Herr Haselsteiner, erstmals präsentieren Sie die Kunst der Strabag Art Collection außerhalb Ihrer eigenen Räumlichkeiten. Wie kam es zur Zusammenarbeit mit dem Künstlerhaus?
Sebastian Haselsteiner: Durch einen späten Lernmoment in meinem Leben. Ich wusste, dass viele Menschen in Wien nicht gerne nach Transdanubien – also über die Donau – fahren und habe mit Beginn meiner Tätigkeit für das Strabag Kunstforum, wie Strabag Art damals noch hieß, intensiv darüber nachgedacht, wie wir trotzdem unsere Besucherzahlen steigern können, ohne woanders auszustellen und dadurch unseren Standort zu schwächen. Als wir dann aber 2024 erstmals auf der Parallel (Kunstmesse, Anm. d. Red.) auf der Baumgartner Höhe einen Stand hatten, wurde mir dort so oft gesagt, wie großartig es wäre, dass das Strabag Kunstforum den Sprung über die Donau geschafft hat. Das wurde zum Schlüsselerlebnis: scheinbar fällt der Sprung über die Donau, der mit der U1 vom Zentrum nur eine Viertelstunde dauert, vielen schwerer als eine rund einstündige Fahrt in den 14. Bezirk. Mir wurde klar, dass ich diesen Sprung in die Innenstadt zuerst einmal selbst machen muss, um den Menschen vor Augen zu führen, was wir in der Donau City für die zeitgenössische Kunst tatsächlich leisten und wie sehr sich ein Besuch lohnen kann … um sie „abzuholen“ und ihnen Strabag Art und unsere Strabag Art Collection näher zu bringen. Mit dem Künstlerhaus im Zentrum von Wien habe ich dafür den perfekten Ort mit idealen Räumlichkeiten und in Günther Oberhollenzer einen kongenialen Partner in der kuratorischen Ausarbeitung dieser großen Sammlungsschau gefunden.
„Die Arbeiten fordern unsere Wahrnehmung heraus, wollen nicht nur betrachtet, sondern auch ‚ergangen‘ werden.“
Günther Oberhollenzer
Herr Oberhollenzer, der Titel der Ausstellung lautet „Im erweiterten Raum“. Wie darf man das verstehen?
Günther Oberhollenzer: Die Ausstellung feiert die Malerei und Zeichnung und lässt einmal mehr erkennen, dass diese traditionellen Ausdrucksmittel der zeitgenössischen Kunst in unserer multimedialen Gegenwart nichts an Strahlkraft und Ausdrucksstärke verloren haben. So verlassen diese häufig die Fläche des Blattes oder der Leinwand, dehnen sich in den Raum aus, treten in Kommunikation mit Architektur und Körper, werden begehbar, erfahrbar. Das Werk erhält einen objekthaften Charakter, löst sich von der Fläche und begegnet der Skulptur auf Augenhöhe – als Installation, als textile Struktur, als körperlich greifbares Geflecht von Farbe, Material und Form. Daneben fordern die Arbeiten unsere Wahrnehmung heraus, wollen nicht nur betrachtet, sondern auch „ergangen“ werden. In dieser Ausweitung des klassischen Bildträgers erfinden sich die traditionellen Bildmedien also immer wieder neu.

Wie haben Sie die zehn Künstler ausgewählt, deren Werke präsentiert werden?
Haselsteiner: Im Fokus der Ausstellung stehen Kunstwerke, die auf sehr unterschiedliche Art und Weise die Grenzen der Malerei und der Zeichnung ausloten. Die Auswahl war herausfordernd, da es eine große Anzahl passender Künstlerinnen und Künstler in der Sammlung gibt. Wir haben uns entschieden, in den Haupträumen „nur“ zehn auszuwählen, dafür aber jeweils einen vertiefenden Einblick in deren Schaffen zu gewähren.
Oberhollenzer: Die vielfältigen, bisweilen auch raumgreifenden und eigens für die Schau entstandenen Arbeiten überzeugen durch formale wie auch inhaltliche Könnerschaft. Alle zehn österreichischen und internationalen Positionen sind Preisträger des Strabag Art Award. Im Dialog zur Hauptausstellung wird in den Räumlichkeiten der Factory in dichter Hängung ein vertiefender Einblick in die Entwicklung des Strabag Art Award gewährt. Kunstwerke von insgesamt 34 nationalen und internationalen Malern und Zeichnern aus der Sammlung sind zusammengefasst in vier assoziative Kapitel – „Figuration“, „Zwischen Figur und Abstrakt“, „Abstraktion“ (in der Malerei) sowie „Zeichnung“ – zu sehen.
