„Es darf einem eigentlich nicht gut gehen“

Die Kathrein Privatbank ist im Vorjahr kräftig gewachsen. Wie gut die Bank durch die aktuelle Situation kommt, das erklärt Vorstandsvorsitzender Wilhelm Celeda.

Wilhelm Celeda im Interview
(c) RZ/Alexander Blach

Vor einem Jahr hat die Kathrein Privatbank ein Rebranding durchgeführt. Wie ist die Resonanz?
Wilhelm Celeda: Unser frischerer Ansatz wird positiv gesehen. Wir sind vom Auftritt her im Augenblick sicher die modernste Privatbank in Österreich. Wir haben versucht, ein bisschen die Ernsthaftigkeit aus Themen wie Veranlagung oder Nachfolge zu nehmen. Dafür wurden wir jetzt auch mit dem Werbe-Amor ausgezeichnet. So ein Rebranding bedeutet aber nicht nur, dass man sich neue Werbesujets überlegt, sondern wir haben viel Zeit darauf verwendet, um unsere Kernaussagen für die Zukunft zu definieren. Ein Rebranding führt auch zu einer kulturellen Veränderung im Unternehmen.

Man will mehr junge oder junggebliebene Kunden ansprechen. Ist das im Vorjahr gelungen?
Celeda: Ich glaube schon. Wir hatten im Vorjahr das historisch größte Wachstum: 18 Prozent Asset-Wachstum und selbst Performance-bereinigt sind wir zweistellig gewachsen. Mit einem Zuwachs von 10 Prozent liegen wir deutlich über dem Markt. Mit den neuen Kunden ist davon auszugehen, dass die im Schnitt schon mehr die nächste Generation sind.

Wie stark war das Wachstum im Volumen?
Celeda: Wir sind in den letzten drei Jahren von 4,6 Milliarden auf jetzt 7,5 Milliarden Euro gestiegen, da ist auch die Performance beinhaltet. Die Märkte waren sehr positiv. Heuer werden wir sehen, dass es auch in eine andere Richtung gehen kann.

Die Freude über die guten Vorjahres-Ergebnisse war nur kurz. Der Krieg in der Ukraine wird als Zeitenwende beschrieben. Wie geht es der Kathrein Privatbank seit Februar 2022?
Celeda: Es darf einem eigentlich nicht gut gehen, das verbietet die Moral. Wir hatten aber schon vor dem Krieg, also Anfang Februar, unsere Asset-Allocation deutlich defensiver aufgestellt, weil einige unserer Indikatoren zur Vorsicht geraten haben. Wir sind seit 2. Februar am tiefsten Stand, was das Aktien-Exposure anbelangt und haben gleichzeitig eine relativ kurze Duration beim Anleihen-Portfolio gewählt. Das hat uns jetzt natürlich geholfen, den Schmerz zu lindern.

Haben Sie mit so einem Extremszenario gerechnet?
Celeda: Nein, damit hat niemand gerechnet. Wir sind rechtzeitig in die richtige Richtung gegangen. Was nichts daran ändert, dass alle Portfolios Verluste hinnehmen müssen, weil wir heuer eines der wenigen Jahre haben, wo alle Assetklassen im Minus sind. Es ist in diesem Jahrhundert erst viermal vorgekommen, dass  sowohl Aktien als auch Anleihen deutlich im Minus sind.

Wie stark ist die Kathrein von den Sanktionsmaßnahmen gegen Russland betroffen?
Celeda: Da geht es allen Banken, die auch russische Kunden haben, gleich. Es war natürlich zu Beginn ein hoher Aufwand, die täglich neuen Sanktionen umzusetzen.

Wilhelm Celeda im Interview
(c) RZ/Alexander Blach

Wie sehr waren die Kunden durch die starke Präsenz der Kathrein-Mutter, der Raiffeisen Bank International, in Russland und der Ukraine verunsichert? 
Celeda: In den ersten zwei Wochen haben wir verstärkten Kommunikationsbedarf gehabt. Einerseits ist eine allgemeine Marktverunsicherung in einer solchen Situation verständlich. Die erste Beruhigung ist: Es ist keine Bankenkrise. Leider, könnte man sagen, denn eine Bankenkrise wäre aus Sicht vieler wünschenswerter gewesen. Das zweite Thema war natürlich Raiffeisen, aber da waren wir sehr schnell mit einer guten Kommunikation draußen. Wenn man sich die Ziffern der RBI anschaut und den Worst-Case rechnet, dann ist es zwar unangenehm, aber in keinster Weise existenzgefährdend. Das hat die Kunden sehr schnell beruhigt. Wir hatten auch keine Abflüsse, sondern Nettozuflüsse. 

Der Krieg hat die Inflation auf Rekordhöhen getrieben. 
Celeda: Die Inflation ist neben der menschlichen Tragödie das Hauptthema. Man hat schon während Corona gemerkt, wie verknüpft und fragil die Wirtschaft geworden ist und wie hoch die Abhängigkeiten von einzelnen Ländern bei bestimmten Produkten sind. Wir haben zwar inflationsgebundene Anleihen beigemischt, aber nicht geglaubt, dass es ein längerfristiger Trend ist. Das hat sich jetzt geändert, weil die nächste Krise – der Krieg – gekommen ist, die das noch einmal verschärft hat. Wir gehen davon aus, dass die Inflation nochmal deutlich anzieht und dass die Verwerfungen länger brauchen werden, bis sie sich beruhigen – selbst wenn das Kriegsende bald kommen sollte. Ich glaube aber, dass wir die Inflation in den nächsten ein, zwei Jahren in den Griff bekommen werden, aber nicht ohne dass es deutlichere Maßnahmen von der EZB gibt.

Die ersten Schritte wurden jetzt angekündigt.
Celeda: Ja, aber erstens zu spät und zweitens zu schwach. Es wäre jetzt wichtig, sehr schnell deutliche Zeichen zu setzen, durchaus mit dem bewussten Risiko, dass der Aufschwung weiter gedämpft wird, als er jetzt ohnehin durch den Krieg gedämpft wurde. Ich denke, dass man so schneller über diese Hochinflationszeit drüber kommt.

Welche Anlagestrategie sollte man jetzt verfolgen?
Celeda: Die Risk-off-Phase ist eigentlich vorbei. Wir warten jetzt, bis wir die ersten positiven Signale sehen, die wir dann unseren Kunden weitergeben. Es ist gar nicht so leicht, derzeit die richtigen Instrumente zu finden, die eine positive Performance schaffen. Generell sind wir allerdings schon positiv auf das heurige Jahr gestimmt, aber sehr verhalten. 

Wie schaut Ihre Prognose für das Gesamtjahr aus?
Celeda: Im Augenblick ist der Ausblick wirklich schwierig, weil viele extrem beeinflussende Faktoren im Spiel sind. Das mit Abstand Wichtigste ist der Ukraine-Krieg. Wenn morgen ein Ende in Sicht wäre, würde man das unmittelbar spüren und die meisten würden bei Aktien wieder übergewichten. Das Gleiche gilt für die Inflation. Ich hoffe, dass die EZB deutlichere Zeichen setzt. Grundsätzlich muss man sich nicht hetzen und jetzt nicht unbedingt alles sofort investieren. Wir sind noch ein bisschen vorsichtig und sehr selektiv. Die Beratung wird in solchen Zeiten wichtiger denn je. Wir hoffen, dass die Kunden unsere professionelle Meinung, die frei von Bauchgefühl ist, benutzen. Viele neigen dazu, aus einer Stimmung heraus eine Entscheidung zu treffen, in diesen Märkten sollte man das jedoch noch einmal überprüfen lassen.