Das Gründerpaar Anja und Michael Geretschläger aus Salzburg erinnert sich noch genau an das Gespräch. Ernüchternd sei es gewesen. Sie waren auf der Suche nach einer Finanzierung für ihr Unternehmen Feragen, doch das Gespräch mit ihrer Hausbank verlief anders als erhofft. „Meine Frau und ich haben uns nicht verstanden gefühlt“, erzählt Michael Geretschläger. Es sei gewesen, als würde man eine andere Sprache sprechen als der Bankberater. „Die Banken möchten Sicherheiten, die wir nicht haben. Wie auch? Es gibt keine Historie, aus der Vorhersagen getroffen werden können.“
So wie Anja und Michael Geretschläger geht es vielen Gründern. Sie benötigen Kapital, um ihre Geschäftsidee umzusetzen und das Unternehmen aufzubauen, bekommen aber oft keine klassische Finanzierung. In Salzburg hat man dieses Problem erkannt und möchte gegensteuern: Um junge Unternehmer zu fördern, hat die Raiffeisen Bankengruppe Salzburg Ende 2023 eine eigene Genossenschaft gegründet, die Raiffeisen Salzburg Start-Up eGen.
„Wir sind zentraler Ansprechpartner für Gründer, Start-ups und Investoren. Sozusagen genossenschaftlicher Corporate Business Angel mit Banklizenz“, sagt Bernhard Wimmer, der die Initiative Raiffeisen Salzburg Start-Up leitet. „Mein Kollege Bernhard Tomasi kümmert sich schwerpunktmäßig um alles, was die Genossenschaft betrifft. Und ich bin primär für Raiffeisen Start-Up zuständig“, erklärt Wimmer. Der Sitz dieser Anlaufstelle befindet sich im Techno-Z Urstein, eine 100-prozentige Tochtergesellschaft des Raiffeisenverbands Salzburg. Hier ist auch die Salzburg Base beheimatet, ein Netzwerk, in dem Raiffeisen Salzburg gemeinsam mit weiteren Partnern – darunter die FH Salzburg – zusammenarbeitet.
Investments entwickeln sich positiv
Für den Start-up-Experten Wimmer wird damit eine Lücke in Salzburg geschlossen. „Es gibt nichts Vergleichbares im DACH-Raum. Von Anfang 2025 bis jetzt haben wir mehr als 700 Gespräche geführt. Nicht nur mit Gründern, auch mit möglichen Kooperationspartnern oder Venture-Capital-Gesellschaften.“ Neben klassischen Finanzierungen engagiert sich Raiffeisen Salzburg direkt mit Eigenkapital, bündelt Know-how, stellt Infrastruktur und Netzwerke im TechnoZ zur Verfügung. „Wir wissen, wie Start-ups ticken. Die RVS-Geschäftsleitung und unsere Primärbanken stehen dabei voll hinter uns.“
Die Bilanz nach mehr als zwei Jahren: „Wir haben bisher fünf Start-ups mit sechs Investmentbeteiligungen aus den unterschiedlichsten Branchen unterstützt. Bis jetzt entwickeln sich unsere Investments positiv. Alle Unternehmen haben steigende Umsätze und verzeichnen eine starke Nachfrage“, so Wimmer. Allein in diesem Jahr sind drei neue Beteiligungen hinzugekommen, jeweils im Umfang von etwa 100.000 Euro.
Feragen treibt Internationalisierung voran
Auch das Gründerpaar Anja und Michael Geretschläger zählt dazu. Mit ihrem Unternehmen Feragen haben sie sich auf genetische Diagnostik bei Tieren spezialisiert und führen DNA-Analysen für Hunde und Katzen durch. „Im Bereich der Haustiergenetik gibt es ein wachsendes Interesse daran, genetische Informationen über die Tiere zu erhalten“, sagt Anja Geretschläger. Die genetischen Analysen können unkompliziert zu Hause durchgeführt werden. Wimmer erklärt: „Feragen ist zwar kein Start-up mehr, es gibt das Unternehmen seit 2017. Wir investieren immer gern so früh wie möglich, aber mit unserem Investment können wir den nächsten Push vorantreiben.“

Das Kapital soll nun unter anderem unterstützen, die Internationalisierung des Unternehmens zu forcieren – für Feragen ein wichtiger Schritt. Geplant ist auch, dass das Unternehmen noch dieses Jahr seinen Standort von der Salzburger Strubergasse ins Techno-Z Urstein verlagert. Letztendlich, sagt die promovierte Molekularbiologin Anja Geretschläger, komme es auf die Menschen und ihre Ideen an.
