Diversität: „Macht es nicht einfacher, aber besser“

Mit dem 5. Bundeskongress „Diversität & WIR“ des Raiffeisen Campus ging die erste große Veranstaltung im neuen Raiqa in Innsbruck über die Bühne. Im Mittelpunkt stand Vielfalt – nicht als Schlagwort, sondern als strategische Frage.

Wie gelingt es, Vielfalt im Sinne von unterschiedlichen Perspektiven für bessere Entscheidungen, stärkere Teams und mehr Zukunftsfähigkeit für Unternehmen zu nutzen? Diese Fragen stellten Martina Weissenbök und Josef Buchleitner vom Raiffeisen Campus Experten beim 5. Bundeskongress Diversität & WIR.

Schon der Veranstaltungsort passte zum Thema. Das neue Raiqa der Raiffeisen-Landesbank Tirol versteht sich als Ort der Begegnung und vereint unterschiedliche Funktionen unter einem Dach – von Bank über Hotel bis zu Kunstgalerie und Kaffeehaus. „Vielfalt macht es nicht einfacher, aber besser“, ist Christof Splechtna, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der RLB Tirol, vom Konzept überzeugt. Auch Hermann Kuenz aus dem Vorstand des Raiffeisenverbands Tirol, der gemeinsam mit der RLB Tirol Gastgeber des Kongresses war, unterstrich: „Diversität ist die beste Chance, eine Vielfalt der Perspektiven zu erhalten. Wenn wir uns die wirtschaftliche Situation anschauen, werden wir diese Vielfalt brauchen.“

Verbindungen statt Silos

Warum Vielfalt gerade in wirtschaftlich herausfordernden Zeiten wichtig ist, zeigte Managementexpertin, Buchautorin und „Übermorgendenkerin“ Anne Schüller. „Vielfalt verbindet“, sagte sie. Unternehmen müssten klassische „Alpha-hierarchische Machthierarchien“ und Silodenken hinterfragen. In vielen Organisationen fehle jenes verbindende Element, das sich zwischen Abteilungen, Funktionen und Ebenen bewegt. „In der neuen Businesswelt sind Verbindungen aber entscheidend“, ist Schüller überzeugt.

Innovation, Digitalisierung, Agilität und Kundenerlebnis entstünden heute nicht mehr isoliert, sondern quer durch Unternehmen. Dafür brauche es neue Formen der Zusammenarbeit und eine Entscheidungskultur, die unterschiedliche Sichtweisen zulässt. Technologie und KI könnten dabei unterstützen, „aber nur, wenn Sie jeden Tag ein bisschen besser, angenehmer, professioneller werden, werden Sie die Zukunft erreichen“, prognostizierte Schüller.

Anne Schüller
Anne Schüller © Sabine Klimpt

Inklusion als Wettbewerbsvorteil

Wie Diversität bei Raiffeisen konkret umgesetzt wird, wurde in mehreren Talkrunden deutlich. Bei Raiffeisen Capital Management setzt man darauf, dass Initiativen auch aus der Belegschaft heraus entstehen. „Wir haben ein Diversitätsteam, das alle Themen in ihrer Breite abbildet. Wir sind zum Beispiel sehr stolz darauf, dass wir das Thema Inklusion auf die Landkarte gesetzt haben“, berichtete Sabine Macha, Head of Productmanagement.

Dass Inklusion mehr ist als soziale Verantwortung, machte Bettina Unger vom Betriebsservice Tirol deutlich. Sie begleitet die RLB Tirol seit 2023 auf dem Weg zu gelebter Inklusion. „Vielfalt heißt, zur Party eingeladen zu werden. Inklusion heißt, zum Tanzen aufgefordert zu werden“, zitierte Unger Verena Myers.

