Erfolg macht gelassen. 4:4 stand es Ende März im Semifinale der Österreichischen Meisterschaften zwischen dem ASV Pressbaum und ASKÖ Traun. Die Regeln sehen in solch einem Fall vor, dass ein Golden Game die Entscheidung bringen muss, also ein Satz, der von einem Mixed-Doppel gespielt wird. Hier hatten die Trauner mit 21:17 knapp die Nase vorn, die Titelverteidiger aus Niederösterreich waren entthront. „Na ja, in solch engen Partien geht es um Tagesform, da kann so eine Niederlage einfach passieren“, sagt Andreas Meinke, seit zehn Jahren Obmann beim ASV Pressbaum. „In den drei Jahren davor haben wir Traun jeweils im Finale geschlagen, das waren oft auch ganz enge Geschichten. Deswegen können wir es verkraften, wenn es auch einmal umgekehrt läuft.“
Als der promovierte und seit zwei Jahren pensionierte Biologe den Klub 2016 übernahm, sah die Welt dagegen noch ganz anders aus. 2012 letztmals Meister geworden, wollte man versuchen, mit einer ausschließlich aus jungen Eigenbauspielern bestehenden Mannschaft konkurrenzfähig zu sein. Doch das Vorhaben misslang, der Verein stieg 2017 in die 2. Bundesliga ab, was durchaus einkalkuliert wurde. „Wir haben uns dann aber zusammengesetzt und definiert, dass es keinen Spaß macht, immer nur zu verlieren. Erst recht nicht, wenn man vorher schon weiß, dass man keine Chance hat“, sagt Meinke. Also wurden Kontakte unter anderem nach Malaysia, so etwas wie die Wiege des Badmintons, aktiviert und entschieden, ein Team aus Trainern und Spielern zusammenzustellen, mit dem man nicht nur Spiele gewinnen, sondern vielleicht sogar um Titel mitreden kann.
Ein Ansatz, der zunächst auch zu funktionieren schien, es gelang der sofortige Wiederaufstieg. „Doch dann kam ein tragisches Ereignis dazwischen, das uns total durcheinandergewirbelt hat“, sagt Meinke. Im September 2018 waren seine damals 21-jährige Tochter Antonia und der malaysische Spieler Chee Tean Tan, auf dem Court sowie privat ein Paar, auf dem Rückweg von einem Turnier im tschechischen Brünn. Es kam zu einem Autounfall, bei dem Tean Tan noch am Unfallort und Antonia Meinke eine Woche später im Krankenhaus verstarb. „So etwas lässt einen sein ganzes Leben nicht mehr los“, sagt Andreas Meinke.
Gänsehaut-Momente
Die menschliche Tragödie auf der einen, der sportliche Verlust auf der anderen Seite. „Beide waren für unsere Bundesliga-Mannschaft fix eingeplant, die Saison ging kurz nach dem Unfall los. Es wurde dann die Entscheidung getroffen, dass das Team trotzdem an den Start geht. Irgendwie musste es ja weitergehen“, erzählt Meinke. Man hielt sportlich in dieser Saison die Klasse und stand im Jahr drauf nach dem Grunddurchgang an der Spitze – und dann kam Covid. Der Verband entschied am grünen Tisch, Halbfinale und Finale zu canceln und den Sieger des Grunddurchgangs zum Meister der Saison 2019/20 zu küren. Auf dem Papier ein Erfolg, emotional aber alles andere als ein Burner. Kein Match, nach dem man feiern konnte, keine Jubelstürme nach schweißtreibenden Partien. „Auch wenn wir in den Siegerlisten als Meister dieses Jahres stehen, es hat sich nicht so angefühlt.“
Drei Jahre später war es dagegen ganz anders. Die Mannschaft wuchs immer mehr zusammen, man erreichte auf sportlichem Weg das Endspiel gegen den Langzeit-Rivalen Traun. Und behielt in der heimischen Sporthalle des Sacre Coeur am entscheidenden Tag mit 5:3 die Oberhand. „Wir haben lange auf diesen Titel hingearbeitet. Als es dann so weit war, brachen alle Dämme. In dieser Stimmung ist auch das Siegerfoto entstanden, auf dem man die ganze Emotionalität sieht.“ Es ist das Bild auf dieser Seite, auf dem die acht Meister-Akteure das Foto des Doppels mit Antonia Meinke und Chee Tean Tan präsentieren. Der wohl größte Gänsehaut-Moment in der Geschichte des Klubs, der im Oktober 1960 als „Federballverein Pressbaum“ gegründet wurde und bis heute sechs nationale Meistertitel einheimste. Genau in dieser Zeit stieg auch die Raiffeisenbank Wienerwald als Sponsor ein und unterstützt den Klub seitdem.

„Wollen alles abdecken“
Was folgte, war die erfolgreichste Epoche in der ASV-Historie mit einem Titel-Hattrick, der erst in diesem Frühjahr sein eingangs beschriebenes Ende fand. Wobei sich der Klub längst nicht nur über Meisterschaften und Pokale definiert, sondern auch seine gesellschaftlichen Aufgaben wahrnimmt. Insgesamt 50 Kinder und Jugendliche trainieren und spielen regelmäßig und unter Anleitung professioneller und erfahrener Trainer in der Halle des Sacre Coeur, die Platz für zwölf Badmintonfelder bietet. „Unser Leitmotiv ist, dass wir vom Breitensport bis zur höchsten Spielklasse alles abdecken wollen“, sagt Meinke. „Bei uns finden Hobbyspieler ihren Platz, aber genauso die engagierten Kinder, die es später im Leistungssport bis ganz nach oben schaffen wollen. Und natürlich wollen wir unseren Beitrag leisten, dass sich junge Menschen regelmäßig bewegen und Sport treiben.“
Tradition trifft Leistung, ganz wie es dem Motto des Vereins entspricht. Dass dieser Weg funktioniert, zeigen die aktuellen Zahlen: Bei den Schülern hat der ASV Pressbaum den zweiten Platz bei den Mannschaftsmeisterschaften belegt, bei der Jugend wurde der Klub Vierter. Und für die erste Mannschaft, die vom österreichischen Teamchef Adi Pratama als Spielertrainer angeführt wird und zu der auch Meinkes zweite Tochter Carina als amtierende Staatsmeisterin im Einzel gehört, kann es ja nur die Vorgabe geben, den Titel in der kommenden Saison nach Pressbaum zurückzuholen. Oder etwa nicht?
„Wir rufen keinen Titel aus, sondern gehen es ganz entspannt an“, lässt sich Andreas Meinke, der selbst erst vor 20 Jahren hobbymäßig mit dem Badmintonspielen begann, weil seine Töchter beim ASV aktiv waren, nicht aus der Reserve locken. „Wir wollen uns nicht unter Druck setzen lassen, wobei es die Teilnahme am Halbfinale schon werden sollte.“ – Erfolg macht eben gelassen, auf die eine oder andere Art.








