Mehr Frauen, mehr Perspektiven

Der Funktionärinnen-Beirat des ÖRV hat sich zum Ziel gesetzt, den Frauenanteil in Raiffeisen-Gremien systematisch zu erhöhen. Die Vorsitzende Evelin David und ihre Stellvertreterin Maria Neubauer erläutern, was bereits erreicht wurde – und wo weiter Handlungsbedarf besteht.

Mitbestimmung ist ein Kernprinzip der genossenschaftlichen Idee. Damit diese Mitsprache die Vielfalt der Mitglieder widerspiegelt, braucht es auch Vielfalt in den Gremien. Der Funktionärinnen-Beirat von Raiffeisen arbeitet seit Jahren daran, genau das strukturell zu verankern. 

Mit Erfolg: Im vergangenen Jahr 2025 wurde beim Frauenanteil in der Raiffeisen-Bankengruppe ein Meilenstein gesetzt. „Wir sind stolz, dass wir das 25-Prozent-Ziel erreicht haben – das zeigt, dass unser Engagement wirkt“, sagt die Vorsitzende des Funktionärinnen-Beirats, Evelin David. 

Zwischenschritte zum Ziel

Ein Blick zurück zu den Anfängen des Gremiums verdeutlicht den Handlungsbedarf in Sachen Geschlechterdiversität: Bei Gründung des Funktionärinnen-Beirats im Jahr 2014 betrug der Anteil an Funktionärinnen in der Raiffeisen-Bankengruppe überschaubare 8,5 Prozent. Innerhalb von elf Jahren ist es somit gelungen, diesen Wert fast zu verdreifachen. 

Im Jahr 2022 wurde der Wirkungsbereich des Beirats auf Lagerhäuser und Molkereien ausgeweitet. Seither gab es auch in diesen Sparten positive Entwicklungen: Bei den Lagerhäusern stieg die Funktionärinnenquote von 7,5 auf 9,8 Prozent an, bei den Molkereien gab es einen Zuwachs von 7,2 auf 10,5 Prozent.

Ausruhen will man sich trotz dieser Fortschritte nicht. Die langfristige Vision des Funktionärinnen-Beirats bleibt ein 50-Prozent-Anteil von Funktionärinnen in allen drei Sparten. Die nächsten Zwischenziele sollen bis 2030 erreicht werden: 33 Prozent in den Banken, jeweils 15 Prozent in den Lagerhäusern und Molkereien. Bis dahin soll auch in jeder Raiffeisenbank mindestens eine Funktionärin vertreten sein. „Denn Vielfalt muss überall sichtbar und spürbar werden, nicht nur in der Gesamtstatistik“, unterstreicht David.

Erweiterte Perspektiven

Doch was steckt hinter den Zahlen? Durch die bisherige Steigerung des Frauenanteils seien bereits positive Veränderungen innerhalb der Gremien spürbar, berichtet Maria Neubauer, die stellvertretende Vorsitzende des Funktionärinnen-Beirats. Zum einen habe sich die Perspektivenvielfalt deutlich erweitert: „Durch die stärkere Einbindung von Funktionärinnen fließen zusätzliche praktische, betriebliche und gesellschaftliche Sichtweisen in Entscheidungsprozesse ein. Themen werden differenzierter diskutiert, Risiken breiter beleuchtet und Entscheidungen insgesamt ausgewogener getroffen“, sagt Neubauer.

Zum anderen würden Aspekte wie Mitgliederorientierung, Kundennähe, regionale Wertschöpfung, Personalentwicklung oder der Vereinbarkeit von Ehrenamt, Betrieb und Familie „bewusster und strategischer“ behandelt. „Insgesamt trägt der höhere Anteil an Funktionärinnen dazu bei, Entscheidungsprozesse qualitativ zu verbessern, die Mitgliederbasis breiter einzubinden und die genossenschaftlichen Organisationen nachhaltig weiterzuentwickeln“, betont Neubauer.

Nicht zu unterschätzen ist auch die Außenwirkung, schließlich verbessert ein höherer Frauenanteil auch die Wahrnehmung der Organisationen. Neubauer sieht in einer stärkeren Abbildung der Mitgliederstruktur in den Gremien ein „klares Signal für Offenheit, Zukunftsorientierung und Chancengleichheit“: „Das stärkt die Attraktivität der Funktionen und erleichtert es, auch künftig engagierte Persönlichkeiten für Verantwortung zu gewinnen.“

Persönliche Ansprache und digitale Sichtbarkeit

Der Schlüssel dazu liegt in der persönlichen Ansprache, wie David aus ihrer eigenen langjährigen Funktionärstätigkeit weiß – die Unternehmensberaterin ist unter anderem Aufsichtsratsvorsitzende der Raiffeisenbezirksbank Oberwart und stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende der Raiffeisenlandesbank Burgenland. „Wenn eine bestehende Funktionärin einer anderen Frau sagt: ‚Du bringst genau das mit, was wir brauchen – überleg dir das doch mal‘, dann hat das eine Überzeugungskraft, die kein Plakat und keine Kampagne ersetzen kann. Frauen ermutigen Frauen – das ist und bleibt unser stärkstes Instrument“, so David.

