Geopolitische Konflikte und Machtkämpfe haben die regelbasierte Weltordnung in den vergangenen Jahren in einen Trümmerhaufen verwandelt. Immer mehr Bedrohungen der Sicherheit auf unterschiedlichen Ebenen zwingen vor allem Europa aus der Komfortzone heraus hin zu einer Neupositionierung.
Impulse und Hintergrundanalysen, um „Europa neu zu denken“, gab es heuer beim 33. Konjunkturforum der Kärntner Raiffeisenbanken und der „Kleinen Zeitung“. Der gemeinsame Tenor war dabei unmissverständlich: Europa verfügt über enorme wirtschaftliche, technologische und gesellschaftliche Stärken, auf die man sich besinnen muss, um die Zukunft selbstbewusst gestalten zu können.
„Was auf den ersten Blick global erscheint, ist es nicht wirklich. Es wirkt auch lokal und betrifft unsere Wirtschaft und Unternehmen, auch in Kärnten. Viele wirtschaftliche Verlässlichkeiten gehören der Vergangenheit an“, konstatierte Manfred Wilhelmer, Vorstandssprecher der Raiffeisen Landesbank Kärnten, in seiner Eröffnungsrede.
Die Eckpfeiler des neuen Denkens stellte Wilhelmer anhand von drei zentralen Dimensionen dar: Sicherheit, Digitalisierung sowie wirtschaftliche Unabhängigkeit. „Sicherheit ist ein neuer wirtschaftlicher Faktor“, betont der Banker. Dieser habe zahlreiche Facetten, etwa wo und wie Unternehmen investieren, den Schutz vor Cyberangriffen bis hin zum Thema Infrastrukturinvestitionen. Gleichzeitig entstehe daraus auch ein eigener wirtschaftlicher Impuls, etwa durch Investitionen in die Verteidigung, in die Infrastruktur oder auch in neue Geschäftsfelder. Die digitale Infrastruktur habe heutzutage eine ähnliche Bedeutung wie die Energieversorgung. Deshalb sei digitale Souveränität zu einer strategischen Standortfrage geworden.
Europa weise in diesem Feld eine besonders hohe Abhängigkeit auf. Rund 70 Prozent des europäischen Cloud-Marktes, bei dem es um digitale Speicher und Rechenleistungen geht, werden von US-Konzernen dominiert. Daher sei digitale Souveränität kein reines IT-Thema mehr, sondern ein wirtschaftlicher und strategischer Aspekt. „Jeder Euro, der in die europäische digitale Infrastruktur investiert wird, stärkt unser eigenes Ökosystem und somit unseren Standort“, strich der Banker hervor.

