfügt über bedeutende Beteiligungen in unterschiedlichen Geschäftsfeldern. Welche strategische Rolle spielen diese Beteiligungen künftig und wo sehen Sie die größten Hebel für nachhaltige Wertschöpfung und Resilienz?
Hauer: Wir sind heute tatsächlich mehr als eine Bank. Unser Beteiligungsportfolio umfasst Bankbeteiligungen, Agrarwirtschaft, Infrastruktur, Medien und zunehmend auch den Energie- und den Gesundheitsbereich. Diese breite Diversifizierung macht uns stabil und widerstandsfähig. Ich sehe uns als langfristigen und verlässlichen Eigentümer. Die Diversifikation unseres Portfolios ist ein wesentlicher Stabilitätsfaktor. Branchen entwickeln sich in unterschiedlichen Konjunkturphasen unterschiedlich. Genau diese Ausgewogenheit stärkt unsere Resilienz. Natürlich müssen wir auf große Trends wie Digitalisierung oder demografischen Wandel reagieren und Veränderungen anstoßen, wo sie notwendig sind. Gleichzeitig ist es wichtig, ein stabiler Partner für unsere Beteiligungen zu sein. Wir verfügen dort über starke Managementteams und wollen gemeinsam mit ihnen die Unternehmen weiterentwickeln. Unser Anspruch ist es, auch künftig mehr als eine Bank zu sein und Wertschöpfung in unterschiedlichen Bereichen der österreichischen Wirtschaft zu ermöglichen.

Viele Unternehmen beschäftigen sich derzeit mit Effizienz und Produktivität. Sie sprechen von einer „Organisation im Flow“. Was verstehen Sie darunter und welche Rahmenbedingungen brauchen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, um Höchstleistungen erbringen zu können?
Hauer: Der Begriff Flow kommt ursprünglich aus dem Sport, findet sich aber auch in vielen anderen Lebensbereichen. Er beschreibt einen Zustand, in dem Menschen hoch konzentriert sind, ihre Potenziale ausschöpfen und Freude an dem haben, was sie tun. Genau das möchte ich auch für unsere Organisation erreichen. Von uns erwarten Kundinnen und Kunden, Eigentümer und Aufsicht jeden Tag Bestleistungen. Deshalb müssen wir Rahmenbedingungen schaffen, die Höchstleistungen ermöglichen. Ein zentraler Faktor ist Freude an der Arbeit. Menschen müssen Herausforderungen annehmen können, ambitionierte Ziele verfolgen und die Möglichkeit haben, persönlich zu wachsen. Wir sprechen oft über wirtschaftliches Wachstum. Ich bin überzeugt, dass wirtschaftlicher Erfolg die logische Konsequenz ist, wenn Menschen persönlich wachsen können. Deshalb möchte ich eine Organisation schaffen, in der Herausforderungen angenommen werden, Zusammenarbeit auf Augenhöhe stattfindet und Menschen gerne Verantwortung übernehmen.

Wenn Sie auf die großen Herausforderungen der kommenden Jahre blicken – geopolitische Unsicherheiten, wirtschaftliche Transformation, Digitalisierung, gesellschaftlichen Wandel: Welche Verantwortung hat eine führende Regionalbank für die Entwicklung ihres Wirtschaftsraums und welchen Beitrag möchte Raiffeisen NÖ-Wien leisten?
Hauer: Ich sehe hier drei zentrale Aufgaben: Stabilität, Orientierung und Interessenvertretung. Erstens sind wir ein stabiler Partner für Unternehmen und Menschen in der Region. Zweitens müssen wir selbst Verantwortung übernehmen und aktiv vorangehen. Ich halte wenig davon, immer nur auf andere zu schauen. Unternehmen haben die Aufgabe, selbst Lösungen zu entwickeln und Entwicklungen mitzugestalten. Und drittens müssen wir die Anliegen unserer Kundinnen und Kunden sowie unserer Mitglieder einbringen. Als genossenschaftliche Organisation sind wir sehr nahe an den Menschen und wissen, wo die Herausforderungen liegen. Diese Erfahrungen in die gesellschaftliche und politische Diskussion einzubringen, gehört für mich ebenfalls zur Verantwortung einer Regionalbank. Am Ende geht es um Vertrauen. Österreich braucht wieder mehr Vertrauen in die Zukunft. Vertrauen entsteht, wenn Menschen und Unternehmen optimistisch vorangehen und bereit sind, Verantwortung zu übernehmen.

AusgabeRZ28-2026

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