Dachverbandstagung: Kooperation mit Weitsicht

Seit fünf Jahrzehnten gibt der Dachverband der österreichischen Raiffeisen-Geschäftsleitervereinigungen der Primärebene im Sektor eine starke gemeinsame Stimme. Bei der diesjährigen Jahrestagung wurde der Blick für die Zukunft geschärft.

Auf 50 Jahre Netzwerken, Innovation, Wandel, Kooperation und „Verbundfreude“ blickten insgesamt mehr als 200 Geschäftsleiter und 50 Ehrengäste bei der Jahrestagung des Dachverbands der Geschäftsleitervereinigungen im Palais Niederösterreich zurück. Dabei stand für Dachverbandspräsident Andreas Weber, Geschäftsleiter der Raiffeisenbank Region Amstetten, der Austausch über die Bundesländergrenzen hinweg im Vordergrund, um neue Impulse zu bekommen.

Es sei dem Dachverband in der Vergangenheit sehr viel gelungen, etwa als Motor und Unterstützer der Verbundunternehmen. Dennoch müsse man ständig weiterarbeiten, etwa am zentralen Thema Vertrauen, um auch künftig als Bankengruppe erfolgreich zu bleiben, betonte Weber in seinem Eröffnungsstatement der zweitägigen Veranstaltung.

Martin Hauer bei der Dachverbandstagung 2026
Generaldirektor Martin Hauer skizzierte die aktuellen Herausforderungen für Banken. © Sabine Klimpt

Martin Hauer, Generaldirektor von Raiffeisen NÖ-Wien, strich die guten Halbjahreszahlen der Raiffeisenbanken auf allen Stufen hervor und ergänzte: „Die Raiffeisen Bankengruppe ist stabil aufgestellt und das ist gut so, denn die Herausforderungen, die vor uns liegen, werden immer größer.“ Um diese bewältigen zu können, seien stabile Eigentümer notwendig. Volatilität dominiere die Weltwirtschaft. „Wir sind tagtäglich damit konfrontiert, dass alles ein bisschen unsicherer wird“, sagte der Generaldirektor. Daher sei Anpassungsfähigkeit gefragter denn je. Die Herausforderungen aus der demografischen Entwicklung seien gerade für Dienstleister wie Banken immens: „Wir müssen die Kompetenz, die wir in den letzten Jahren aufgebaut haben, auch weiterhin halten. Das ist nicht selbstverständlich“, so Hauer. 

Auch die überbordende Regulatorik bleibe ein großes Thema für Banken. „Ich glaube nicht, dass wir davon träumen sollten, dass sie irgendwann weniger wird“, so Hauer. Es gehe darum, innerhalb dieser Rahmen­bedingungen zu agieren. Allerdings warnte er davor, Regularien als Ausrede heranzuziehen, um neue Wege nicht zu gehen. Denn diese seien notwendig, um „die unglaublichen Herausforderungen der Digitalisierung“ zu stemmen. „Künstliche Intelligenz beschäftigt uns schon heute und sie wird auch in den nächsten Jahren ein zentrales Thema sein.“ Es gehe darum, dieses mächtige Werkzeug zu nutzen, um den Wettbewerbsvorsprung zu halten bzw. weiter auszubauen. Dafür brauche es die richtige Einstellung, um gemeinsam Lösungen zu erarbeiten und daran zu wachsen. „Wenn wir das berücksichtigen, dann bin ich sehr zuversichtlich, dass wir auch in 50 Jahren eine der stärksten Bankgruppen in Österreich sein werden“, zeigte sich Hauer zuversichtlich.

Das Präsidium des Dachverbandes – Klaus Ahammer, Martin Huber und Andreas Weber – blickt mit Moderator Christian Seidl (Raiffeisen Campus) auf bewegte 50 Jahre zurück.
Das Präsidium des Dachverbandes – Klaus Ahammer, Martin Huber und Andreas Weber – blickt mit Moderator Christian Seidl (Raiffeisen Campus) auf bewegte 50 Jahre zurück. © Sabine Klimpt

Der Wert von Kooperation

Seit Gründung des Dachverbandes 1976 habe man sich als „verbindender Faktor“ gesehen, um das Vertrauen innerhalb der Raiffeisen Bankengruppe zu stärken. „Die Zusammenarbeit im Dachverband ist etwas Besonderes“, betonte dazu Klaus Ahammer, Vizepräsident des Dachverbandes und Geschäftsleiter der Raiffeisenbank Salzkammergut. Gerade in dieser herausfordernden Zeit sei das Miteinander besonders wichtig und werde den Grad des Erfolges bestimmen.