In Österreich haben rund 25 Prozent der Menschen eine Behinderung oder Beeinträchtigung – körperlich, geistig oder durch chronische Erkrankungen. „Daher kann man nicht sagen, das ist eine Randgruppe, die man wirtschaftlich ignorieren kann“, sagte Unger. Inklusionsmanagement sei auch Risikomanagement, weil es auf die Bedürfnisse der Mitarbeiter eingehe und Arbeitsfähigkeit sichere. Zugleich sei Inklusion am Arbeitsplatz „ein handfester Wettbewerbsvorteil“, denn „die Generierung von neuen Ideen steigt, je inklusiver ein Team ist“.

Talkrunde beim Kongress
© Sabine Klimpt

Mehr Frauen in Gremien

Ein weiterer Schwerpunkt lag auf Frauen in Führungs- und Funktionärspositionen. Bettina Kastner, Personalleiterin des Österreichischen Raiffeisenverbands, verfolgt seit Jahren das Ziel, mehr Frauen in den Gremien zu etablieren. Mit der Gründung des Funktionärinnen-Beirats im Jahr 2014 fiel der Startschuss. Das Zwischenziel von 25 Prozent Frauenanteil bei Funktionären der Bankengruppe wurde 2025 erreicht. Molkereien und Lagerhäuser liegen derzeit bei rund 15 Prozent. „Das war kein Spaziergang“, sagte Kastner. Bis 2030 soll der Frauenanteil auf 33 Prozent steigen.

In der Steiermark ist man mit knapp 29 Prozent Funktionärinnen in den Banken bereits auf einem guten Weg, berichtete Peter Weissl, Verbandsdirektor des RV Steiermark. Für ihn ist Diversität auch eine Frage der Glaubwürdigkeit: „Raiffeisen kommt aus der Mitte der Gesellschaft. Daher muss man auch bei männlichen Verantwortungsträgern das Bewusstsein schärfen, dass Vielfalt und Diversität positiv für uns sind. Sie treiben ein Unternehmen voran.“ 

Dass Führung immer dann besonders erfolgreich ist, wenn männliche und weibliche „Fakultäten“ zusammenspielen, wusste Teresa Zimmermann von der WU Wien. Gemeint sind Stärken wie Klarheit, Struktur und Tatkraft einerseits sowie Intuition, Verbindung und Empathie andererseits. „Eine Fakultät kommt ohne die andere nicht weiter“, ist sie überzeugt.

Netzwerke und Karrierewege

Wie wichtig Netzwerke für Veränderung sind, zeigte Claudia Lohmeier, Diversitätsbeauftragte im RV Tirol, am Beispiel des Frauen-Netzwerks „Frieda“. Vor zehn Jahren gegründet, stärkt die Plattform Mitarbeiterinnen und Funktionärinnen von Raiffeisen, macht sie sichtbar und unterstützt sie auf ihrem Karriereweg. „Ich freue mich über jeden Mosaikstein“, sagte Lohmeier. Karin Kössler, Vorständin der Raiffeisenbank Hall in Tirol, sprach über ihren persönlichen Weg in eine Führungsposition – ihr ist es ein besonderes Anliegen, Mitarbeiterinnen zu ermutigen, Verantwortung und Führung zu übernehmen. Flexible Zeitmodelle spielen dabei eine Rolle, denn „Arbeitszeit ist nicht gleichzusetzen mit Leistung“. Ebenso wichtig seien Fort- und Weiterbildung.

Dass Frauen sich oft zu wenig zutrauen, zeigte auch eine Analyse des Diversitätsinstituts der WU Wien, die vom Raiffeisen Campus in Auftrag gegeben wurde. In der Steiermark möchte man Frauen deshalb mit einem Führungskräfteprogramm gezielt ansprechen. Auch in Salzburg soll Karriereförderung breiter gedacht werden. „Alle Führungskräfte haben den Auftrag, Talente zu erkennen und zu unterstützen“, sagte Anna Doblhofer-Bachleitner, Geschäftsleiterin des RV Salzburg, wo der Kongress 2025 stattgefunden hat. „Der Diversitätskongress war ein echter Boost im Unternehmen“, erinnerte sie sich an den Effekt unter den Mitarbeitern.

