Herr Schnabl, sie waren zuletzt CEO der RBI-Tochter in Bosnien-Herzegowina und verantworten seit März im RBI-Vorstand Produkte und Lösungen für das Corporate & Investment Banking (CIB). Wie stark ist der Perspektivenwechsel?
Rainer Schnabl: Innerhalb des Raiffeisensektors hatte ich bereits mehrere verantwortungsvolle Funktionen inne, dennoch ist die Raiffeisen Bank International in ihrer Rolle und Komplexität etwas Besonderes. Aus meinen bisherigen Aufgaben nehme ich vor allem die konsequente Kundennähe und -zentrierung mit. Wenn man diesen Zugang gewissermaßen „mit der Muttermilch“ aufgesogen hat, prägt er das eigene Handeln nachhaltig. Mich beschäftigt stets die Frage, welchen konkreten Mehrwert wir als Bank für unsere Kunden schaffen. Entscheidend ist daher, ihre Bedürfnisse genau zu verstehen, um darauf aufbauend passende Produkte und Lösungen zu entwickeln. Diese entstehen meist iterativ, bis wir ein wirklich maßgeschneidertes Angebot bereitstellen können.
Wie sieht ein aktuelles Beispiel aus?
Schnabl: Derzeit entwickeln wir ein neues Trade-Finance-Programm, über das künftig unsere Handelsfinanzierungen abgewickelt werden sollen. Dabei greifen wir gezielt bekannte Schwachstellen bestehender Marktstandards auf und verbessern diese. Das Programm wird auch KI-gestützt arbeiten. Solche Initiativen stärken unsere Kompetenz im Corporate & Investment Banking. Der Roll-out ist für das kommende Jahr geplant, und neben der RBI und den Netzwerkbanken sollen insbesondere auch die Landesbanken davon profitieren.
Wie ist Ihr Verantwortungsbereich definiert?
Schnabl: Als Headoffice tragen wir die gruppenweite Verantwortung für komplexe Corporate- und Investment-Banking-Produkte und betreuen große internationale Firmenkunden in enger Abstimmung mit den Netzwerkbanken. Darunter fallen etwa Lösungen für strukturierte Finanzierungen, Immobilienfinanzierungen, Handelsfinanzierungen, aber auch Produkte rund um die Kapitalmärkte. Wir betreuen gruppenweit an die 57.000 Firmenkunden mit gesamten Aktiva in Höhe von 83 Milliarden Euro. Es ist unser Ziel, vorhandenes Produkt-Know-how in der Gruppe gezielt mit der tiefen Kenntnis des Marktes, den die Netzwerkbanken lokal haben, zu vernetzen.
„Wir kennen unsere Märkte sehr genau – und damit auch die spezifischen Herausforderungen unserer Kunden.“
Rainer Schnabl
Bringt Ihre Erfahrung als CEO einer Netzwerkbank besondere Einblicke in die Zusammenarbeit innerhalb der Gruppe?
Schnabl: Natürlich, ich kann gut nachvollziehen, was Netzwerkbanken in ihrer täglichen Arbeit an Unterstützung benötigen und in welchen Bereichen sie das Geschäft selbst perfekt abdecken können und wann es kontraproduktiv ist, sich einzubringen. Wesentlich ist es aber, nah am operativen Geschäft zu bleiben und die eigenen Stärken wie auch Schwächen realistisch einzuschätzen. Gemeinsam mit Valerie Brunner, die die Corporate-&-Investment-Banking-Kundenbetreuung verantwortet, sind wir eng an den zentralen Themen unserer Kunden dran, um ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Die große Stärke der Raiffeisen Bank International liegt für mich in der einzigartigen Kombination aus tiefgehender regionaler Expertise in den einzelnen Märkten und einer breiten Produkt- und Lösungskompetenz. Wir kennen unsere Märkte sehr genau – und damit auch die spezifischen Herausforderungen unserer Kunden.
Der CIB-Bereich ist auf Vorstandsebene zweigeteilt. Warum?
Schnabl: In der RBI verfolgen wir im Corporate und Investment Banking das Prinzip der „One Business Bank“. Valerie Brunner ist wie erwähnt für Customer Coverage zuständig, das heißt für die Betreuung unserer Firmen- und institutionellen Kunden, während ich die verschiedenen Produktbereiche verantworte. Gemeinsam verantworten wir das Corporate & Investment Banking der RBI. In der Praxis arbeiten Kundenbetreuungs- und Produktteams sehr eng zusammen, um optimale Kundenlösungen anbieten zu können. Durch die gemeinsame Verantwortung verankern wir zwei Prioritäten fest auf der Vorstandsebene: die kontinuierliche, technologiegetriebene Weiterentwicklung unserer Leistungen sowie die kompetente Betreuung unserer Kunden.
Sie haben in den ersten Wochen eine Besuchstour in den Netzwerkbanken absolviert. Wie ist Ihr Eindruck von den Märkten?
