Grafenegg: Johannes Neubert will neue Impulse setzen

Johannes Neubert, der neue künstlerische Leiter von Grafenegg, über Erwartungs­haltungen, neue Akzente und die Bedeutung der Jugend – auf Künstler- und Besucherseite.

Sie waren bereits in den Anfangsjahren in Grafenegg tätig und kehren nun als künstlerischer Leiter zurück. Was bedeutet diese Rückkehr für Sie persönlich?
Johannes Neubert: Grafenegg hat meine berufliche Laufbahn und mein Verständnis davon, wie ein Musikfestival Menschen begeistern kann, maßgeblich geprägt. Ich habe die Entwicklung dieses besonderen Ortes von Beginn an miterlebt. Nun als künstlerischer Leiter zurückzukehren, ist für mich eine große Ehre, aber auch eine große Verantwortung. Es fühlt sich ein wenig an wie eine Heimkehr. Gleichzeitig ist der Blick nach vorne gerichtet: Gemeinsam mit dem Team möchte ich die Erfolgsgeschichte Grafeneggs weiterschreiben und neue Impulse setzen.

Es sind große Fußstapfen, in die Sie treten. Rudolf Buchbinder hat Grafenegg über zwei Jahrzehnte geprägt. Wie gehen Sie mit dieser Erwartungshaltung um?
Neubert: Rudolf Buchbinder hat Grafenegg mit visionärer Kraft aufgebaut und geprägt. Dafür empfinde ich großen Respekt und Dankbarkeit. Mir war von Beginn an wichtig, dass seine Verbindung zu Grafenegg auch nach dem Wechsel an der Spitze sichtbar bleibt. Es war mein ausdrücklicher Wunsch, dass er dem Festival als Präsident erhalten bleibt. Seine Erfahrung, seine künstlerische Handschrift und seine internationale Strahlkraft sind für Grafenegg von unschätzbarem Wert. Dass Rudolf Buchbinder mich als seinen Nachfolger wollte, verstehe ich als großen Vertrauensbeweis und zugleich als Verantwortung, die Erfolgsgeschichte dieses besonderen Ortes weiterzuführen. Wir werden die gewachsene Identität Grafeneggs bewahren und zugleich behutsam neue Perspektiven eröffnen.

Wie möchten Sie das Musikerlebnis für die Besucher des Grafenegg Festivals gestalten und welche neuen Akzente möchten Sie setzen?
Neubert: Grafenegg ist eine Oase für die Musik, aber zugleich weit mehr als das. Musik, Natur, Architektur und Gastfreundschaft kommen hier auf einzigartige Weise zusammen. Diese besondere Atmosphäre möchte ich bewahren und noch stärker erlebbar machen. Dazu gehören außergewöhnliche Konzerterlebnisse ebenso wie die Begegnung mit Künstlern. Gleichzeitig wollen wir unterschiedliche Zugänge zur klassischen Musik schaffen – von großen internationalen Orchestern und Solisten über Kammermusik bis zu Gesprächen und Vermittlungsangeboten. Entscheidend ist für mich, dass die Menschen Grafenegg nicht nur als Konzertort erleben, sondern als einen Ort, an den sie gerne zurückkehren.

Welches ist das Leitmotiv für das kommende Festival und auf welche Höhepunkte darf sich das Publikum freuen?
Neubert: Ein einziges Motto über das gesamte Festival zu stellen, war nicht mein Ansatz. Jedes der vier Festivalwochenenden besitzt seinen eigenen Charakter. Den Auftakt macht „Heimat/Fremde/Nachbarn“ vom 13. bis 15. August – ein Wochenende, das die kulturelle Verbindung und gemeinsame Geschichte mit unseren Nachbarn in Böhmen, Mähren und der Slowakei in den Mittelpunkt rückt. Höhepunkt ist das Gastspiel der Tschechischen Philharmonie; mit Dvoˇráks „Rusalka“ und Smetanas „Mein Vaterland“ setzen wir dabei einen besonderen Akzent.
Insgesamt geht es mir darum, Traditionen zu bewahren, neue Perspektiven zu eröffnen und Programme zu gestalten, die Geschichten erzählen. Mit 48 Veranstaltungen und mehr als 80 internationalen Dirigenten, Solisten und Orchestern versammelt Grafenegg 2027 die Spitze der internationalen Klassikwelt. Zu den Höhepunkten zählen die Wiener Philharmoniker, das Royal Concertgebouw Orchestra, das London Symphony Orchestra sowie Künstlerpersönlichkeiten wie Martha Argerich, Daniil Trifonov, Augustin Hadelich, Andris Nelsons, Klaus Mäkelä, Daniel Barenboim und Sir Antonio Pappano.
Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf Steve Reich zu seinem 90. Geburtstag. Zugleich bleibt Rudolf Buchbinder dem Festival eng verbunden. Er wird an allen vier Festivalwochenenden auftreten.

