Was bedeutet es für Sie, das Amt des Generalanwalts für die nächsten vier Jahre auszuüben?
Erwin Tinhof: Es ist für mich eine große Ehre, dieses Amt übernehmen zu dürfen, und ich begegne dieser Aufgabe mit großem Respekt und Demut. Als ich gefragt wurde, ob ich diese Funktion übernehmen möchte, habe ich mir die Entscheidung gut überlegt. Letztlich war für mich ausschlaggebend, Verantwortung für den Raiffeisensektor zu übernehmen. Ich freue mich darauf, Raiffeisen in den kommenden vier Jahren gemeinsam mit vielen engagierten Persönlichkeiten aktiv mitzugestalten.
Was zeichnet Ihrer Meinung nach einen guten Generalanwalt aus?
Tinhof: Ein Generalanwalt braucht vor allem eine starke Vernetzung innerhalb des Raiffeisensektors. Gerade in einem mehrstufigen Verbund wird die interne Abstimmung weiter an Bedeutung gewinnen. Dafür braucht es nicht nur Erfahrung, sondern auch das Gespür, wann persönliche Gespräche notwendig sind, um gemeinsame Lösungen zu finden. Ebenso dienlich ist die langjährige Kenntnis des Sektors, denn viele Herausforderungen lassen sich nur verstehen, wenn man ihre Entwicklung und ihren Hintergrund kennt.
Welche Themenschwerpunkte haben Sie sich für die nächsten vier Jahre vorgenommen?
Tinhof: An erster Stelle steht für mich die WIR-Kraft von Raiffeisen. Der Österreichische Raiffeisenverband ist die Bundesorganisation, das Dach der Raiffeisenfamilie und somit Impulsgeber für den gesamten Sektor. Diese Rolle möchte ich gemeinsam mit meinen drei Stellvertretern konsequent weiterentwickeln und stärken. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Digitalisierung. Wir müssen sie als Chance begreifen und aktiv gestalten. Dazu gehört auch, digitale Möglichkeiten für den Beitritt zu Genossenschaften zu schaffen und insbesondere jungen Menschen den Mehrwert des genossenschaftlichen Modells näherzubringen. Gleichzeitig wollen wir die regionale Stärke von Raiffeisen noch sichtbarer machen. Unsere Raiffeisenbanken und Lagerhausgenossenschaften leisten täglich einen wichtigen Beitrag für die Regionen. Diese Kraft wollen wir österreichweit noch stärker ins Bewusstsein rücken. Ein zentrales Anliegen ist schließlich die Gewinnung neuer Genossenschaftsmitglieder. Wir werden dazu neue Maßnahmen setzen und uns ambitionierte Ziele für die Weiterentwicklung unserer Mitgliederbasis in ganz Österreich geben. Genauso wichtig ist mir aber die Wertschätzung unserer bestehenden Genossenschaftsmitglieder. Sie tragen Raiffeisen oft seit vielen Jahren, manche seit Generationen. Der Österreichische Raiffeisenverband wird daher auch weiterhin seine Mitglieder bestmöglich unterstützen und ihnen einen noch stärkeren Mehrwert bieten und die Vorteile einer Mitgliedschaft noch sichtbarer machen. Mitglieder zu gewinnen und Mitglieder langfristig zu halten, gehören für mich untrennbar zusammen.
Die Gesellschaft befindet sich in einem tiefgreifenden technologischen Wandel. Welche Rolle werden Künstliche Intelligenz, Digitalisierung und datengetriebene Geschäftsmodelle künftig spielen und wie soll Raiffeisen auf diese Entwicklungen reagieren?
Tinhof: Die Digitalisierung verändert Wirtschaft und Gesellschaft mit hoher Geschwindigkeit. Wir erleben einen massiven Wandel ganzer Wertschöpfungsketten. Diese Veränderung können und müssen wir als Chance verstehen. Raiffeisen hat in seiner Geschichte immer wieder bewiesen, dass Innovation und genossenschaftliche Werte kein Widerspruch sind. Wir haben Veränderungen stets genutzt, um die Bedürfnisse der Menschen bestmöglich zu erfüllen. Das wird uns auch diesmal gelingen – entscheidend ist, dass wir das Tempo erhöhen und Entwicklungen aktiv mitgestalten.