Schnabl: Eine Besuchstour ist etwas übertrieben. Ich habe viele Vorstandskollegen bereits gekannt, mir war es aber wichtig, auch andere Führungskräfte und Mitarbeiter, die das Tagesgeschäft machen, kennenzulernen. Es macht einen Riesenunterschied, ob man ein Land und die Menschen kennt oder mit diesen nur von extern aus zusammenarbeitet. Viele haben die Zeit genutzt, um unsere Treffen mit Kundenkontakten zu verbinden. Das ist sehr wertvoll und in den meisten Fällen ergibt sich da auch etwas.

Vor zwei Jahrzehnten boomte Osteuropa sehr stark, danach kehrte zunehmend eine gewisse Normalisierung ein. Könnte die Region aufgrund der geopolitischen Lage vor allem für die EU wieder wichtiger werden?
Schnabl: Ich bin mir gar nicht sicher, ob man diese Region noch als Osteuropa bezeichnen sollte. Der Unterschied zu den Ländern, die wir als Westeuropa betiteln, ist nicht mehr so groß wie früher. Wenn ich mir Tschechien, die Slowakei, Ungarn oder Rumänien anschaue, dann haben sich diese Länder in den vergangenen Jahren sehr stark entwickelt, sei es in der IT, in der Industrie oder in anderen Sektoren. Sie haben aber zum Beispiel in der Infrastruktur noch einiges an Aufholpotenzial. Das macht sie aber auch attraktiv. Das belegen auch unabhängige Analysen. Als Bank müssen wir den Mut haben, in dieser Region dabei zu sein. Wir haben die Fähigkeiten – und das haben wir in den letzten Jahren bewiesen –, diese Region zu verstehen und dort auch Geschäft zu machen.
Aktuell will die RBI ihre Position in Rumänien mit der Übernahme der Garanti Bank, Tochter der spanischen BBVA, ausbauen. Zudem ist man auch an der Addiko Bank, die aus der ehemaligen Hypo Alpe Adria Bank International hervorgegangen ist, interessiert …
Schnabl: Ich bin sehr froh, dass uns die Einigung über die Garanti Bank geglückt ist. Es gab bereits das Signing und ich bin sehr zuversichtlich, dass uns auch das Closing gelingen wird. Die Addiko Bank würde gut zu unserem Set-up passen. Die RBI plant, ein Übernahmeangebot für die Addiko abzugeben, dies wäre auch eine Möglichkeit, wieder in Slowenien vertreten zu sein und die Marktposition in Kroatien zu stärken.
„Die Unternehmen können die Herausforderungen immer besser managen, die Lernkurve ist relativ steil.“
Rainer Schnabl
Seit Ende Februar tobt der Krieg der USA und Israels gegen den Iran, der globale Folgen hat. Worauf müssen sich Unternehmen einstellen?
Schnabl: Der Irankrieg hat die Wachstumshoffnungen für 2026 gedämpft. Höhere Inflation, niedrigeres Wachstum und anhaltende Volatilität werden uns länger beschäftigen. Die Hauptauswirkung für Europa kommt vor allem über höhere Energiepreise und nicht über die Handelsbeziehungen. Liquidität wird noch mehr zum strategischen Gut, zeigen zum Beispiel auch Gespräche mit börsenotierten Unternehmen, die ich vor kurzem bei der Investorenkonferenz in Zürs traf. Gefragt sind aktive Hedging-Lösungen, Trade Finance, Supply‑Chain‑Finance sowie schnell reagierende Bankenpartner, die Volatilität abfedern und die operative Handlungsfähigkeit sichern. Im größeren Kontext gesehen ist der Irankrieg eine weitere Episode der Polykrisen, denen wir seit einigen Jahren ausgesetzt sind. Die Unternehmen sind aber bereits krisenerfahren und können die oft enormen Herausforderungen immer besser managen, die Lernkurve ist relativ steil.
Welche Vorkehrungen haben die Unternehmen getroffen?
Schnabl: Die meisten börsenotierten Unternehmen sind sechs bis zwölf Monate sowohl bezüglich der Preise als auch der Lieferungen abgesichert. Das ist sehr positiv. Daher sind direkte Folgen des Krieges bei den Betrieben abseits der Energiepreise noch nicht so stark aufgeschlagen. Jetzt hängt aber vieles davon ab, wie lange dieser Konflikt andauern wird. Und auch als Bank müssen wir darauf schauen, dass wir die daraus entstehenden Themen im Griff behalten. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass jede Krise auch Opportunitäten bietet und sich positive Themen auftun können. Als ein kleiner Wermutstropfen steigt aktuell zum Beispiel der Absatz von E-Fahrzeugen sehr stark.
Viele Unternehmen und Länder bereiten sich auf den Wiederaufbau der Ukraine vor, obwohl der Krieg noch nicht beendet ist. Wie ist das Interesse daran?
