Desiree Schöpf: Im Powerlift nach oben

Desiree Schöpf ist Junioren-Weltmeisterin im Bankdrücken und eine der stärksten Powerlifterinnen Österreichs. Dabei hätte die Karriere der vor Kraft strotzenden Tirolerin schon vorbei sein können, ehe sie überhaupt so richtig Fahrt aufgenommen hat.

Wer eine weitgehend unbekannte Randsportart ausübt, muss oft mit Irrtümern aufräumen. „Du bist doch Gewichtheberin“, hört Desiree Schöpf oft. Was insofern nicht ganz von der Hand zu weisen ist, da die 23-Jährige Hanteln mit Gewichten bewegt und dabei Kilos durch die Luft wuchtet, von denen andere nur träumen können. Doch in Wahrheit ist die Tirolerin Powerlifterin, was das um Längen moderner klingende Wort für Kraftdreikampf ist. Eine Sportart, bei der die technische Komponente weniger ausgeprägt ist und die Hanteln auf ganz andere Art und Weise bewegt werden als beim Gewichtheben. „Wir unterteilen uns nicht in Reißen und Stoßen, sondern in Bankdrücken, Kniebeuge und Kreuzheben“, sagt Schöpf. „Das ist technisch ganz anders und kommt mir und meinen Fähigkeiten mehr entgegen.“

Dass sie diese Fähigkeiten überhaupt besitzt, wurde mehr oder weniger durch Zufall entdeckt. Denn als sie sich zur Fitnesstrainerin ausbilden ließ, führte ihre Berufsschullehrerin Maximalkrafttests durch – und stellte verblüfft fest, dass Desiree die mit Abstand besten Werte in ihrer Klasse aufweist. „Sie dachte, ich würde seit ein paar Jahren Crossfit oder etwas Ähnliches machen und meinte, ich sollte es mal mit Powerlifting probieren, das würde mir sicher liegen. Das habe ich dann gemacht.“ Zunächst im Rahmen einer Projektarbeit, dann mit wachsender Begeisterung.

Durch falsches Training ausgebremst

Allerdings wuchs der Enthusiasmus – befeuert durch einen überehrgeizigen Trainer – ins Uferlose. Und so passierte es Ende 2022, dass sich Desiree beim Kniebeugen, bei dem man ein Gewicht von um die 200 Kilo auf den Schultern trägt, Elle und Speiche im linken Arm brach. Eine für ihre Sportart äußerst ungünstige Verletzung, mit der sie lange zu kämpfen hatte. „Das einzig Gute war, dass ich dadurch die Zeit hatte, meine Projektarbeit für die Berufsschule fertig zu stellen“, kann sie heute positive Aspekte daran erkennen. 

Doch es folgten immer wieder gesundheitliche Rückschläge und viele Ratschläge aus ihrem Umfeld, die gefährliche Sportart doch bitte wieder an den Nagel zu hängen. „Ich aber wusste, dass es nicht am Powerlifting selbst, sondern nur am falschen Training lag. Und da ich auch erkannt habe, wie viel Potenzial in mir steckt, wollte ich unbedingt weitermachen.“

Eine aus heutiger Sicht goldrichtige Entscheidung, im wahrsten Sinne des Wortes. Desiree vermochte sich in rasend schnellem Tempo zu steigern, nahm an ersten internationalen Wettkämpfen teil und wurde erst in der Klasse bis 69 Kilogramm, später bis 76 Kilogramm Junioren-Europameisterin. Im Juni 2026 setzte sie noch einen drauf, als sie bei den Weltmeisterschaften im Bankdrücken im polnischen Warschau die Goldmedaille gewann. Der bisher größte Erfolg ihrer noch jungen Karriere, der allerdings nicht einmal überraschend kam: „Wenn man sich für einen Wettkampf anmeldet, muss man die Bestleistung angeben, die man im letzten Jahr in seiner Gewichtsklasse geschafft hat. Da habe ich schon gesehen, dass ich zum Kreis der Favoritinnen gehöre.“ 