Die Bühne dafür bieten unter anderem Vernetzungstreffen in den Bundesländern und überregionale Veranstaltungen wie die zweimal jährlich stattfindenden Tagungen aller drei Sparten. Organisatorisch ist der Funktionärinnen-Beirat beim Österreichischen Raiffeisenverband (ÖRV) angesiedelt und wird von Bettina Kastner und ihrer Assistentin Marion Kalinka koordiniert. Neben strategischer, materieller und organisatorischer Unterstützung trägt der ÖRV auch zur Sichtbarkeit des Beirats bei, etwa durch Kommunikationsmaßnahmen auf Social-Media-Kanälen oder durch die Kolumne „WIR bei Raiffeisen“ in der Raiffeisenzeitung. 

In dem Format werden regelmäßig engagierte Funktionärinnen vorgestellt. „Seit wir zeigen, wer diese Frauen sind und was sie bewegt, erleben wir, dass sich deutlich mehr Frauen angesprochen fühlen“, sagt David. „Letztlich geht es darum, Frauen spüren zu lassen: Hier ist ein Platz für dich, und deine Stimme zählt.“

Maßnahmen gegen historisches Gefälle

Dass Frauen in Raiffeisen-Gremien unterrepräsentiert sind, habe laut Neubauer strukturelle und kulturelle Gründe: „Viele Gremien­ sind historisch gewachsen und über Jahrzehnte männlich geprägt. Netzwerke ent­stehen oft informell, Nachbesetzungen erfolgen aus bestehenden Strukturen heraus. Dadurch werden Frauen nicht immer selbstverständlich mitberücksichtigt.“

Der Funktionärinnen-Beirat hat deshalb einen Leitfaden zur Nachfolgeplanung erarbeitet, der Genossenschaften unterstützt, rechtzeitig potenzielle Nachfolgerinnen zu identifizieren und anzusprechen. Ergänzend wurde zuletzt ein Factsheet mit Empfehlungen für alle drei Sparten erstellt, das Argumentationshilfen und konkrete Praxistipps zur Gewinnung neuer Funktionärinnen enthält. 

„Gute Nachfolgeplanung beginnt lange bevor ein Sitz frei wird. Viele Frauen – gerade jüngere – trauen sich eine Funktionärstätigkeit durchaus zu, brauchen aber jemanden, der sie aktiv einlädt und ermutigt“, erklärt David. Vielen Frauen sei auch nicht bewusst, welche Gestaltungsmöglichkeiten eine Tätigkeit als Funktionärin bieten kann, ergänzt Neubauer. Sie selbst ist neben ihrem Hauptberuf als Direktionsassistentin im OÖ Bauernbund zudem Aufsichtsrätin der Raiffeisenbank Gramastetten-Rodltal und der Raiffeisenlandesbank OÖ. 

Frage der Vereinbarkeit

Funktionärinnen zu gewinnen ist freilich nicht die einzige Herausforderung. Die Rahmenbedingungen zu schaffen, dass Frauen sich trotz Mehrbelastung durch Beruf und Familie auch langfristig engagieren, ist für David einer der wesentlichsten Punkte überhaupt. 

Hilfreich sei dabei das Netzwerk: „Frauen, die ähnliche Herausforderungen kennen, stärken sich gegenseitig. Gleichzeitig braucht es eine Kultur und Verständnis in den Gremien dafür, dass Lebensphasen unterschiedlich sind – wer akzeptiert, dass Engagement auch einmal in unterschiedlicher Intensität stattfinden darf, verliert weniger engagierte Frauen. Frauen müssen erleben: Engagement lohnt sich, nicht trotz, sondern gerade wegen der Herausforderungen, die das Leben mit sich bringt“, erklärt die Beiratsvorsitzende.

Letztendlich sieht David auch positive Erfahrungen als langfristigen Motivationshebel: „Wenn Funktionärinnen erleben, dass ihre Perspektive gehört wird, dass ihre Ideen in Entscheidungen einfließen und dass ihre Genossenschaft sich durch ihre Mitwirkung weiterentwickelt – dann wird aus einem Ehrenamt eine Herzensangelegenheit.“

AusgabeRZ10-2026

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