Den Wert von Kooperation beschrieb Martin Huber, Vizepräsident des Dachverbandes und Geschäftsleiter der Raiffeisenbank Hohe Tauern, folgendermaßen: „Vertrauen ist die größte Basis, die wir uns in den vergangenen Jahren aufgebaut haben. Das ist der Grundpfeiler unseres Geschäfts.“ Gegenseitige Wertschätzung und das Begegnen auf Augenhöhe seien dafür unabdingbar. Gerade die Mischung von kleinen und großen Banken, aber auch Kreditinstituten aus unterschiedlichen Regionen trage zum Erfolg Raiffeisens bei. „Am Ende des Tages finden wir immer wieder einen Kompromiss“, strich Huber hervor. 

Johannes Rehulka bei der Dachverbandstagung 2026
ÖRV-Generalsekretär Johannes Rehulka strich die Stärke von Raiffeisen Österreich hervor. © Sabine Klimpt

Finanzieller Nahversorger

Der Generalsekretär des Österreichischen Raiffeisenverbandes (ÖRV), Johannes Rehulka, beleuchtete die aktuellen Rahmenbedingungen für die Raiffeisenbanken. Mit einer kumulierten Bilanzsumme von 419 Mrd. Euro, Marktanteilen bei Einlagen und Krediten von jeweils rund 35 Prozent sowie dem dichtesten Bankstellennetz Österreichs nehme die Raiffeisen Bankengruppe eine besondere Stellung unter den europäischen Regionalbanken ein. Damit trage sie zugleich eine wesentliche Verantwortung für die finanzielle Nahversorgung in Österreich. 

Gleichzeitig steige der Druck auf die Banken durch staatliche Maßnahmen, erklärte Rehulka. „Der Bundesschatz als Veranlagungsprodukt soll ausgebaut werden und der digitale Euro steht vor der Tür. Beides zieht Liquidität aus dem System.“ Auch die Bankensteuer werde auf hohem Niveau bleiben. Bei der Regulierung könnte es hingegen zu Entlastungen für Regionalbanken kommen.

Kundenbefragungen zeigen, dass besonders die kompetente Beratung und die guten Erfahrungen mit Raiffeisen geschätzt würden. Verbesserungspotenzial gebe es dagegen beim Online- und App-Banking. Insgesamt sieht Rehulka die Gruppe aber gut aufgestellt: „Raiffeisen muss sich aber nicht verstecken. Wir haben beste Voraussetzungen und ein großes Netzwerk mit den Verbundunternehmen. Aus dieser Stärke heraus sollten wir in die Zukunft investieren.“

Fokus auf die RBI

Den Blick über den Tellerrand hinaus Richtung Osteuropa brachte Michael Höllerer, Generaldirektor der Raiffeisen Bank International (RBI), in die Jahrestagung ein. Die RBI und ihre Netzwerkbanken blicken auf ein erfolgreiches erstes Halbjahr. „Wir haben auch organisch einiges vor“, sagte Höllerer. Mit der Übernahme der BBVA-Garanti-Bank in Rumänien und der Addiko Bank mit Sitz in Wien und Töchtern in der CEE-Region habe man zwei Akquisitionen im Laufen. Bei Letzterer gehe es für die RBI vor allem um die Kroatien-Tochter der Addiko-Bank, um unter die Top-4-Kreditinstitute im Land zu kommen. Damit wolle man die Relevanz und Präsenz am kroatischen Markt ausbauen.

Wie Banken in Österreich stehe auch die auf Osteuropa fokussierte RBI vor ähnlichen Herausforderungen. „Kunden gewinnen, Kunden binden und Erlöse steigern – das ist der Weg, der für uns vorgezeichnet ist, an dem wir über die gesamte Gruppe hinweg arbeiten“, so Höllerer. Im Vorjahr konnte die Bank insgesamt über 600.000 neue Kunden in ihren Märkten dazugewinnen. Bei der Akquisition von Neukunden spiele das digitale Angebot eine immer wichtigere Rolle. „Das hat sich in den vergangenen Jahren massiv verschoben und wird immer intensiver“, berichtete Höllerer.

Beim Thema Russland sei das klare Ziel nach wie vor, den Markt zu verlassen. Die Bank habe das Geschäftsvolumen dort seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine im Jahr 2022 massiv zurückgefahren. Höllerer hofft nun auf eine positive rechtskräftige gerichtliche Entscheidung der Klage gegen den russischen Strabag-Aktionär Rasperia in Wien. Im Sommer hatte die RBI eine Klage über 3,15 Mrd. Euro gegen Rasperia eingebracht, um Schäden zu kompensieren, die der russischen RBI-Tochter durch Rasperia-Klagen in Russland entstanden sind. Das Landesgericht für Zivilrechtssachen Wien hat nun ein Versäumungsurteil gegen Rasperia erlassen und diese zur eingeklagten Schadenersatzzahlung verpflichtet. 