Ein Flirt auf unternehmerischer Ebene
Das sieht auch Wimmer so: „Das Zwischenmenschliche zählt. Auch bei der Entscheidung, ob es zu einer Kooperation kommt.“ Es sei ein Flirt auf unternehmerischer Ebene. Neben Feragen gab es heuer auch für das Start-up Repentium ein Match in Form eines Investments. Die beiden Gründer Lukas Rupsch und Florian Rohrmoser entwickelten eine 3D-Drucktechnologie, die industrielle Bauteile schneller und präziser herstellen soll.
„Allein nach der Pressemeldung, die wir anlässlich unseres Investments verschickt haben, meldeten sich mehrere CEOs von großen Maschinenbauunternehmen bei den Gründern“, erzählt Wimmer. Ein Beispiel dafür, wie wertvoll der Netzwerkgedanke sein kann: „Kontakte führen zu neuen Kontakten, Netzwerke überschneiden sich, und daraus entstehen neue Verbindungen.“ Mit dem Einstieg bei der Dauntles GmbH und deren Produkt Shoptimizer, einem Online-Bewertungstool für Unternehmen, setzt man die dritte Investition in diesem Jahr.
Für Wimmer sind aber nicht nur die Zahlen wichtig: „Es ist kein Unternehmen dabei, das uns als Raiffeisen nicht positiv nach außen trägt. Darauf bin ich stolz.“ Und er betont: „Wir brauchen generell mehr Player, die das Netzwerk erweitern. Das würde die gesamte Region stärken. Wir waren heuer bisher die einzigen im Bundesland, die in Start-ups investiert haben. Es gab sonst kein Cash-Investment.“
Das Speed-Boot neben dem großen Tanker
Aus den ersten Kooperationen und Beteiligungen konnte man einige Lehren ziehen. „Geschwindigkeit ist ein entscheidender Faktor“, sagt Wimmer. Beispielsweise bei der Vergabe von Kontokorrentlinien. „Im Kredithandbuch ist geregelt, dass Start-ups grundsätzlich ein Marktfolgethema sind. Gleichzeitig fehlte bislang eine offizielle Definition, was genau als Start-up gilt.“ Allein die Schärfung der Definition sei daher bereits ein wichtiger Schritt gewesen. „Wenn wir als Raiffeisen Salzburg Start-Up mit an Bord sind, können wir zudem mit einem erweiterten Pouvoir arbeiten. Dadurch lassen sich Kreditvergaben schneller entscheiden.“
Ziel sei es, insbesondere bei Kontokorrentlinien mehr Geschwindigkeit in den Prozess zu bringen, ohne die erforderlichen Kredit- und Risikostandards außer Acht zu lassen. „Wir sehen uns als Speed-Boot neben dem großen Tanker.“
Raiffeisen als Gründerbank
Und wohin soll der Weg gehen? „Mein Ziel ist es, dass man Raiffeisen in der Außenwirkung irgendwann als Gründerbank assoziiert. Das sind die Kunden der Zukunft“, so Wimmer. Er betont aber auch: „Es ist nicht unser Ziel, die regulatorischen Hürden zu senken, sondern das Bewusstsein für die Bedürfnisse der Start-ups zu erhöhen.“ Auch mehr Geld soll fließen: Die neue Genossenschaft war zu Beginn mit einer Million Euro Kapital ausgestattet. „Wir befinden uns in sehr fortgeschrittenen Gesprächen mit den Primärbanken, dass wir nachfinanzieren. Das ist notwendig und war für uns der Startschuss, um mehr investieren zu können.“
Darüber hinaus ist perspektivisch der ein oder andere Exit vorgesehen. „Das wird aber erst nach einem Zeithorizont von etwa fünf Jahren sein.“ Start-up sei ein langfristiges Thema. „Natürlich gehen wir auch in Vorleistung“, sagt Wimmer. Der Mehrwert sei allerdings enorm. „Die Leute, die bei uns aufschlagen, hatten bis dato zu 95 Prozent keine Berührungspunkte mit Raiffeisen.“
Nicht zu unterschätzen sei die Außenwirkung: „Der Satz, den ich im Gespräch mit Gründern am häufigsten höre, ist: ‚Was, Raiffeisen kann das?‘ Und ich antworte darauf immer: ‚Ja, genau das können wir.‘“








