Während internationale Headliner ganze Landstriche beschallen und große Festivalmarken längst Teil der Eventindustrie geworden sind, entwickelt sich parallel dazu ein anderer Festivalsommer. Einer, der weniger auf Größe setzt, sondern abgelegene Bergdörfer, historische Arkaden, Weinlandschaften oder ehemalige Gewerberäume zu kulturellen Laboratorien macht.
Begeben wir uns daher gleich mal in die Tiroler Ortschaft Bschlabs. Dort findet das new media & experimental arts festival „Medienfrische“ (6. bis 21. Juni) bei freiem Eintritt statt. Die Rotte im Außerfern umfasst knapp 70 Gebäude mit etwa 90 Einwohnern und liegt fernab urbaner Kunstzentren. Gerade diese Abgeschiedenheit macht den Reiz des Festivals aus. Bespielt werden Scheunen, Dorfplätze, leerstehende Gebäude und öffentliche Räume. „Medienfrische“ versteht sich als Experimentierfeld für die Frage, wie digitale Kunst und ländliche Lebensrealitäten miteinander in Dialog treten können. Dabei entstehen Arbeiten, die sich mit Themen wie Klimawandel, Digitalisierung, Mobilität oder gesellschaftlichem Zusammenhalt beschäftigen. Für den musikalischen Teil sorgen Lukas Lauermann, Albin Paulus und Der Nino aus Wien, während verschiedene Artists in Residence Architektur des Verweilens, Lichtpfade, Landart, Klangkunst und interdisziplinäre künstlerische Forschung präsentieren.
Kulturutopie auf dem Land
Von 11. bis 19. Juli verwandelt die „Pulkautal Biennale“ das Weinviertel in eine weitläufige Kunstlandschaft, verteilt über Kellergassen, Weingärten, Presshäuser und Freiflächen. Besucher bewegen sich nicht von Saal zu Saal, sondern wandern durch die Region, etwa am Archäologieweg Alberndorf. Viele Projekte beschäftigen sich mit Fragen der Nachhaltigkeit, der Landwirtschaft, des Strukturwandels und des Umgangs mit natürlichen Ressourcen, wie beim Holzschnittworkshop mit Czeslavia Pruscha, aber auch in Gesprächsrunden mit dem Thema „Sprachwandel, Landschaftswandel. Wie neue Agrartechnologie unsere Identität verändert“. Die Region wird hier nicht zur bloßen Kulisse, sondern zum eigentlichen Gegenstand künstlerischer Reflexion.
Nur wenige Tage später, vom 16. bis 19. Juli, findet in der Steiermark das „Ernte“ Festival statt. Was auf den ersten Blick wie ein kleines Musikfestival erscheint, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als komplexes Kulturprojekt. Zentrum ist ein historischer Gutshof im Murtal. Die alten Wirtschaftsgebäude, Stadel und Freiflächen werden temporär zu Bühnen, Werkstätten, Ausstellungsräumen und Treffpunkten. Elektronische Musik trifft auf Architektur, Handwerk auf Filmkunst, Diskussionen auf Installationen.
Bis zum 1. August bringt das Festival „Stummer Schrei“ zeitgenössische Kunst und Kultur ins Tiroler Zillertal. Der Name spielt auf den Veranstaltungsort Stumm an, verweist aber zugleich auf den Anspruch, gesellschaftliche Themen sichtbar und hörbar zu machen. Eröffnet wird das Festival am 5. Juni mit der Premiere des Theaterstücks „Die Revision“, frei nach Nikolai Gogols „Der Revisor“ und inszeniert von Martin Leutgeb. Dazwischen liegen 24 Sommerabende, gefüllt mit Kabarett (Malarina, Florian Scheuba) und Konzerten im Dorfbäckstadl und an weiteren Spielorten in Stumm, die von traditionellen Gebäuden bis zu ungewöhnlichen Freiluftbühnen reichen. Zu hören sind unter anderem ein Orgelkonzert mit Viktoria Hirschhuber sowie Jazzkonzerte mit Marie Spaemann & Christian Bakanic und Chanson mit Britta Ströher & Robert Sölkner.


Grenzen im Hochsommer
Ende Juli beginnt das „HOCHsommer“ Festival, das vom 31. Juli bis 9. August die Grenzregion zwischen Österreich und Slowenien bespielt. Anders als viele Festivals besitzt HOCHsommer kein klar abgegrenztes Zentrum. Stattdessen verteilt sich das Programm auf 15 Orte in der Südoststeiermark, dem Südburgenland und dem angrenzenden Slowenien mit Ausstellungen, Performances und Konzerten.
Im 10. Jahr seines Bestehens stellt sich der HOCHsommer „dem Verschwinden von so Vielem entgegen, das uns wertvoll und wesentlich erscheint, durchaus auch mit subversiven und Humor getragenen Strategien“, wie es seitens des Veranstalters rund um Kunstmanagerin und Kuratorin, Michaela Leutzendorff Pakesch, heißt. So entstehen jedenfalls Freiräume für künstlerische Interventionen und Echoräume gesellschaftlich relevanter Themen, die sich mit Fragen kultureller Identität, europäischer Zusammenarbeit und regionaler Geschichte beschäftigen. Die Grenze erscheint dabei nicht als Trennlinie, sondern als produktiver Begegnungsraum. Das Festival entwickelt dadurch einen Charakter, der eher an eine kulturelle Expedition erinnert als an ein klassisches Festival. Die Reise durch die Landschaft wird selbst Teil der künstlerischen Erfahrung und zeigt Werke von Günter Brus, Veronika Dirnhofer, Gerwald Rockenschaub oder Anita Witek.
Sommer der Entdeckungen
Vom 21. bis 30. August verwandelt „Krapoldi“ Innsbruck in einen großen Spielplatz für Clownerie, Neuen Zirkus und Straßentheater. Im Zentrum steht die Idee, Kunst aus geschlossenen Räumen herauszuholen und in den öffentlichen Raum zu bringen. Parks, Plätze und Straßen werden zu Bühnen. Das Publikum begegnet den Aufführungen oft zufällig und wird unmittelbar in das Geschehen hineingezogen. Dadurch erreicht man Menschen, die möglicherweise niemals ein Theater oder eine Performance-Ausstellung besuchen würden.
Bis zum 13. September bespielt das Festival „Arkadenkultur“ historische Innenhöfe und Arkadengänge in Salzburg und verbindet so Literatur und Musik mit außergewöhnlichen Spielorten. Am Programm stehen bekannte Namen wie Franzobel, Meena Cryle & Chris Fillmore, Saxofour, Eva Plankton, aber auch das Studierenden-Ensemble der Linzer Bruckneruni unter der Leitung von Chris Kronreif. Die architektonische Situation ist dabei weit mehr als bloße Kulisse. Die historischen Arkaden schaffen eine intime Atmosphäre, die konzentriertes Zuhören ermöglicht und zugleich eine besondere Nähe zwischen Publikum und Künstlern erzeugt – und so zu Resonanzräumen für zeitgenössische Stimmen werden.
Der Festivalsommer 2026 macht deutlich, dass spannende kulturelle Entwicklungen auch abseits großer Festivalgelände stattfinden. Gemeinsam ist den Festivals die Überzeugung, dass Kultur mehr sein kann als bloße Unterhaltung. Wer sich darauf einlässt, entdeckt nicht nur neue Kunstformen, sondern auch neue Perspektiven auf Landschaften, Städte und Gemeinschaften quer durch ein Österreich, das sich neugierig und experimentierfreudig zeigt.