Standort stärken
Weiters plädierte Wilhelmer dafür, Wertschöpfung wieder stärker in Europa zu verankern. „Made in Europe“ müsse wieder als ein klares Wettbewerbsversprechen verstanden werden. Wertschöpfung in Europa zu halten oder neu aufzubauen bedeute, den Standort zu stärken, Abhängigkeiten zu reduzieren, um langfristige Wettbewerbsfähigkeit zu sichern. Dafür brauche es gezielte Investitionen, ein unternehmerfreundliches Umfeld und Tempo in der Umsetzung. „Europa neu denken beginnt nicht in Brüssel, sondern in unseren Unternehmen“, gab der Vorstandssprecher seinen Gästen mit. Denn Investitionen seien letztlich entscheidend dafür, ob Europa seine wirtschaftliche Stärke, technologische Kompetenz und strategische Unabhängigkeit nachhaltig absichern werde können.
Auch Xenia Daum, Geschäftsführerin der „Kleinen Zeitung“, forderte Mut zum Handeln ein. Die geopolitischen Veränderungen aufgrund der globalen Machtverschiebungen würden ganz andere Voraussetzungen für Politik und Wirtschaft schaffen. „Dieser Wendepunkt muss aber nicht nur ein Moment der Unsicherheit sein, sondern kann auch ein Moment des Neustarts und der Chance sein. Wann, wenn nicht jetzt?“, fragte Daum. Europa habe nun die Chance, die Innovationskraft zu stärken, die Wirtschaft neu aufzustellen und die Sicherheitsarchitektur zu definieren.
Konjunktur im Sog der Geopolitik
Auf die wirtschaftlichen Folgen des Krieges der USA und Israels gegen den Iran ging Raiffeisen-Chefökonom Gunter Deuber, Leiter von Raiffeisen Research, ein. Die europäische Konjunktur befinde sich grundsätzlich auf einem Erholungspfad, dieser sei jedoch äußerst fragil und anfällig für externe Schocks. Besonders die Entwicklung im Nahen Osten und die Energiepreissituation würden in naher Zukunft darüber entscheiden, ob sich der Aufschwung fortsetze oder erneut ins Stocken gerate. Die zentrale Drehscheibe dafür sei der Ölpreis.
Im noch aktuellen Basisszenario sieht der Ökonom den Ölpreis mit einer geopolitischen Risikoprämie von rund 35 US-Dollar und mehr. Im Schnitt dürfte der Ölpreis um die 80 US-Dollar notieren, solange der Irankrieg nicht weiter eskaliere. Dafür brauche es aber eine Lösung für den Öltransport durch die wichtige Meerenge von Hormus, die vom Iran gesperrt wurde. Sollte die Blockade zeitnah gelöst werden, dürften die Folgen für die Weltwirtschaft relativ überschaubar bleiben. Gelinge dies aber nicht und bliebe die Meerenge deutlich länger als zwei Wochen unpassierbar, dann wäre man in einem ganz anderen wirtschaftlichen Szenario, das durch schwaches Wachstum und steigende Inflation („Stagflation“) gekennzeichnet wäre.

In Österreich dürfte das prognostizierte Wachstum für 2026 im letzteren Fall auf 0,5 Prozent halbiert und die Inflation wieder angeheizt werden – auf deutlich über 2 Prozent. „Wir sollten nicht das tun, was wir in der Vergangenheit getan haben – Stichwort Durchrauschen-der-Inflation“, warnt Deuber. Aufgrund der Weichenstellungen der Jahre 2022 und 2023 war die Teuerung in Österreich deutlich höher als in der Eurozone. Die Folge waren deutliche Abstriche in der Wettbewerbsfähigkeit. Zwar habe sich die heimische Industrie besser gehalten als medial dargestellt. Es sei aber nun wichtig, dass kein neuer Gegenwind daherkomme. Wenn man noch einmal so etwas zulasse, dann drohten Österreich spürbare Einbußen als Industriestandort.
Die Folgen des Irankonflikts dürften auch in der Geldpolitik ankommen. Aktuell könne man bereits steigende Kapitalmarktzinsen am langen Ende beobachten. Deuber führt das unter anderem darauf zurück, dass das globale Finanzsystem „eine gewisse Skepsis gegenüber den Bilanzen des öffentlichen Sektors“ habe. Sollte der Krieg relativ rasch – innerhalb von Wochen – zu einem Ende kommen und zu keinen dramatischen Verwerfungen für die Weltwirtschaft führen, dann dürfte die Europäische Zentralbank (EZB) erst nächstes Jahr mit Zinserhöhungen starten, erwartet Deuber. In einem Stagflationsszenario, also ohne eine rasche Lösung der Energiepreisanstiege, dürfte die EZB bereits heuer mit Zinserhöhungen beginnen. „Wir müssen mit 50 bis 100 Basispunkten bis ins nächste Jahr rechnen“, gab der Finanzanalyst eine erste Orientierung.