Michael Höllerer bei der Dachverbandstagung 2026
RBI-Chef Michael Höllerer gibt den Geschäftsleitern ein Update zur RBI. © Sabine Klimpt

Als „emotional beste Bank“ in der Gruppe bezeichnete Höllerer die Tochter in der Ukraine, die angesichts des menschlichen Leids und des Krieges Unglaubliches leiste. Die Bank sei hochinnovativ und sehr resilient. Rund 5.000 Mitarbeiter halten den Bankbetrieb unter widrigsten Umständen aufrecht.

In der RBI-Gruppe sei der Fokus besonders auf die Themen Innovationen und Synergien gerichtet. Dabei gelte es aber auch, die Themen Resilienz und Sicherheit im Auge zu behalten. 

RBI-Vorstand Rainer Schnabl, zuständig für Produkte und Lösungen für das Corporate & Investment Banking (CIB), betonte, dass man bei vielen innovativen Wegen oft weiter sei, als man es kommuniziere. So arbeite man etwa aktuell mit der Oesterreichischen Kontrollbank (OeKB) daran, erstmals via Blockchain-Technologie Unternehmens- und Staatsanleihen in einer tokenisierten Form zu begeben. „Neue Wege entstehen nicht durch Warten, sondern durch Gehen. Das sollten wir uns zu Herzen nehmen“, gab Schnabl den Teilnehmern der Dachverbandstagung mit. 

KI als Führungsthema

Welche Auswirkungen Künstliche Intelligenz (KI) auf genossenschaftliche Regionalbanken hat, analysierte Viktoria Schäfer von der Akademie Deutscher Genossenschaften. Für sie ist KI vor allem ein Führungs- und Transformationsthema – und nicht bloß eine Frage der IT. Entscheidend sei, die Technologie strategisch zu verankern und dabei den Menschen im Blick zu behalten: „The more high tech, the more high touch.“

Denn KI verändert nach Einschätzung der Expertin nicht nur technische Abläufe, sondern auch Entscheidungsprozesse, Führung und die Beziehung zu Mitgliedern und Kunden. „Wir sind jedenfalls die letzte Generation, die nur Menschen führt – und nicht auch schon KI-Agenten“, ist Schäfer überzeugt. Führung werde sich daher in den kommenden Jahren zunehmend hybrid gestalten. Führungskräfte müssten neben der „Menschensprache“ künftig auch eine „Systemsprache“ beherrschen und lernen, mit KI-Systemen umzugehen und diese gezielt zu steuern.

KI-Expertin Viktoria Schäfer bei der Dachverbandstagung 2026
KI-Expertin Viktoria Schäfer © Sabine Klimpt

Wie groß der Handlungsbedarf ist, zeigt eine aktuelle Untersuchung unter deutschen Genossenschaftsbanken. Demnach besteht noch eine deutliche Lücke zwischen der strategischen Bedeutung, die KI zugeschrieben wird, und ihrer tatsächlichen Umsetzung. „Viele Genossenschaftsbanken haben die Relevanz erkannt – die Umsetzung steckt aber noch in den Kinderschuhen“, so Schäfer. Zwar messen 40 Prozent der untersuchten Banken KI eine hohe oder sehr hohe strategische Bedeutung bei, doch nur zwei Prozent sehen sich selbst als Vorreiter. 39 Prozent verfügen bislang über keine eigenen Strukturen für den Umgang mit KI.

Gerade für Genossenschaftsbanken sieht Schäfer dennoch gute Voraussetzungen, den technologischen Wandel für sich zu nutzen. „Das genossenschaftliche Geschäftsmodell ist hervorragend geeignet, um Haltung zu institutionalisieren und Nähe als Strategie zu etablieren.“ Als Zukunftsmodell skizziert sie eine „Beziehungsbank“, die Kundennähe und Mitgliedschaft mit den Möglichkeiten der KI verbindet: Standardleistungen können zunehmend technologisch unterstützt oder übernommen werden, während die persönliche Begegnung dort an Bedeutung gewinnt, wo Beratung, Vertrauen und Beziehung gefragt sind. „Technologie macht menschliche Nähe nicht überflüssig, sondern umso wertvoller“, fasste Schäfer zusammen.

AusgabeRZ39-2026

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