Herr Spanz, Sie sind seit 1992 im Bankgeschäft und verantworten seit 2010 die Risiko- und Banksteuerung der Raiffeisen Landesbank Kärnten. Auf eigenen Wunsch scheiden Sie im Juni aus dem Vorstand aus – mit welchem Gefühl?
Gert Spanz: Mit einem guten Gefühl. Die Bank steht gut da und ist stabil aufgestellt. Seit 17 Jahren bin ich im Vorstand der Raiffeisen Landesbank Kärnten und konnte dadurch wesentliche Themen mitgestalten. Es ist nun die Zeit gekommen, mich anderen Dingen wie meiner Land- und Forstwirtschaft zu widmen. Das ist eine große Leidenschaft von mir, die in der Vergangenheit oft zu kurz gekommen ist. Außerdem möchte ich bewusst ein neues Kapitel aufschlagen. Es freut mich, dass mit Uta Kogler-Maier eine erfahrene und kompetente Kollegin aus dem Haus die Aufgabe übernehmen wird.
Sie sind kurz nach der globalen Finanzkrise in die Funktion gekommen. Wie sehr hat diese Ihr Risikoverständnis beeinflusst?
Spanz: Die große Finanzkrise mit dem Zusammenbruch der US-Investmentbank Lehman Brothers und ihre Folgen waren eine prägende Phase und haben sicherlich ein erweitertes Risikobewusstsein geschaffen. Quasi über Nacht ist man von einem blinden Vertrauen der Banken untereinander in eine massive Vertrauenskrise gestürzt. Aber auch die Liquiditäts- und Staatsschuldenkrise, in deren Zentrum Griechenland gestanden hatte, sorgte für massive Unsicherheiten. Es kamen Risiken zum Vorschein, die man vorher nicht im ausreichenden Maß auf dem Radar hatte. Heute sind die Banken viel besser kapitalisiert und das Finanzsystem ist insgesamt stabiler.
Ist die Regulatorik Teil des Erfolges?
Spanz (lacht): Sie hatte positive Wirkungen, vor allem weil der Nutzen besonders in den ersten Jahren nach der Krise klar sichtbar und greifbar war. Mittlerweile sind wir aber in einer überschießenden Phase, in der manche Dinge selbst für Experten kaum nachvollziehbar sind. Es gibt immer mehr „theoretische Richtlinien“, die die Banken umsetzen müssen – allerdings ohne erkennbaren Mehrwert. Das ist eine bedenkliche Entwicklung. Hier wäre jedenfalls mehr Augenmaß erforderlich. So wird Proportionalität etwa als ein wichtiges Prinzip postuliert, praktisch findet sie aber nicht statt.
Was unterscheidet gute von schlechter Risikokultur?
Spanz: Eine gute Risikokultur ist von Transparenz, offenem Dialog und Verantwortungsbewusstsein geprägt. Wesentlich ist auch, dass das Management dabei mit gutem Beispiel vorangeht. Es ist wichtig, potenzielle Risiken frühzeitig zu erkennen. Außerdem gehört zu einer guten Unternehmenskultur auch ein transparenter Umgang mit Fehlern. Das sollte als Chance für Prozessverbesserungen gesehen werden. Demgegenüber sind beispielsweise starres Silodenken, Angst vor Sanktionen und Schuldzuweisungen immer schlecht für die Risikokultur – vor allem in einer Bank.
Welche Krise hat Sie persönlich am stärksten belastet?
Spanz: Die Covid-Pandemie war sicherlich eine besonders herausfordernde Phase. Die Rahmenbedingungen haben sich laufend verändert und viele Entscheidungen mussten unter großer Unsicherheit getroffen werden. Gleichzeitig war auch spürbar, wie stark sich gesellschaftliche Spannungen aufgebaut haben. Rückblickend würde man einzelne Dinge vielleicht anders angehen. Solche Phasen sind auch persönlich lehrreich. Beruflich war sicher die Integration und Fusion der Raiffeisen-Bezirksbank Klagenfurt, damals die größte Primärbank Kärntens, mit der RLB Kärnten eine Herausforderung, die letztlich nach gemeinsamer Anstrengung erfolgreich abgeschlossen werden konnte.
Verstehen Banken heute Risiken besser – oder sind sie nur stärker reguliert?
Spanz: Ich denke, beides trifft zu. Die Finanzkrise und die Jahre danach waren für die gesamte Branche ein massiver Lernprozess. Zudem sind auch die inhaltlichen Anforderungen an Funktionäre deutlich gestiegen. Auch hier hat das Thema Risiko einen anderen Stellenwert erhalten. Gleichzeitig sind die Rahmenbedingungen in den vergangenen Jahren etwa aufgrund politischer Entwicklungen oder wirtschaftlicher Verwerfungen noch anspruchsvoller geworden. Viele Entwicklungen sind schnelllebiger – angefangen von der Zinsentwicklung über die Digitalisierung bis hin zu Nachhaltigkeitsrisiken. Unsicherheiten treten in unterschiedlichen Formen immer wieder auf. Entscheidend ist daher weniger die einzelne Entwicklung, sondern die Fähigkeit, als Bank auch in anspruchsvollen Situationen stabil und handlungsfähig zu bleiben.
Aktuell spielen Immobilien-Risiken eine große Rolle. Wie geht es da weiter?
Spanz: Das Thema ist für viele Banken eine Herausforderung, die man nun managen muss. Aktuell gestaltet sich die Marktsituation schwierig und selbst der Verkauf von exklusiveren Immobilien in sehr guten Lagen wie beispielsweise an Seen verläuft eher schleppend. Aufgrund der aktuellen Rahmenbedingungen sind nur sehr wenig neue Immobilienprojekte in Umsetzung. Mit einer Entspannung ist hier erst in ein bis zwei Jahren zu rechnen.
Wenn Sie Ihrer jüngeren Version aus 2010 einen Rat geben könnten – welcher wäre das?
Spanz: Ich würde raten, zwischendurch öfter innezuhalten und gemeinsame Erfolge bewusster wahrzunehmen und sich darüber auch zu freuen. In verantwortungsvollen Funktionen richtet sich der Blick oft schnell auf die nächste Herausforderung. Dabei wurde in den vergangenen Jahren gemeinsam mit unseren vielen engagierten Mitarbeitern sehr viel erreicht.