In der RLB Tirol wird Gleichberechtigung auch mit Blick auf Entlohnung thematisiert. „Es darf keine Lücken geben“, unterstrich Vorständin Gabriele Kienast mit Blick auf den Gender Pay Gap. Mit einem Diversitätsbeauftragten in jeder Tiroler Bank möchte man außerdem die Möglichkeit nutzen, Themen in die Breite zu tragen.

Vielfalt in der Region

Dass Diversität nicht nur innerhalb von Unternehmen, sondern auch in der Region gelebt wird, zeigte das Beispiel der Raiffeisenbank Region Schärding. Vorstand Michael Hamedinger und Marketingleiterin Bettina Friedl berichteten, wie stark die Bank in Vereine, Ehrenamt und regionale Strukturen eingebunden ist. Rund 18.500 Genossenschaftsmitglieder zählt die Bank. „Wir sind der finanzielle Nahversorger der Region. Wir unterstützen die Vereine nicht nur finanziell, sondern auch personell“, sagte Hamedinger. 

Rund die Hälfte der Mitarbeiter engagiert sich freiwillig. In Summe kommen dadurch 12.264 Stunden pro Jahr zusammen – bei Veranstaltungen, in Kooperation mit der Caritas oder dort, wo in der Region Unterstützung gebraucht wird. Da kommt es auch vor, dass Michael Hamedinger persönlich an der Tür läutet, um Essen auf Rädern zu servieren.

Jung und Alt gemeinsam denken

Auch die Zusammenarbeit der Generationen war Thema des Kongresses. Sie kann herausfordernd sein, bietet aber großes Potenzial, wenn Schubladendenken überwunden wird. Im Raiffeisenverband Salzburg wurde dafür ein Generationenforum gegründet. Zusätzlich werden Unter-30-Jährige gezielt mit einem Netzwerk unterstützt. „Wir Älteren haben die Verpflichtung, die Jüngeren zu unterstützen“, sagte Andreas Korda, Geschäftsleiter der der RB Korneuburg. Entscheidend sei das Bewusstsein, dass Menschen unterschiedliche Bedürfnisse und Zugänge haben. Lisa Spöck, Vorständin des RV Tirol, brachte es auf den Punkt: „Mein Normal ist nicht das Normal einer anderen Person.“ Das bestätigte auch Karate-Weltmeisterin Alisa Buchinger, die junge Sportler trainiert und die Bedeutung von Mentoren für den Nachwuchs hervorhob.

Besonders sensibel wird Generationenmanagement dort, wo Funktionen und Verantwortung übergeben werden. Bettina Staiger, Personalleiterin im RV Salzburg, sieht den Erfolg eines guten Übergangs im richtigen Zeitmanagement. „Übergänge sind eine extrem spannende Phase“, sagte Christian Seidl vom Raiffeisen Campus. Dabei gehe es vor allem um Emotionen. „Was managerbar ist, ist die leichtere Übung.“ Ein Seminar zum Thema ist bereits geplant.

Vielfalt verankern

Der 5. Bundeskongress „Diversität & WIR“ zeigte, wie breit das Thema Vielfalt bei Raiffeisen mittlerweile gedacht wird. Es geht um Führung und Gremien, um Inklusion, Gleichberechtigung, Generationenwechsel, regionale Verantwortung und neue Formen der Zusammenarbeit. Der wirtschaftliche Nutzen stand dabei ebenso im Mittelpunkt wie die Frage, wie Diversität dauerhaft in Strukturen und Entscheidungen verankert werden kann.

Der nächste Kongress zum Thema Diversität ist bereits in Planung. Davor lädt der Raiffeisen Campus im Oktober 2026 zum Kongress für Lebens- und Arbeitsfreude. Gastgeber am 5. und 6. Oktober ist die RLB NÖ-Wien.

AusgabeRZ26-2026

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