Warum rückt die digitale Souveränität in den Fokus?
Erwin Hameseder: Die digitale Souveränität ist heute eine strategische Frage der nationalen und wirtschaftlichen Sicherheit. Wirtschaft, staatliche Institutionen und kritische Infrastrukturen wie Banken müssen auch im Krisenfall handlungsfähig bleiben.
Daten in den USA, Hardware aus Asien – hat sich Europa in der Vergangenheit zu sehr angreifbar gemacht?
Hameseder: Europa hat von der Globalisierung enorm profitiert, dabei aber kritische Abhängigkeiten aufgebaut. Die jüngsten Krisen haben unsere Verwundbarkeit schmerzhaft vor Augen geführt. Wir müssen also Schlüsseltechnologien wieder stärker nach Europa holen.
Auf staatlicher, politischer Ebene gibt es momentan viele Ansatzpunkte – bis hin zu europäischen Zahlungsdienstleistern und KI-Verordnung. Wie intensiv arbeitet die Wirtschaft an der digitalen Souveränität?
Hameseder: Regulierungen wie die KI-Verordnung setzen Leitplanken, der operative Antrieb muss aber aus den Unternehmen selbst kommen. Die Investitionen in sichere Datenräume und digitale Kompetenzen nehmen zu, auch bei Raiffeisen NÖ-Wien.
Merkt man schon konkrete Verbesserungen?
Roland Mechtler: Es gibt deutliche Fortschritte, aber der Umbau braucht Zeit. Bei Hochleistungs-KI ist Europa etwa stark von ausländischen Anbietern aus den USA und Asien abhängig. Laut ifo-Institut befinden sich aktuell rund 75 Prozent der weltweiten Hochleistungs-Rechenkapazität für moderne KI in den USA, während die EU einen Anteil von unter 5 Prozent hält. Europa wird die USA und Asien hier auf absehbare Zeit nicht einholen. Im digitalen Zahlungsverkehr ist viel in Bewegung: Die European Payments Initiative (EPI) mit dem Bezahldienst Wero ist ein wesentlicher Schritt hin zu mehr Auswahl und Effizienz. Wir sind von dieser Lösung überzeugt und treiben den Ausbau in Österreich aktiv voran.
Was bedeutet digitale Souveränität für ein Unternehmen und im konkreten Fall für eine Bank?
Mechtler: Für uns umfasst digitale Souveränität den Schutz sensibler Daten, die Resilienz unserer Geschäftsprozesse, die Unabhängigkeit unserer Systeme und Rechtssicherheit. Auch aus kommerzieller Sicht ist es wichtig, Anbieter grundsätzlich wechseln zu können.
Arbeitet man im europäischen oder österreichischen Bankensektor an gemeinsamen Lösungen?
Hameseder: Digitale Souveränität entsteht nicht im Alleingang, sondern durch strategische Zusammenarbeit auf nationaler wie auf europäischer Ebene. Ein aktuelles Beispiel ist unsere Partnerschaft mit Wise, einem führenden Technologieunternehmen für grenzüberschreitende Zahlungen. Die Kunden der RLB NÖ-Wien können über die „Wise-Platform“ internationale Überweisungen in mehr als 160 Länder und Zahlungen in über 40 Währungen schnell und günstig abwickeln. Eine solche strategische Zusammenarbeit zahlt auch in die europäische Wettbewerbsfähigkeit und Unabhängigkeit ein.
Mechtler: Kooperationen sind im Bankensektor seit langem ein wichtiger Erfolgsfaktor, etwa über gemeinsame IT-Dienstleister, Rechenzentren und Zahlungsinfrastrukturen. Diese Erfahrungen kommen uns jetzt zugute. Klar ist: Bei allen Vorteilen von gemeinsamen Lösungen – die Verantwortung für Risiko, Architektur und Resilienz lässt sich nicht auslagern.
Welche Maßnahmen setzt man für das eigene Haus? Wo sollte Raiffeisen technologisch weniger abhängig sein?
Hameseder: Unser Fokus liegt auf hohen IT-Sicherheitsstandards, dem strategischen Aufbau digitaler Kompetenzen und auf der Zusammenarbeit mit starken Partnern. Als Regionalbank haben wir auch Interesse daran, dass kritische Technologien und Wertschöpfung wieder stärker nach Europa geholt werden.
Mechtler: Das Ziel dabei ist nicht, jede Abhängigkeit komplett zu vermeiden. Es geht vielmehr darum, kritische Abhängigkeiten so zu gestalten, dass sie steuerbar bleiben. Entscheidend ist zudem die Fähigkeit, Anbieter im Bedarfsfall wechseln zu können.
Sind eigene Rechenzentren in Zeiten wie diesen die beste oder einzige Lösung, um die Kontrolle etwa über Daten zu behalten?