Der Erfolg brachte nicht nur Prestige und eine Goldmedaille, sondern auch einen Scheck über 1.000 Euro von der Raiffeisenbank im Ötztal. „Sie haben schon meine Erfolge bei den Europameisterschaften honoriert und jetzt nochmal etwas draufgelegt. Eine tolle Geste, über die ich super happy bin.“

Thomas Fiegl, Leiter der Bankstelle Längenfeld, überreichte Desiree Schöpf den Spendenscheck über 1.000 Euro.
Thomas Fiegl, Leiter der Bankstelle Längenfeld, überreichte Desiree Schöpf den Spendenscheck über 1.000 Euro. © RB im Ötztal

Und die vor allem ein bisschen hilft, ihren nicht ganz billigen Sport mit Ausrüstung und Reisen zu finanzieren. Wenn es richtig gut läuft, kann man sich mit Fördergeldern, Prämien und Sponsorenzuwendungen eine Saison so finanzieren, dass man am Ende ohne großen Verlust aussteigt. Mehr ist in dieser Nischen-Sportart, die im Gegensatz zum Gewichtheben auch nicht olympisch ist, nicht drin. Kein Vergleich zu den Gagen, die in Populärsportarten wie Fußball gezahlt werden – was Desiree aus erster Hand weiß.

Prominenter Bruder

Denn ihr Bruder ist Alessandro Schöpf, 35-maliger Nationalspieler für den ÖFB, früher Legionär bei Bayern München sowie Schalke 04 und aktuell Teil der LASK-Mannschaft, die mit dem Sieg über Celtic Glasgow sensationell in die Ligaphase der Champions League eingezogen ist. Und auch wenn ihr Neid auf ihren Bruder völlig fremd ist – fair findet sie diese Ungleichbehandlung nicht. „Wir sind beide Leistungssportler, die viel trainieren und am Ende abliefern. Wir machen das beide auf erfolgreiche Art – und trotzdem steige ich finanziell um Längen schlechter aus.“ 

World Games als großes Ziel

Abgemildert werden könnte diese Ungleichbehandlung, wenn sie ihren ganz großen Lebenstraum erfüllen würde – die Teilnahme an den World Games, die so etwas wie die Olympischen Spiele für nicht-olympische Sportarten sind. Dort werden nicht nur Prämien gezahlt, man kann sich auch in einer Art der Öffentlichkeit präsentieren, die Randsportlern sonst verwehrt bleibt. Die nächste Ausgabe dieses alle vier Jahre stattfindenden Bewerbs findet 2029 im deutschen Karlsruhe statt – für Desiree Schöpf der place to be. „Ich werde alles daransetzen, mich dafür zu qualifizieren“, sagt sie.

Und weiß, dass sie ab sofort erst einmal kleinere Brötchen backen muss. Denn dieses Jahr ist das letzte, in dem sie noch als Juniorin gilt, ab dann tritt sie in der offenen Klasse an. Dann muss sie sich naturgemäß gegen noch bessere und erfahrenere Heberinnen durchsetzen. „Ich sehe aber anhand der Leistungsdaten, dass ich von meinen Limits her nicht so schrecklich weit weg bin“, erklärt Desiree und formuliert ihre kurzfristigen Ziele: „Jetzt gilt es, mich auf den University Cup vorzubereiten, dort könnte ich es sogar schaffen, den einen oder anderen Welt- oder Europarekord zu schaffen.“

Und das neben den vielen anderen Projekten, die sie noch umtreibt. Denn neben ihrer Arbeit als Fitnesstrainerin studiert sie noch Ethik und Werken auf Lehramt und will demnächst noch ein Sportstudium dranhängen. Und sie feilt an ihrer Karriere als Comedian, die sie mit dem Tiroler Künstler Buo­nomemes schon vorangetrieben hat und ausbauen will. Dafür will sie demnächst einen weiteren Instagram-Kanal – neben ihrem erfolgreichen als Sportlerin – aufbauen.

Viel zu tun für die Powerfrau, die sich auch von abfälligen Social-Media-Kommentaren über sich und ihre Sportart nicht unterkriegen lassen will. Wer glaubt, sie damit in die Schranken weisen zu können, unterliegt einem gewaltigen Irrtum. Aber damit aufzuräumen, ist Desiree Schöpf ja schon gewohnt.

AusgabeRZ37-2026

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