„Wir können die gigantischen Umwälzungen nicht verhindern, deshalb müssen wir lernen, mit Krisen resistenter umzugehen“, betonte der Philosoph Richard David Precht zu Beginn seines Festvortrags beim Raiffeisentag. Ähnlich wie das 1. Maschinenzeitalter, in dem handwerkliche Tätigkeiten von Technik übernommen wurden, führe auch das 2. Maschinenzeitalter, wo die Arbeit des menschlichen Gehirns durch Maschinen ersetzt wird, zu einem gesellschaftlichen Wandel.
Precht erkennt dabei Refeudalisierungsprozesse zugunsten weniger Tech-Monopolisten, die keine Bürger, sondern nur Kunden kennen, und sieht liberale Demokratien in Gefahr. Die Politik bringe sich durch ihre selbstdefinierte Rolle als „Problemlöser“ dabei selbst in Gefahr. „Das Denken im Schema Probleme und Lösungen – vom Migrationsproblem bis zum Gesundheitsproblem – ist Blödsinn. Man kann in der Politik keine Probleme endgültig lösen, deshalb sind die Wähler immer enttäuscht“, philosophiert Precht über die unrealistische Erwartungshaltung an die Politik. Vielmehr müsse man die „Gestaltungsaufgabe“ wahrnehmen und aktiv Veränderungen angehen. Es gibt ein Bedürfnis an neuen Ideen, gleichzeitig hagelt es Kritik für alle, die vom Pfad abweichen, aber wie Precht meint: „Vielleicht muss man ab und zu überzeichnen und vom Pfad abweichen, um den Populisten zuvorzukommen.“
Verstehen lernen
Der deutsche Philosoph sieht vor allem „junge Ideen als Motor der Veränderungen“, doch auch hier ortet Precht eine Gefahr: Die junge Generation – als Kinder von sogenannten Rasenmäher-Eltern, die ihren Kindern präventiv alle Schwierigkeiten, Konflikte und Misserfolge aus dem Weg räumen – lebe in einer „Matrix totaler Sicherheit“. Das sukzessive Eintauschen von Freiheit durch Sicherheit führe irgendwann zu chinesischen Verhältnissen, so Precht. Man müsse die nächste Generation trotz Künstlicher Intelligenz wieder zu mehr Selbstständigkeit erziehen. „Die KI nimmt uns das Verstehen ab, dabei ist der Verstehungsprozess wichtiger als das schnelle Ergebnis. Es braucht eine Schule der Urteilskraft und des Sinns der Freiheit“, appelliert Precht. Er ist sich sicher, dass man vor allem aus den Strapazen des Alltags gute Ideen gewinnt.
Impulse für Raiffeisen
Dass in Zeiten des Umbruchs auch bei Raiffeisen neue Ideen gefragt sind, betonte Johannes Rehulka, Generalsekretär des Österreichischen Raiffeisenverbandes, in seiner Begrüßung: „Die Transformation findet in einer enormen Geschwindigkeit statt, das stellt die genossenschaftlichen Strukturen vor Herausforderungen.“ Davor müsse sich der Raiffeisensektor nicht fürchten, denn so Rehulka: „Wir starten aus einer guten Ausgangsposition, brauchen aber neue Impulse, um diese Position nicht nur zu halten, sondern auch auszubauen.“

Wie diese konkret aussehen, wurde exemplarisch in kurzen Talkrunden besprochen. So stellte Martin Hauer, neuer Generaldirektor der Raiffeisenlandesbank NÖ-Wien und der Raiffeisen-Holding, seine neue Strategie kurz vor: „Wir brauchen eine coole Marke, ein klares Einstiegsprodukt, persönliche Beratung, wenn es um existenzielle Entscheidungen geht, und Produktpartnerschaften, die über das Raiffeisennetz hinausgehen, um alles aus einer Hand zu bieten.“ Hauer sieht Raiffeisen als Gemeinschaft ganz gut aufgestellt, man müsse die Dezentralität allerdings so ausgestalten, dass es für die Jungen noch klarer zum Vorteil wird.
Dem stimmt auch Johannes Schuster, Vorstandsvorsitzender der Raiffeisen Ware Austria (RWA), zu: „Die bäuerliche Jugend ist heute total kritisch und braucht einen klaren Mehrwert. Sie wollen die Region, in der sie leben, mitgestalten und sehen das Lagerhaus als Gestaltungselement für ihre Zukunft.“ Das bestätigt Landjugend-Bundesleiter Markus Buchebner: „Das Lagerhaus nimmt eine Schlüsselrolle im ländlichen Miteinander ein und gemeinsam kann man mehr schaffen als alleine.“

Mit Mut und Zuversicht
Für Niederösterreichs Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner sind Ideen allein zu wenig: „Es braucht Menschen, die Mut haben und bereit sind, Leistung zu erbringen und Verantwortung zu übernehmen.“ Dabei sieht die Landeshauptfrau eine sehr gute Ausgangsposition und fordert ein „Comeback der Zuversicht“. Sie bedankte sich bei Raiffeisen für die enge Partnerschaft: „Raiffeisen ist weit mehr als eine Bank, Raiffeisen ist Ermöglicher, und dadurch können viele Menschen ihre Ideen umsetzen und sich ihre Träume erfüllen.“ Ein von Leistung, Fleiß, Innovation, Exzellenz und internationaler Ausrichtung geprägtes Mindset will Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer fördern.

Über Teamspirit sprachen beim Raiffeisentag auch U17-Fußballnationalspieler Vasilije Markovic und ÖFB-U17-Teamchef Hermann Stadler: „Erfolg entsteht, wenn jeder für jeden Verantwortung übernimmt und der gemeinsame Wille vorhanden ist. Talent allein reicht nicht.“ Mit dieser Einstellung schaffte es die Mannschaft Ende November 2025 bis ins Finale der U17-Weltmeisterschaft in Katar.
Die zahlreichen Impulse des Raiffeisentags machten deutlich: Innovation beginnt nicht bei der Technologie, sondern bei Menschen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen und Veränderungen aktiv zu gestalten.








