Bacon und der große Magier

Die Albertina stellt aktuell mit Francis Bacon und Pablo Picasso zwei Künstler gegenüber, die die Malerei des 20. Jahr­hunderts entscheidend geprägt haben – einander jedoch nie begegnet sind.

Ziel der Ausstellung war es nicht, die Künstler Picasso und Bacon in einem harmonischen Dialog zu zeigen, wie Ralph Gleis, Direktor der Albertina, erklärt. Vielmehr wollte man zwei Künstler zeigen, die beide ihre eigene Sprache haben, die von Ängsten, Leidenschaft, Sexualität, aber auch politischen Ereignissen berührt waren. Beide Maler rücken die menschliche Existenz ins Zentrum ihres Schaffens, doch: „Es ist ein offener Schlagabtausch“, sagt Gleis.

Zwischen Pablo Picasso, dem akademisch ausgebildeten Maler, und Francis Bacon, dem Autodidakten, der sein Leben lang von Picasso fasziniert war und danach strebte, sein großes Vorbild zu übertreffen. Mehr als 70 Schlüsselwerke, viele großformatig und radikal, wurden aus den großen Kunsthäusern der Welt zusammengetragen – ergänzt durch Privatleihgaben und auch aus der Sammlung der Familie Picasso selbst –, um das Werk der zwei bedeutendsten figurativen Maler des 20. Jahrhunderts zu beleuchten.  

Wie alles begann

Seit seiner frühen Kindheit war Pablo Picasso (1881–1973) als Sohn eines Kunstlehrers mit Malerei und Kunst im Allgemeinen umgeben. Bereits mit 14 Jahren besuchte er die Kunstakademie in Barcelona. Ganz anders der Lebenslauf von Francis Bacon (1909–1992). Er wuchs auf einem Pferdehof in Irland auf und wurde mit 16 Jahren von seinem Vater verstoßen, weil er Frauenkleider trug. Bacons Weg führte ihn zuerst nach London, dann Berlin und 1927 schließlich nach Paris. Dort traf er das erste Mal auf die Bilder von Picasso und beim Anblick der Gemälde verstand Bacon plötzlich, „What It Feels Like To Be Human“ – so auch der Titel der Ausstellung. Ihn faszinierten die surrealen, bimorphen und erotischen Akte Picassos so sehr, dass er eine weitreichende Entscheidung trifft: Er will auch Maler werden.

Seit diesem Moment stand er im Bann des berühmten Künstlers. „Bacon sah Picasso als einen großen Magier“, sagt Michael Peppiatt, der die Ausstellung gemeinsam mit Gunhild Bauer kuratiert hat und den eine 30-jährige Freundschaft mit Francis Bacon verband.  

Intelligent, aber grausam

Francis Bacon wurde in diesem Umfang noch nie in Österreich gezeigt, wie Gleis betont – zu Picasso hat alleine die Albertina seit den 1960er-Jahren mehr als 20 Ausstellungen präsentiert. Bacon schuf in seinem Künstlerleben 600 Gemälde – dem steht ein Œuvre Picassos von 60.000 Werken gegenüber. „Es trennt sie mehr, als sie verbindet“, sagt Bacon-Kenner Peppiatt. Er lernte den Maler als junger Student in London kennen, als er diesen 1963 um ein Interview für die Unizeitung bat. Aus dem ersten Zusammentreffen wurde eine 30 Jahre andauernde Freundschaft. Peppiatt beschreibt den Maler als extrem intelligent, intuitiv, lustig, aber auch grausam. Er trug viele Gegensätze in sich. „Er malte, um diese Widersprüchlichkeiten zu lösen“, ist Peppiatt überzeugt. 

Zu seinen Vorbildern zählte nicht nur Picasso, auch die Alten Ägypter, Michelangelo, Velázquez, Rembrandt und Degas faszinierten ihn. „Er orientierte sich an den ‚Big Boys’“, wie es der Kurator mit einem Augenzwinkern beschreibt. Außerdem strebte Bacon nach Anerkennung in Paris, eine Anerkennung, die Picasso längst genoss. 

Großes Vorbild

Im 20. Jahrhundert, als sich die Malerei zusehends in die abstrakte Richtung entwickelt hat, und die figurative Malerei als altmodisch und passé galt, gingen sowohl Picasso als auch Bacon ihren eigenen Weg, wie Peppiatt erklärt. Picasso geht den Weg vor, Bacon folgte ihm. Letzterer bezieht sich immer wieder auf sein großes Vorbild, steht dem Spätwerk Picassos allerdings auch kritisch gegenüber. Auch Picasso weiß um seinen Mitstreiter, er beobachtet ihn aus der Ferne, sucht aber keinen Kontakt. 

Innere Zerrissenheit

Das verbindende Element zwischen Picasso und Bacon ist die Darstellung des Menschen in all seinen Facetten. „Beiden ging es nicht darum, das Abbild eines Menschen zu zeigen, sondern um die Wiederherstellung von Gefühlswelten“, sagt Ralph Gleis. Dabei „zerlegt“ Picasso den menschlichen Körper und setzt ihn auf seine ganz eigen und unverkennbare Art und Weise wieder zusammen. Besonders anschaulich wird dieser „verrückte“ Körper im Porträt „Dora Maar“, deren Nase nach rechts, ihr Mund hingegen nach links ausgerichtet ist. Auch Bacon geht in einigen seiner Selbstporträts einen ähnlichen Weg. Außerdem zeigt er den menschlichen Körper oft fragmentiert, verdreht und aus verschiedenen Perspektiven. 

Beide fanden ihren persönlichen Weg, um den Körper ganz neu zu erfinden und dessen Gefühle zu veranschaulichen. Die innere Zerrissenheit, sei es aufgrund sexueller oder politischer Motivation heraus, spielt dabei immer wieder eine große Rolle. „Wir wollten schauen, wie sich die beiden Künstler ästhetisch aneinander gerieben haben“, so Gleis. Beide stellen die Urinstinkte des Menschen dar, es geht um existentielle Fragen wie Sexualität, Tod, Moral und Gewalt. 

Besonders stolz ist Gleis auf ein Gemälde aus Madrid, das eine Variante der Guernica darstellt und die politische Auseinandersetzung Picassos mit Schmerz und Gewalt auf surrealistisch-kubistische Weise zeigt. Man sieht den lautlosen Schrei einer Mutter, die ihr Kind zu retten versucht. Ein Schrei, der sich fast wie ein Leitthema auch in mehreren Werken Bacons durch die Ausstellung zieht. Zu sehen sind die beeindruckenden Kunstwerke, die im gedämpften Licht sehr wirkungsvoll zur Geltung kommen, noch bis 31.  Jänner in der Wiener Albertina.

AusgabeRZ39-2026

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