Tjebbe Kaindl hat „keine Zeit zum Durchschnaufen“

Tjebbe Kaindl ist Österreichs Nummer 1 beim Triathlon. Zum Start in die Saison spricht der 27-jährige Tiroler über das beste Jahr seiner Karriere, die Härte der Vorbereitung und warum Olympia 2028 jetzt schon in seinem Fokus ist.

Tjebbe Kaindl ist der beste österreichische Triathlet über die olympische Distanz (1,5 Kilometer Schwimmen, 40 Kilometer Radfahren, 10 Kilometer Laufen). Nach dem erfolgreichsten Jahr seiner Karriere 2025 will sich der Modellathlet heuer nochmal verbessern und die Qualifikation für Olympia 2028 ins Visier nehmen. An seiner Seite: Die Raiffeisen Bezirksbank Kufstein, die ihn bereits seit elf Jahren unterstützt. „Diese Partnerschaft zeigt, dass etwas Großes entstehen kann, wenn man gemeinsam an einem Ziel arbeitet“, sagt Kaindl.

Mit welchen Erwartungen gehen Sie in dieses Jahr?
Tjebbe Kaindl: Ich würde gerne dort anschließen, wo ich vergangenes Jahr aufgehört habe. Vom letzten Rennen abgesehen lief die letzte Saison hervorragend. Ich habe den Winter über gut gearbeitet und weiß: An einem guten Tag bin ich bei den Top 10 der Welt dabei.

Der Saisonstart wäre ja bereits im März in Abu Dhabi gewesen, wurde aber wegen der politischen Unruhen in der Region abgesagt. Wie problematisch ist das für einen Profisportler?
Kaindl: Zunächst hat der österreichische Verband seine Teilnahme verständlicherweise abgesagt, dann wurde die gesamte Veranstaltung gecancelt. Von daher habe ich nichts versäumt. Was das Training angeht, stellt man sich schon darauf ein, dass es Ende März losgeht und man dann in Topform ist. Durch die Absage musste ich mich neu justieren. Man hängt dann erst einmal etwas in der Luft und denkt sich: Puh, zach, jetzt noch einen Monat länger trainieren! Aber nach ein paar Tagen war ich schon wieder im neuen Modus drin. 

Bei Skifahrern sagt man, sie werden im Sommer gemacht. Gilt das umgekehrt auch bei einem Sommersportler?
Kaindl: Ganz klar, wir Triathleten werden im Winter gemacht. Ich habe jetzt fast sechs Monate durchtrainiert, eine ungewohnt lange Zeit. Vergangene Saison hatte ich meinen ersten Triathlon schon im Februar. Aber so hatte ich die Zeit, mich wirklich optimal vorzubereiten und hoffe, das in den kommenden Monaten in gute Resultate umsetzen zu können.

Wie schaut eine Wintervorbereitung typischerweise bei Ihnen aus?
Kaindl: Ich war drei Monate auf den Kanaren, bin nur für Tests und wichtige Termine nach Österreich geflogen. Im Winter ist es in Österreich ganz schwierig, die nötigen Rad-Kilometer zusammenzubekommen, da muss man in den Süden „flüchten“. Der längste Block, an dem ich dort war, war sechs Wochen. Ich will in der Zeit so wenig wie möglich reisen, weil das Energie kostet und wertvolle Trainingszeit verloren geht.

Wie hart sind diese Monate?
Kaindl: Man macht schon die meisten Umfänge in dieser Zeit. Allein im Jänner kam ich auf 122 Stunden Netto-Trainingszeit, das sind lange und intensive Tage. Vom Körperlichen her ist es die härteste Zeit, vom Mentalen her ist dann die Wettkampf-Saison wieder härter, weil man vom Kopf und vom Körper her voll da sein muss.

Tjebbe Kaindl am Rad
© GEPA pictures/Patrick Steiner

Ihr Wettkampf-Kalender orientiert sich an der ITU World Championship Series. Das sind zehn große Rennen über den gesamten Erdball verteilt.
Kaindl: Das System funktioniert wie in der Formel 1. Man sammelt bei jedem Rennen Punkte, die fünf besten plus das Finale fließen in die Wertung ein. Wer am Ende die meisten Punkte hat, ist Weltmeister. Mein Hauptziel für diese Saison lautet: Ich will in der Gesamtwertung den Top 10 so nah wie möglich kommen. Vergangene Saison war ich 29., da wurden aber nur die drei besten Ergebnisse gewertet. Ich habe aber sehr konstant geliefert, so dass beispielsweise drei 17. Plätze aus der Wertung fielen, weil es Streichresultate waren. Dieses Jahr sind es fünf Ergebnisse, die zählen, das kommt mir entgegen. Dazu kommt: Mit dem Rennen in Alghero (Italien) Anfang Juni fängt auch die Qualifikation für die Olympischen Spiele 2028 in Los Angeles an. Ab dann zählt es!

