Raiffeisentag 2026: Ein elitäres Angebot für alle

Staatsoperndirektor Bogdan Roščić zeigte beim Raiffeisentag, warum Zukunftsfähigkeit vor allem bedeutet, Barrieren abzubauen, ohne den eigenen Auftrag aus den Augen zu verlieren.

Traditionsreiche Institutionen stehen heute vor derselben Frage: Wie bleiben sie relevant, ohne sich selbst untreu zu werden? Roščić gab darauf eine ebenso klare wie überraschende Antwort. Unter dem Titel „Zukunft inszenieren“ sprach er über die Öffnung der Wiener Staatsoper, über den Mut zum Wandel und über den Auftrag von Institutionen, die mehr sein wollen als Anbieter eines Produkts. Gerade darin sieht er eine bemerkenswerte Parallele zu Raiffeisen.

„Es ist nichts alt an der Kunstform Oper“, betonte Roščić. Was sich ändern müsse, sei nicht die Kunst, sondern der Zugang zu ihr. „Wie bringt man junge Menschen in die Oper? Indem man sie in die Oper bringt“, brachte er es auf den Punkt. 

Dass dieser Ansatz funktioniert, habe ein außergewöhnliches Experiment der Staatsoper gezeigt: Für eine Aufführung von „Carmen“ wurden ausschließlich Besucherinnen und Besucher unter 27 Jahren eingeladen. Der Saal war voll, rund 70 Prozent des Publikums hatten zuvor noch nie eine Oper besucht. Niemand wusste, wie die Premiere bei diesem Publikum ankommen würde. Das Ergebnis überraschte selbst den Staatsoperndirektor: „Es war das aufmerksamste, respektvollste und stillste Publikum. Am Ende gab es Standing Ovations und lautstarken Jubel.“

Für Roščić war damit eine Überzeugung bestätigt: Große Kunst braucht keine Anpassung an Zielgruppen. Vielmehr müsse eine Institution dafür sorgen, dass möglichst viele Menschen die Chance erhalten, sie zu erleben: „Bühnenwerke entziehen sich Zielgruppen, sondern inszenieren die Wahrheit.“ Aufgabe der Staatsoper sei es, die großen Meisterwerke auf die Bühne zu bringen – und zwar für alle. „Die Staatsoper darf keine Zielgruppe haben.“

Genau hier sieht Roščić eine Verbindung zu Raiffeisen. Die Gemeinsamkeit liege nicht in der langjährigen Partnerschaft, sondern im Charakter der Institutionen. Weder die Staatsoper noch Raiffeisen definierten sich ausschließlich über wirtschaftlichen Erfolg. Eine Sitzplatzauslastung von 99,9 Prozent sei zwar erfreulich, sagte Roščić, doch sie dürfe nie Selbstzweck sein. Ebenso wie Raiffeisen suche die Staatsoper eine Beziehung zu den Menschen, die weit über eine klassische Kundenbeziehung hinausreiche.

Auch wirtschaftlich stehe hinter beiden Institutionen ein größerer Auftrag. Die Wiener Staatsoper werde zwar als GmbH geführt, erfülle aber einen öffentlichen Kulturauftrag. „Oper war nie ein Geschäft“, stellte Roščić klar. Rein betriebswirtschaftlich betrachtet müsste man sie sogar schließen. Tatsächlich fließe jedoch ein Vielfaches der öffentlichen Förderung über wirtschaftliche Effekte wieder an den Staat zurück. Entscheidend sei jedoch etwas anderes: Das Unternehmerische diene dem Auftrag – nicht umgekehrt.

Diese Haltung erinnere an den genossenschaftlichen Gedanken von Raiffeisen, so der Staatsoperndirektor. Auch hier stehe wirtschaftlicher Erfolg nicht isoliert im Mittelpunkt, sondern als Grundlage für nachhaltiges Handeln im Interesse der Gemeinschaft. 

Dabei gilt für Roščić eine klare Regel: „Man landet am verlässlichsten in der Sackgasse, wenn man sich dem Publikum anbiedert.“ Nicht die Kunst müsse einfacher werden, sondern die Institution müsse die Perspektive ihrer Besucherinnen und Besucher einnehmen. Kommunikation sei deshalb längst zu einem zentralen Bestandteil des Kulturwandels geworden. Ziel sei kein Haus für Eliten, sondern „ein elitäres Angebot für alle“.

Kein Patentrezept

Die Staatsoper setze dabei auf eine Vielzahl konkreter Maßnahmen – Patentrezept gebe es jedoch keines, so Roščić. Ziel sei es, möglichst viele Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Mit Kinder- und Jugendtickets oder vergünstigten Karten versuche man, möglichen „finanziellen Barrieren“ entgegenzuwirken. Andere Vorurteile – der Glaube an einen Dresscode, die Sorge, sich beim Applaus zu blamieren, oder ganz grundsätzlich das Gefühl, die Oper sei „nichts für mich“ – würden in der Kommunikation in den eigenen Medien gezielt aufgegriffen.

Formate wie „How to Oper“ oder das Opern-Air zum Saisonauftakt sollen zeigen, dass ein Opernbesuch kein „soziales Minenfeld“ ist. Mit „Das Nest“ wurde zudem eine eigene Spielstätte geschaffen, um neue Zugänge für Junge zum Musiktheater zu eröffnen.

Dass dieser Weg Wirkung zeigt, lässt sich auch an Zahlen ablesen. Lag das Durchschnittsalter des Publikums bei Roščićs Amtsantritt noch bei rund 65 Jahren, liegt es heute bei knapp 60 Jahren. Gleichzeitig habe ihn überrascht, wie rasch sich eine historische Institution verändern könne. Möglich geworden sei das durch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die den Wandel mit großer Leidenschaft mitgetragen hätten.

Seine Botschaft war klar: Zukunft entstehe nicht dadurch, dass Institutionen ihren Kern aufgeben oder sich jedem Trend anpassen. Zukunft entsteht dort, wo Menschen eingeladen werden, Teil einer Idee zu werden. Oder, wie es Bogdan Roščić formulierte: „Man muss Menschen nur ermöglichen, am eigenen Leib zu erleben, was Oper tut. Den Rest erledigt die Kunst von selbst.“

AusgabeRZ27-2026

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