Die Fieberkurve der internationalen Finanzmärkte befindet sich seit dem Ausbruch des Irankrieges auf erhöhten Levels, ist aber nach wie vor deutlich von jenen hohen Niveaus entfernt, die sie beim Ausbruch der Corona-Pandemie bzw. dem Angriff Russlands auf die Ukraine erreicht hatte.
Die Stimmung schwankt zwischen der Angst vor einer neuerlichen Eskalation und der Hoffnung, dass der Gesprächsfaden zwischen den Konfliktparteien doch nicht vollständig abgerissen ist. „Es ist bisher de facto sehr wenig an den Aktienmärkten passiert. Wir sind zunehmend optimistisch, dass auch nicht mehr allzu viel nachkommt“, kommentierte Helge Rechberger, Aktienmarktexperte bei Raiffeisen Research, bei einem Webinar von Raiffeisen Zertifikate die Entwicklung.
So seien etwa der deutsche DAX und die US-Indizes S&P 500 bzw. Nasdaq seit Jahresbeginn nur geringfügig im Minus. Dagegen performen der Euro Stoxx 50 und vor allem der ATX nach wie vor positiv. „Der aktuelle Knick ist in einer Fünf-Jahres-Betrachtung kaum erkennbar“, sagte Rechberger. Es gebe keine panischen Verkäufe an den Börsen, auch wenn praktisch jeden Tag eine total neue Entwicklung möglich sei.
Für die Realwirtschaft bedeute der Irankrieg „definitiv einen Gegenwind, aber bisher keine Umkehr des Konjunkturzyklus“. Das zeigt sich auch an den aktuellen Prognosen für das Wirtschaftswachstum in Österreich. Vor dem Krieg wurde für das laufende Jahr eine Zunahme des Bruttoinlandsproduktes (BIP) um 1 Prozent erwartet. Sollte es relativ rasch zu einer Einigung im Nahostkonflikt zwischen den USA und Israel einerseits und dem Iran andererseits kommen, was sich derzeit allerdings nicht abzeichnet, könnte sich 2026 ein BIP-Plus von 0,7 Prozent ausgehen.
In einem adversen Szenario, in dem dieser Krieg über mehrere Monate dauern könnte, würde sich das Wirtschaftswachstum aus heutiger Sicht auf 0,3 Prozent einbremsen. Insgesamt seien die globalen Konjunkturaussichten angesichts des herausfordernden Umfeldes gar nicht so schlecht. So würden etwa die Einkaufsmanagerindizes der Eurozone, der USA, aber auch Chinas sowohl in der Industrie als auch im Dienstleistungsbereich nach wie vor über der 50-Prozent-Marke und damit weiter im expansiven Bereich liegen, strich Rechberger hervor. Damit gäbe es keine Anzeichen dafür, dass es vor allem in den USA in Richtung Stagnation bzw. Rezession gehe. „Und das beruhigt uns vorderhand einmal sehr“, so Rechberger.
Inflation steigt
Auf die Inflation wird sich der Irankrieg jedenfalls deutlich auswirken. Aber auch hier gilt: „Es wird nicht so dick kommen wie in den Jahren 2022 und 2023 beim Ausbruch des Ukrainekriegs“, erklärte Rechberger. Raiffeisen Research geht im neuen Basisszenario (adverses Szenario) von einer Inflation in der Eurozone und in Österreich im Jahr 2026 von 3,5 Prozent aus. Sollte es dennoch zu einer Einigung kommen, dürfte diese wesentlich niedriger, um die 2,4 bzw. 2,5 Prozent, ausfallen.
„Was allerdings nicht absehbar ist, ist die Entwicklung der Energiepreise“, betonte der Raiffeisen-Analyst. In einem Schwung sei der Ölpreis sehr stark hinaufgegangen auf rund 110 US-Dollar pro Fass. Aktuell bewege sich dieser um die 100 US-Dollar. Angesichts der Tatsache, dass kein Schiff durch die Straße von Hormus südlich des Irans fahren und damit Öl aus der wichtigen Golfregion liefern kann, sei die Entwicklung des Ölpreises bisher „nicht dramatisch“, auch wenn die Benzin- und Dieselpreise an der Zapfsäule kräftig angestiegen seien. Das sei für die Wirtschaft durchaus verkraftbar.
Ein Gamechanger zur letzten Energiekrise, die durch den Angriff Russlands auf die Ukraine im Jahr 2022 ausgelöst worden war, sei aber, dass die Gaspreise und damit auch die Strompreise nicht entsprechend mitgezogen seien. Natürlich bleibt die Geopolitik weiterhin der Risikofaktor auf den Energiemärkten. Vor allem die Befahrbarkeit der Straße von Hormus, durch die rund ein Fünftel der globalen Ölversorgung erfolgte, werde die entscheidende Rolle spielen.
Mit dem spürbaren Anziehen der Energiepreise nahmen auch die Sorgen vor einer restriktiveren Geldpolitik und zusätzlichen Belastungen für die Konjunktur zu. Daher werden Rechberger zufolge die erwarteten Zinssenkungen in den USA wohl nicht kommen (können). Zinserhöhungen dürften mit Blick auf US-Präsident Donald Trump allerdings auch keine vorgenommen werden. Und das ursprünglich erwartete Flat-Szenario für den Euroraum hat sich ebenfalls überholt: Für heuer wird mit bis zu drei Zinserhöhungen gerechnet, so dass der Einlagezinssatz in der Eurozone bis zum Jahresende von derzeit 2 auf 2,75 Prozent steigen dürfte. Der größte Move sollte bis Juni stattfinden. 2027 sollte sich das Bild dann wieder normalisieren und es sollten erste Zinssenkungen in der Eurozone, aber auch in den USA folgen. Alles in allem gesehen „fahren die Börsen derzeit auf Sicht durch diese Krise“, resümiert Rechberger.