Wie funktioniert die Olympia-Quali?
Kaindl: Der Zeitraum geht über zwei Jahre und ist auf zwei Perioden aufgeteilt. Aus jedem Jahr werden die sechs besten Resultate gewertet und zusammengezählt. Das heißt: Ab Juni gibt es keine Zeit mehr zum Durchschnaufen, es geht Schlag auf Schlag. 

Der Kalender ist international – haben Sie ein Lieblingsrennen?
Kaindl: Ja, das im tschechischen Karlsbad. Dort ist der Kurs maßgeschneidert für mich, weil er die härteste Radstrecke hat: viele Anstiege, technisch schwierig. Das liegt mir total, weil Radfahren meine stärkste Disziplin ist und ich so auch den schnellen Läufern wehtun kann. Dazu kommt, dass es nur drei Stunden von mir daheim entfernt liegt, ich mit dem Auto anreisen kann. Bei so viel Reisestress sind Rennen vor der Haustür sehr angenehm.

Manche Rennen liegen so eng beieinander, dass nur wenige Tage Zeit zur Regeneration bleiben. Ist es überhaupt möglich, dann den Körper für einen Triathlon wieder in Schuss zu bringen?
Kaindl: Ich finde, dass es bei Rennen im Wochen-Rhythmus sogar leichter ist. Teilweise ist das zweite oder dritte Rennen besser als das erste, weil man sich über die Rennen in Form bringt. Dann ist es kein Nachteil, in diesem Flow zu sein und die Anspannung der Vorwoche in das nächste Rennen mitzunehmen.

Im Juni findet in Spanien die Europameisterschaft statt …
Kaindl: … die habe ich mir im Kalender schon rot angestrichen. Vergangenes Jahr wurde ich bei der EM in Istanbul Sechster, da haben mir nur zwölf Sekunden auf eine Medaille gefehlt. Auf der einen Seite war es ein gutes Rennen, auf der anderen war es bitter, weil es eben so knapp war. Deswegen ist es heuer mein Ziel, dort auf das Stockerl zu kommen. 

Tjebbe Kaindl beim Schwimmen
© GEPA pictures/Patrick Steiner

Als wir vor vier Jahren an dieser Stelle ein Interview geführt haben, war Olympia in Paris Ihr großes Ziel. Das haben Sie geschafft und wurden 33. Wie zufrieden waren Sie damit?
Kaindl: Ich sage mal so: Ich bin sicherlich nicht mit den besten körperlichen Voraussetzungen nach Paris gefahren, auch vom Alter her war es nicht optimal, ich war einer der jüngsten Starter dort. Für mich war wichtig, so viel Erfahrung wie möglich für später mitzunehmen. Ich habe zum Beispiel gesehen, wie viel allein im Olympischen Dorf um einen herum passiert. Da ist es extrem schwierig, seinen Fokus zu behalten. Von diesen Learnings will ich 2028 profitieren. Da geht es um ein richtig gutes Ergebnis, darauf liegt der Fokus. 

Inwieweit sind die Spiele in zwei Jahren jetzt schon in Ihrem Kopf?
Kaindl: L.A. 2028 ist sicher mein Hauptziel, da fangen jetzt bereits die Vorbereitungen an. Welche Trainingscamps machen wir im Vorfeld, wo werden die Schwerpunkte gesetzt … Das muss man jetzt schon abklären, damit man im Vorfeld von Olympia keine Experimente machen muss.

Triathlon gehört zu den Sportarten, bei denen die Formkurve im Alter länger ansteigt als bei Sportarten, bei denen es auf Schnellkraft ankommt. Das müsste Ihnen entgegenkommen.
Kaindl: Definitiv! Wenn du mit 22 Jahren kein Wunderkind bist, brauchst du die Routine durch die Trainingsjahre, um an die Spitze zu kommen. Da hilft so ein Jahr wie das letzte bei mir, als ich richtig gut und konstant durch die Saison kam, enorm. Auf der Olympischen Distanz erreicht man zwischen 28 und 30 den Höhepunkt, das liegt noch vor mir. Bei den Langdistanzen wie beim Ironman ist es sogar noch später.

Sie liegen in der Weltrangliste auf Rang 33 und sind damit der mit Abstand beste Österreicher. Was bedeutet Ihnen das? 
Kaindl: Klar ist es cool, wenn man sagen kann: Ich bin der Beste meines Landes. Mein Blick ist aber international: Ich will bei der WM-Serie in die Top 10 kommen und mich dadurch weiter verbessern. Das ist das, was mich anspornt.

AusgabeRZ18-2026

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