Das Unterscheidungsmerkmal von Raiffeisenbanken und Lagerhausgenossenschaften sind ihre Wesensmerkmale: Die Menschen vor Ort sind Eigentümer ihrer Genossenschaften, Gewinne werden in den Regionen reinvestiert und die Mitglieder sind gleichzeitig Kunden. Wie wollen Sie diese Genossenschaftsidee noch stärker der breiten Bevölkerung ins Bewusstsein rufen?
Tinhof: Künstliche Intelligenz und digitale Angebote werden vieles verändern – eines können sie jedoch nicht ersetzen: persönliches Vertrauen, zwischenmenschliche Beziehungen und regionale Verbundenheit. Genau darin liegt die Stärke des genossenschaftlichen Modells. Unsere Werte sind eine überzeugende Antwort auf die wachsende Anonymität im digitalen Raum. Daher werden wir als Raiffeisen diese Besonderheiten noch stärker kommunizieren und als Österreichischer Raiffeisenverband neue Initiativen setzen, um die Genossenschaftsidee noch sichtbarer zu machen. Gleichzeitig wollen wir das Bewusstsein stärken, dass Mitgliedschaft weit mehr ist als eine formale Beteiligung: Sie bedeutet Mitbestimmung, regionale Verantwortung und Teil einer starken Gemeinschaft zu sein. Diese Botschaft richtet sich gleichermaßen an bestehende wie an künftige Mitglieder.
Raiffeisen ist ein Verbund selbständiger Einheiten. Um zu funktionieren, braucht Raiffeisen ein erhöhtes Maß an Kommunikation und Koordination. Sehen Sie das als Hürde oder als Chance?
Tinhof: Ganz klar als Chance. Die selbstständigen Raiffeisenbanken und Lagerhausgenossenschaften sind eine unserer größten Stärken am Markt. Sie stehen für Nähe, Vertrauen und persönliche Betreuung. Gleichzeitig ist in einem mehrstufigen Verbund eine enge Abstimmung unverzichtbar. Wenn es gelingt, die Kräfte auf Bundesebene zu bündeln und unter dem Giebelkreuz geschlossen aufzutreten, ist Raiffeisen bestens aufgestellt, um seine starke Position weiter auszubauen.
Wo sehen Sie weiteres Potenzial in der Zusammenarbeit über die Bundesländergrenzen hinweg und welche Rolle sollte dabei der ÖRV spielen?
Tinhof: Um unsere starke Marktposition langfristig zu sichern und weiter auszubauen, werden wir in vielen Bereichen noch enger über Bundesländergrenzen hinweg zusammenarbeiten müssen. Der Österreichische Raiffeisenverband ist dabei die zentrale Plattform, auf der gemeinsame Strategien entwickelt und Kooperationen vorangetrieben werden. Voraussetzung dafür ist ein intensiver und vertrauensvoller Austausch innerhalb des gesamten Sektors. Davon sollen letztlich vor allem unsere Mitglieder profitieren – durch einen österreichweit hohen Qualitätsanspruch, moderne Services und den Austausch erfolgreicher Ideen zwischen allen Sektorstufen.
Der Raiffeisentag 2026 stand unter dem Motto „Zukunft braucht junge Ideen“. Gelingt es aus Ihrer Sicht Raiffeisen, junge Menschen anzusprechen und für sie attraktiv zu sein?
Tinhof: Der Raiffeisentag 2026 hat eindrucksvoll gezeigt, welches Potenzial in jungen Menschen steckt. Die Veranstaltung war geprägt von inspirierenden Persönlichkeiten und starken Impulsen für die Zukunft. Besonders gefreut hat mich die Aussage einer jungen Teilnehmerin, dass Raiffeisen bei ihrer Generation präsent ist und „eine Chance“ bei jungen Menschen hat. Das bestätigt unseren Weg. Deshalb gilt für mich: Wir müssen junge Menschen noch gezielter als Mitglieder und Kunden gewinnen. Denn sie sind es, die die Zukunft von Raiffeisen gestalten werden. Ja, Zukunft braucht junge Ideen – und sie braucht auch Menschen, die Raiffeisen seit Jahren mittragen und ihre Erfahrungen einbringen. Beides gemeinsam macht die WIR-Kraft von Raiffeisen aus.








