Wer sich in seinem Leben so viel mit Tarock befasst wie Manfred Huemer, bekommt immer wieder eine Frage gestellt: Wie viel hängt vom Faktor Glück und wie viel vom Können ab, um beim Tarock zu gewinnen? „Ich sage mittlerweile: 75 bis 80 Prozent hängen von Kartenglück und vom Zufall ab“, sagt der 64-Jährige. „Mit den restlichen 20 bis 25 Prozent kann ein guter Spieler beeinflussen, ob er bei einem Turnier eher im Mittelfeld oder ganz vorne landet.“
Huemer muss es wissen, er ist dem Spiel des Gstieß‘ und des Königrufens seit seinem fünften Lebensjahr verfallen. Was mit Blick auf die Komplexität des Spiels durchaus bemerkenswert ist. „Ich bin auf einem Bauernhof aufgewachsen, und die Highlights im Winter waren, wenn mein Vater oder mein Großvater ihre Tarockrunden hatten“, erzählt er. „An diesen Tagen durfte ich als kleiner Bub länger aufbleiben, und wenn ein Spieler eine Toilettenpause gemacht hat, bin ich für ihn eingesprungen, obwohl ich die Zahlen noch gar nicht richtig lesen konnte.“ Weshalb er bis heute derart mit den Bildern auf den Karten vertraut ist, dass er das Blatt auch verkehrt herum auffächern und trotzdem spielen kann, aber das ist eine andere Geschichte.
Ursprünge vor über 30 Jahren
Gar nichts mit Glück oder Zufall hat es dagegen zu tun, dass sich der Raiffeisen Tarockcup mittlerweile zu einer etablierten und von immer mehr Spielern angenommenen Veranstaltung entwickelt hat. Die Ursprünge liegen dabei im Jahr 1995, als sich die Ausrichter von 15 regionalen Tarockturnieren im Gasthaus Haudum in Helfenberg getroffen und unter Federführung von Manfred Huemer über eine gemeinsame Serie nachgedacht haben. Daraus entstand zunächst der Mühlviertler Tarockcup.
Weil aber der damalige Generaldirektor und Vorstandsvorsitzende der Raiffeisenlandesbank Oberösterreich, der 2019 verstorbene Ludwig Scharinger, selbst begeisterter Tarockspieler war und ein eigenes Prominententurnier veranstaltete, übernahm Raiffeisen Namenspatronanz und Sponsoring der Serie. Der Beginn einer Erfolgsgeschichte, wie Huemer auch mathematisch nachweisen kann. „Wir haben seitdem 760 Einzelturniere veranstaltet, an denen insgesamt 111.000 Spieler teilgenommen haben. Das ist ein Durchschnitt von 146 Teilnehmern pro Veranstaltung.“
1.500 Euro Preisgeld
Um beim Raiffeisen Tarockcup am Ende den mit 1.500 Euro dotierten Siegercheck entgegennehmen zu können, muss man sein Können (oder eben sein Glück) nachhaltig nachweisen. Aktuell gehören 27 Turniere zu der zwischen Anfang Oktober und Ende März ausgespielten Serie, jeder Spieler kann sich aussuchen, an welchen und wie vielen er teilnehmen möchte. Bei jedem Turnier gibt es Punkte zu gewinnen (oder zu verlieren), die besten sechs Ergebnisse nimmt man mit zum Finale, das traditionell im Gasthof Haudum ausgetragen wird.

Worauf es neben dem Glücksfaktor noch ankommt, wenn man ganz vorne landen möchte? Huemer, dem bei aller Ernsthaftigkeit vor allem der gesellige Aspekt des Spiels sehr am Herzen liegt, muss nicht lange nachdenken: „Merkvermögen, Menschenkenntnis, Bauchgefühl, Versuchsfreudigkeit“, sagt er. „Vor allem aber muss man Spaß am Spiel mitbringen. Wenn man den hat, wird man ganz automatisch zu einem guten Spieler.“
Schulischer Freigegenstand
Damit talentierte Tarockierer zu noch besseren (oder Anfänger zu guten) Spielern werden können, hat Huemer 2016 zusammen mit Gerhard und Maria Mayr die Linzer Tarock-Akademie ins Leben gerufen. Hier werden in fünf Kursen mit ganz verschiedenen Ansätzen entweder die Grundlagen des Spiels oder Tricks und Kniffe vermittelt, wie man auf höchstem Niveau erfolgreich sein kann. Was von immer mehr werdenden Spielern angenommen wird, wie Huemer erklärt. „Tarock boomt! Und zwar in allen Altersklassen, auch bei jungen Spielern.“
Letzteres hängt wiederum auch damit zusammen, dass Huemer, im zivilen Leben Sachbearbeiter bei der Bildungsdirektion in Linz, das Projekt „Tarock in der Schule“ ins Leben gerufen hat. „Es gibt mittlerweile 20 Schulen in ganz Oberösterreich, an denen Tarock als Freigegenstand angeboten wird“, sagt er stolz. Was umso bemerkenswerter ist, da ein analoges Kartenspiel ja nicht gerade dem digitalen Zeitgeist entspricht, dem die Jugend angeblich verfallen sein soll. „Genau das ist der Punkt“, sagt Huemer. „Wir erkennen, dass die Menschen wieder gerne etwas in der Hand haben und sich face to face austauschen möchten. Ohne unmittelbare Kommunikation ist das Spielen unmöglich. Wenn Kids vier oder fünf Stunden lang Tarock spielen, greifen sie in dieser Zeit nicht einmal zu ihrem Smartphone.“ Digitales Detox durch Tarock, sozusagen.
Frauenanteil nimmt zu
Und noch etwas liegt Huemer am Herzen. War früher Tarock eine reine Männerdomäne, nimmt der Anteil an Frauen in den letzten Jahren drastisch zu. In seiner Akademie ist bereits mehr als die Hälfte aller Teilnehmenden weiblich, beim Raiffeisen Tarockcup stieg der Anteil zuletzt von 23 auf 27 Prozent. „Das ist ein sehr schöner Erfolg und zeigt, dass wir auf einem guten Weg sind“, sagt er. Kein Glück, kein Zufall, sondern einfach der Tatsache geschuldet, dass Tarock über Alters- und Geschlechtergrenzen hinaus viele Menschen begeistert.


Mit einem erfolgreichen Abschneiden beim Raiffeisen Tarockcup erwirbt man sich übrigens auch das Recht, beim Finalturnier um den gesamtösterreichischen Titel des Tarockmeisters mitzuspielen. Bei diesem Turnier treffen Ende April die Gewinner verschiedener regionaler Turnierserien aufeinander, Austragungsort ist das Casino in Linz. Fast überflüssig zu erwähnen, dass Manfred Huemer zu den Organisatoren des Events, das er 2019 zuletzt selbst gewonnen hat, gehört. Denn ohne Herz, Pik, Karo und Treff geht es bei ihm einfach nicht. „Ich befasse mich täglich mit Tarock“, sagt er. „Manchmal nur ein bisschen, manchmal ein bisschen mehr.“