„Untersuchungen belegen, dass beim Betrachten von Kunst Hirnareale aktiviert werden, die mit Belohnung, Empathie und Selbstreflexion verknüpft sind.“
Sebastian Haselsteiner
Ist Kunst zu wenig präsent in unserem Alltag bzw. für viele Menschen gar nicht relevant?
Haselsteiner: Ja, absolut! So zeigen z. B. zahlreiche wissenschaftliche Studien, dass die Betrachtung von Kunst positive Effekte auf Wohlbefinden und Gesundheit hat. Forschungen – etwa von Einrichtungen wie dem University College London – weisen darauf hin, dass bereits kurze Museumsbesuche Stress reduzieren, die Ausschüttung von Glückshormonen fördern und das Gefühl von Sinn und Verbundenheit stärken können. Auch neuroästhetische Untersuchungen belegen, dass beim Betrachten von Kunst Hirnareale aktiviert werden, die mit Belohnung, Empathie und Selbstreflexion verknüpft sind. Kunstbetrachtung wirkt somit nicht nur emotional bereichernd, sondern kann auch messbar zur psychischen Stabilisierung und kognitiven Anregung beitragen. Es geht sogar so weit, dass festgestellt wurde, dass bei Menschen in Schmerztherapien durch Kunst die Menge der benötigten Schmerzmittel merklich reduziert werden konnte. Es ist daher für mich auch kein Zufall, dass es seit dem heurigen Jahr sogar Museumstickets „auf Rezept“ in Österreich gibt.

Was möchten Sie bei den Besuchern der Ausstellung erreichen? Wie soll die Ausstellung weiterwirken?
Oberhollenzer: Man muss die Kunstwerke sehen, erleben, sich ihnen aussetzen. Das gelingt nur im analogen (Ausstellungs-)Raum. Dann kann man in unmittelbaren Dialog mit ihnen treten, sie gehend erkunden, von der Ferne und aus der Nähe betrachten, in sie eintauchen. Farbe, Format und Material wirken unmittelbar auf Körper und Emotion, regen Fantasie und Reflexion an und können inspirierende Denkprozesse auslösen. Neben dem sinnlichen Erleben werden von den Künstlern auch immer wieder gesellschaftliche und soziale Fragen reflektiert und die Betrachter zum Nachdenken animiert. „Im erweiterten Raum“ eröffnet ihnen damit neue Blickwinkel auf ihre eigene Wahrnehmung, nehmen nicht nur sinnlich-ästhetische Eindrücke mit, sondern auch neue Perspektiven, gestärkte Neugier und die Erfahrung, dass Kunst Räume für Dialog, Offenheit und persönliches Erleben schaffen kann.
Haselsteiner: Und natürlich würden wir uns die nachhaltige Wirkung wünschen, dass mehr Menschen den verhältnismäßig kurzen Weg in die Strabag Art Site in der Donau City Straße 9 auf sich nehmen, um eine unserer jährlich sechs Ausstellungen zu besuchen!
„Kunst im Arbeitsalltag setzt Impulse, regt zum Austausch an und spiegelt Innovationsbereitschaft sowie kulturelles Engagement wider.“
Sebastian Haselsteiner
Dort ist auch der Hauptsitz der Strabag – wie passen die Geschäftsfelder eines Bauunternehmers und Kunstsammlers/-kurators zusammen?
Haselsteiner: Ein Bauunternehmen sammelt zeitgenössische Kunst, um seine Arbeitsplätze attraktiver zu gestalten und ein Umfeld zu schaffen, das Toleranz und Kommunikation fördert. Kunst im Arbeitsalltag setzt Impulse, regt zum Austausch an und spiegelt Innovationsbereitschaft sowie kulturelles Engagement wider. Sie bedeutet für uns auch ein kleines, aber sehr wichtiges Mosaikteilchen im ständigen Wettbewerb um die besten Köpfe, sie stärkt die Identifikation der Mitarbeitenden mit dem Unternehmen, unterstützt eine inspirierende Atmosphäre und macht den Arbeitsort zugleich für Kunden und Partner zu einem Ort der Begegnung und des kreativen Denkens.