Welche Rolle spielen neben den großen internationalen Orchestern künftig junge Künstler, Stichwort Grafenegg Academy, EU Youth ­Orchestra und Ink Still Wet?
Neubert: Eine sehr wichtige. Die Zukunft der klassischen Musik entsteht dort, wo Erfahrung und Nachwuchs aufeinandertreffen. Mit dem Grafenegg Festival Orchestra unter der Leitung von Vladimir Jurowski schaffen wir ein internationales Exzellenzorchester, in dem erfahrene Spitzenmusiker gemeinsam mit herausragenden jungen Talenten musizieren. Diese Weiterentwicklung der Grafenegg Academy verbindet künstlerische Exzellenz mit dem Austausch zwischen den Generationen.
Darüber hinaus entsteht mit „Im Herzen Europas“ ein neues Festival, das wir gemeinsam mit dem European Union Youth Orchestra und Iván Fischer gestalten. Junge Musiker aus allen 27 Mitgliedstaaten der EU kommen dafür nach Grafenegg und gestalten Konzerte und Begegnungen. Mir ist wichtig, dass junge Künstler das Festival nicht nur erleben, sondern aktiv mitprägen.
Grafenegg wird auch künftig ein Ort der Förderung und der musikalischen Zukunft bleiben. Das bereits erwähnte Grafenegg Festival Orchestra führt zentrale Gedanken der bisherigen Academy fort und stellt den Austausch der Generationen in den Mittelpunkt. Top-Musiker europäischer Spitzenorchester und junge Musiker am Beginn ihrer Laufbahn musizieren in diesem Klangkörper Seite an Seite. 
Ink Still Wet bleibt ein wichtiges Forum für Gegenwartsmusik. Besonders freue ich mich, dass wir 2027 Steve Reich, einen der prägendsten Komponisten unserer Zeit, als Composer in Residence nicht nur mit einem Festival-Schwerpunkt würdigen, sondern ihn auch als Workshop-Leiter begrüßen können.

Welche Schwerpunkte möchten Sie setzen, um ein neues, vielleicht junges Publikum zu erreichen, das bisher wenige Berührungspunkte mit klassischer Musik hat?
Neubert: Ich bin überzeugt, dass man Menschen nicht allein über die Kunstform erreicht, sondern über Geschichten, Emotionen und Erlebnisse. Deshalb möchten wir Konzerte so vermitteln, dass Neugier entsteht und Hemmschwellen abgebaut werden. Grafenegg hat mit seiner offenen Atmosphäre dafür ideale Voraussetzungen. Wer zum ersten Mal kommt, soll sich willkommen fühlen und entdecken können, dass klassische Musik keineswegs elitär sein muss, sondern unmittelbar berühren kann. 
Besonders beliebt sind dabei unsere sogenannten Rasenplätze bei den Konzerten im Wolkenturm. So entspannt, gern auch mit Picknickkorb, um nur 15 Euro, ein Konzert mit den besten Künstlern unserer Zeit erleben – das gibt es nur in Grafenegg!

Wo liegen die Herausforderungen, ein Festival zu gestalten, wenn man mit steigenden Kosten und knappen Kulturbudgets konfrontiert ist?
Neubert: Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sind zweifellos anspruchsvoller geworden. Umso wichtiger ist es, mit den verfügbaren Mitteln verantwortungsvoll umzugehen und gleichzeitig höchste künstlerische Qualität sicherzustellen. Das gelingt nur durch starke Partnerschaften, langfristige Planung und ein klares Profil. Gerade in herausfordernden Zeiten zeigt sich aber auch, welchen gesellschaftlichen Wert Kultur hat. Sie schafft Orientierung, Austausch und Zusammenhalt.

Sie haben einmal gesagt, Musik sei für Sie der rote Faden im Leben. Woher kommt diese Leidenschaft für die Musik?
Neubert: Meine Leidenschaft für Musik war zuerst da, lange bevor ich über einen Beruf nachgedacht habe. Sie hat mich schließlich dazu gebracht, Orchestermusiker zu werden. In dieser Zeit habe ich gelernt, wie viel Zuhören, Vertrauen und gemeinsames Gestalten in der Musik steckt. Das sind Erfahrungen, die mich bis heute begleiten. Musik besitzt die einzigartige Fähigkeit, Menschen unabhängig von Herkunft, Alter oder Sprache miteinander zu verbinden und Emotionen unmittelbar erfahrbar zu machen. Diese Kraft begeistert mich bis heute und ist der rote Faden meines Lebens.

Auf welchen Moment des Festivals freuen Sie sich besonders?
Neubert: Das Schöne an Grafenegg ist, dass es nicht den einen großen Moment gibt. Natürlich gibt es Konzerte, auf die ich mich ganz besonders freue. Aber oft sind es die unerwarteten Augenblicke, die in Erinnerung bleiben: wenn sich ein Sommerabend langsam über den Wolkenturm legt, wenn ein junges Talent sein Publikum begeistert oder wenn Menschen nach einem Konzert bei einem Glas Wein noch lange über das Erlebte sprechen. Genau diese besonderen Momente machen Grafenegg aus. Für mich wird die Sommernachtsgala 2027 natürlich dennoch ein ganz besonderer Augenblick sein. Sie markiert den Beginn eines neuen Kapitels für Grafenegg – und in meinem Leben.

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