Mechtler: Eigene Rechenzentren sind ein wichtiger Baustein der digitalen Souveränität. Sie lösen aber nicht alle Abhängigkeiten. Auch im Eigenbetrieb bleiben wir auf Hardware, Prozessoren, Virtualisierung, Datenbanken, Sicherheitssoftware, Lizenzen, Support und internationale Lieferketten angewiesen. Entscheidend ist, ob das System bei Liefer-, Lizenz-, Update- oder Supportausfällen weiterhin betrieben oder innerhalb der benötigten Zeit wiederhergestellt werden kann. Für besonders kritische Systeme kann daher ein eigenes oder gemeinsam betriebenes Rechenzentrum sinnvoll sein. Europäische Cloud-Angebote können zusätzliche Flexibilität und Kontrolloptionen schaffen. Bei anderen Anwendungen kann ein US-amerikanischer Cloud-Dienstleister sinnvoll sein. Entscheidend ist, dass Betriebshoheit, Zugriffsschutz, Vertragsbedingungen und Wiederanlauffähigkeit zusammenpassen.

Mehr Unabhängigkeit kostet Geld. Wie viel digitale Souveränität kann und will sich eine Bank leisten, wenn internationale Anbieter technologisch besser oder günstiger sind?
Mechtler: Bei kritischen oder wichtigen Funktionen ist ein höherer Aufwand etwa für unabhängige Wiederherstellungsmöglichkeiten oft gerechtfertigt. Bei weniger kritischen Anwendungen können andere wirtschaftliche Abwägungen sinnvoll sein. Zudem stärkt die Wechselbereitschaft immer die eigene Verhandlungsposition.
Werden IT-Standards und Zertifizierungen in Zukunft noch wichtiger, um externe Anbieter überhaupt wechseln zu können?
Mechtler: Hier setzt bereits der EU Data Act an. Er schreibt vor, dass Cloud- und Datenverarbeitungsdienste technische und vertragliche Hürden für den Anbieterwechsel abbauen müssen, um den herstellerunabhängigen Wechsel zu erleichtern oder die gleichzeitige Nutzung mehrerer Anbieter zu ermöglichen.
Die EU-Regulierung steigt und soll mehr Sicherheit bringen. Sehen Sie die Gefahr, dass die Wettbewerbsfähigkeit europäischer Unternehmen darunter leidet?
Hameseder: Regulierung ist wichtig für Sicherheit und Stabilität, sie darf der wirtschaftlichen Dynamik aber nicht widersprüchlich gegenüberstehen. Europa ist und bleibt Regulierungsweltmeister, das gilt besonders für die Finanzbranche. Die EU-Omnibus-Pakete versprechen zwar Entlastungen für die Wirtschaft, nur spüren wir bis jetzt noch nichts davon. Europa muss endlich den Turbo der Entbürokratisierungen einschalten. Auch Österreich ist gefordert, EU-Regulatorik nicht zusätzlich zu vergolden.
Mechtler: Dem kann ich mich nur anschließen.
Für digitale Souveränität sind auch die Ausbildung und die Sensibilisierung für das Thema wichtig. Wie weit ist man da bei der RLB NÖ-Wien?
Hameseder: Technologie setzt immer beim Menschen an. In der RLB NÖ-Wien investieren wir kontinuierlich in die Aus- und Weiterbildung unserer Mitarbeitenden, insbesondere im Bereich Cyber-Security und im verantwortungsvollen Umgang mit Daten. Digitale Souveränität beginnt im Kopf, jeder Mitarbeitende muss die Risiken und den Wert digitaler Unabhängigkeit verstehen. Auch die Weiterbildung unserer Mitglieder in den Organen hat im Sinne unseres genossenschaftlichen Förderauftrags höchste Priorität.
Die Globalisierung wurde in Krisenzeiten in einigen Bereichen zum Nachteil. Sehen Sie das Zeitalter der Globalisierung als endgültig beendet an?
Hameseder: Die Globalisierung wird nicht verschwinden, aber sie verändert sich. Künftig werden Resilienz, Versorgungssicherheit und strategische Partnerschaften stärker gewichtet als die reine Kostenoptimierung. Die Zukunft gehört einem gesunden Mix aus globalem Handel und starker regionaler Wertschöpfung sowie Krisenvorsorge direkt vor Ort.
Ist eine vollständige digitale Souveränität überhaupt realistisch? Wenn ja, wie lange wird es dauern, bis man diesen Zustand erreicht?
Hameseder: Eine absolute Autarkie ist in einer vernetzten Welt weder realistisch noch sinnvoll. Es geht nicht um Abschottung, sondern um Wahlfreiheit und strategische Resilienz. Bis Europa digitale Augenhöhe erreicht hat, wird es sicher noch dauern und intensive, gemeinsame Anstrengungen von Politik und Wirtschaft benötigen.
Mechtler: Digitale Souveränität ist in erster Linie eine dauerhafte Managementaufgabe, die sich mit der technischen Entwicklung, der IT-Sicherheit, rechtlichen Veränderungen und den Geschäftsanforderungen stetig weiterentwickelt.