Schnabl: Es gibt viele Gespräche darüber und Anfang März war die RBI Teil einer Delegation von österreichischen Unternehmen in der Ukraine. In meinem Bereich beschäftigt sich eine eigene Einheit damit. Es geht in erster Linie um Infrastruktur wie Stromnetze. Viele österreichische Unternehmen haben Interesse an möglichen Aufträgen und loten aus, wie man am Wiederaufbau partizipieren kann – und die RBI positioniert sich durch ihre starke Präsenz klar als First-Choice-Bank für Markteintritt und Wiederaufbauprojekte. Denn seit Kriegsausbruch im Februar 2022 hilft die ukrainische RBI-Tochter kontinuierlich, die finanzielle Versorgung in der kriegsgebeutelten Ukraine aufrechtzuerhalten. Wie die Kollegen das schaffen, ist bewundernswert.
Europa erhöht seit einiger Zeit die Verteidigungsausgaben – kein ganz unumstrittenes Thema. Können sich auch in diesem Bereich Chancen eröffnen?
Schnabl: Wir sind eine Bank in einem neutralen Land. Daher sind Finanzierungen in diesem Bereich nur unter strengen Rahmenbedingungen möglich. Ein Thema dabei ist auch immer die klare und nachvollziehbare Endverwendung, um zu vermeiden, dass potenzielle Rüstungsgüter oder Investitionen in Kriegsgebieten landen könnten. Entsprechend schließen wir Finanzierungen im Zusammenhang mit Waffen oder aktiven Kampfhandlungen aus. Es gibt aber in diesem Bereich durchaus vieles, das nicht unmittelbar mit Waffen oder Kriegshandlungen verbunden ist, etwa wenn es um militärische Infrastruktur geht. In diesem Bereich können wir uns bewegen.
Die Digitalisierung im Zahlungsverkehr schreitet voran. Die RBI ist in einem Konsortium von privaten Banken, um einen Stablecoin zu entwickeln. Wieso ist das interessant?
Schnabl: Dem Qivalis-Konsortium gehören mittlerweile zwölf europäische Banken an. Der Vorteil eines Stablecoins ist, dass dieser mit entsprechenden Assets unterlegt ist, also die Werthaltigkeit immer abgebildet ist. Hier ist ein Konsortium wie Quivalis natürlich besonders interessant für Firmenkunden, denn wenn solide und regulierte Banken dahinterstehen, heißt das Stabilität. Bei komplexen Transaktionen, die über verschiedene Währungen, Zeitzonen und Märkte gehen, könnte eine Stablecoin-Transaktion den Prozess spürbar vereinfachen und uns helfen, Zahlungen rascher und effizienter abzuwickeln als derzeit. Wir sind gerade dabei, Anwendungsfälle dafür zu prüfen.
„Ich möchte die Produktkompetenz der RBI für den Sektor transparenter machen.“
Rainer Schnabl
Die RBI ist nicht nur in Osteuropa tätig, sondern hat auch wichtige Funktionen für den Raiffeisensektor in Österreich. Wie läuft da die Zusammenarbeit?
Schnabl: Die sehr guten Erfolge etwa bei den Zertifikaten oder im Asset Management zeigen, welches Potenzial die RBI gemeinsam mit dem Raiffeisensektor heben kann. Mir geht es darum, diese Partnerschaft mit den Landesbanken, aber auch mit den Primärbanken weiter auszubauen und gegenseitig voneinander zu lernen. Ich möchte die Produktkompetenz der RBI für den Sektor transparenter machen und so das gemeinsame Leistungsspektrum stärken. Das ist aber natürlich keine Einbahnstraße. Auch wir wollen von den Erfahrungen des Raiffeisensektors profitieren. Darüber hinaus sind die Raiffeisenlandesbanken natürlich der wichtigste strategische Partner für die Verbundunternehmen der RBI – wie zum Beispiel die Raiffeisen KAG, die Raiffeisen Bausparkasse, Raiffeisen-Leasing, die Valida oder die Factor Bank –, die auch einen wesentlichen Beitrag zur Produktkompetenz der RBI leisten. Grundsätzlich läuft die Zusammenarbeit sehr, sehr gut. Aber selbst wenn etwas sehr, sehr gut läuft, gibt es immer noch Optimierungs- und Weiterentwicklungspotenzial.
Im Juli wird Michael Höllerer Johann Strobl als RBI-CEO nachfolgen. Dann dürfte der Umbau des RBI-Vorstands abgeschlossen sein. Freuen Sie sich schon auf die neuerliche Zusammenarbeit?
Schnabl: Ich kenne Michael Höllerer sehr gut, wir haben gemeinsam die Raiffeisen Capital Management eine Zeit lang geführt. Natürlich ist der Kontakt über die letzten Jahre nicht ganz abgerissen. Was uns verbindet, ist die Leidenschaft für Raiffeisen und dass wir für Raiffeisen auf verschiedenen Ebenen schon einiges bewegt haben.