Wachsende Unsicherheit
Einen pointierten Weckruf Europas unternahm die deutsche Politikanalystin und internationale Strategieberaterin Kerstin Plehwe. Die Welt befinde sich in einer Phase permanenter Krisen, geprägt von geopolitischen Spannungen, gesellschaftlicher Polarisierung und wachsender Unsicherheit. Diese Dauerverunsicherung habe weitreichende Folgen: Sie untergrabe Vertrauen, schwäche gesellschaftlichen Zusammenhalt und gefährde langfristig auch wirtschaftliche Stabilität. Dabei sei Unsicherheit etwas, was man in Krisenzeiten gar nicht brauchen könne. Demokratie, Vertrauen und wirtschaftliche Stärke seien untrennbar miteinander verbunden.
Für die Politikexpertin lautet eine der Kernfragen: „Wenn sich die Welt so schnell verändert, was ist eigentlich mit uns?“ Man brauche heute eine ganz andere Widerstandsfähigkeit und auch eine gewisse Abschottung gegenüber bestimmten Themen. Es gehe darum, Dinge anders zu sehen, indem man andere Fragen stelle.
Eine große Rolle spielt der Expertin zufolge auch, wem Menschen in dieser hochtechnologischen Welt überhaupt vertrauen können: „Das Problem, die Wahrheit zu finden, liegt vor allem darin, wenn eine Mehrheit der Menschen sagt: Ich weiß gar nicht, was wahr ist.“ Dazu komme der Vertrauensverlust in demokratische Institutionen. Auf diesem Boden sei es verdammt schwer, gutes Wirtschaftswachstum zu ermöglichen und Standortsicherheit aufzubauen.
„Unsere Perspektive muss nach innen gehen. Was ist unsere erste Aufgabe in Europa? Was ist unsere erste Aufgabe als Unternehmen?“, so Plehwe. Europa neige dazu, sich als Zusammenschluss zu verstehen, nicht jedoch als handlungsfähige Einheit. Gerade darin liege eine zentrale Schwäche. Die EU sei aber der zweitgrößte Wirtschaftsraum der Welt. „Wir haben mehr Konsumenten in Europa als die USA Einwohner. Was machen wir damit? Wie nutzen wir das?“, fragt die Politikberaterin. Die eigene Stärke zu erkennen, sei die Grundlage für eine Strategie, die Europa in diesem neuen Umfeld ausarbeiten muss. „Die Zeit der Harmonie haben wir gehabt, jetzt beginnt die harte Arbeit an unserer Zukunft“, so Plehwe.

Fokus auf Sicherheit
Auch sicherheitspolitische Fragen rückten beim Konjunkturforum in den Fokus. Harald Vodosek, nationaler Rüstungsdirektor im Bundesministerium für Landesverteidigung, stellte klar, dass Sicherheit die Grundlage für Freiheit, Demokratie und wirtschaftliche Entwicklung sei. Landesverteidigung diene nicht militärischen Selbstzwecken, sondern dem Schutz der liberalen Demokratie und jenes Rahmens, in dem Innovation und unternehmerischer Erfolg möglich werden. Zugleich habe Sicherheitspolitik auch eine wirtschaftliche Dimension. Das Bundesheer zähle zu den bedeutenden öffentlichen Auftraggebern und investiere laufend in Beschaffungs‑, Infrastruktur‑ und Technologieprojekte. „Unser Fokus liegt darauf, Wertschöpfung im Inland zu halten und heimische Unternehmen stärker einzubinden“, so Vodosek, Sicherheit werde damit zu einem Bestandteil von Standortpolitik und wirtschaftlicher Resilienz.

Standortfaktor digitale Infrastruktur
Dass wirtschaftliche Stärke heute eng mit technologischer Unabhängigkeit verbunden ist, machte Mathias Nöbauer, CEO von Exoscale und Director Cloud bei A1 Digital, deutlich. Digitale Infrastruktur sei längst zu einem zentralen Standortfaktor geworden. Während früher vor allem Datenschutz, Kosten und Leistungsfähigkeit von Cloud‑Anbietern im Vordergrund standen, rücke zunehmend eine grundlegendere Frage in den Fokus: Wer betreibt die digitale Infrastruktur, auf der Unternehmen und Institutionen aufbauen?
„Niemand hat die Cloud‑Anbieter an sich hinterfragt“, so Nöbauer. Digitale Abhängigkeiten seien daher keine rein technische Frage, sondern eine Wohlstands‑ und Wettbewerbsfrage. Spätestens seit dem US‑Cloud‑Act sei vielen Unternehmen bewusst geworden, wie stark digitale Infrastruktur politischen Rahmenbedingungen unterliegt. Umso wichtiger sei es, europäische Alternativen zu stärken, Exit‑Strategien mitzudenken und digitale Wertschöpfung in Europa zu halten.








