„AI meets agriculture“: Vom Labor auf den Hof

Künstliche Intelligenz soll die Landwirtschaft effizienter, ressourcenschonender und wettbewerbsfähiger machen. Bei einer Tagung am Francisco Josephinum in Wieselburg stand die Frage im Mittelpunkt, wie innovative Technologien den Weg in die landwirtschaftliche Praxis finden.

Wenn Landwirtschaft auf Künstliche Intelligenz trifft, ist dies nur vermeintlich ein Widerspruch. „Dieser Gegensatz greift zu kurz“, betonte Österreichs Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig anlässlich von „AI meets agriculture“ am Francisco Josephinum in Wieselburg.

Die Veranstaltung brachte im Rahmen des „European AI Innovation Month“ die hellsten Köpfe der Digitalisierungsbranche zusammen. „Das Thema wird die Zukunft prägen, Chancen werden entstehen, unsere Landwirtschaft effizienter, ressourcenschonender und wettbewerbsfähiger zu machen“, so Totschnig. Gerade in Zeiten von Klimawandel, Dürre und Marktdisruptionen werde das unabdingbar sein. Dem Forschungs- und Schulstandort des Bundes im Mostviertel kommt bei der Entwicklung eine zentrale Rolle zu, einen wirkungsvollen Hebel für die Lösung drängender Probleme des Sektors zu finden. „Neue Technologien müssen aus der Theorie in die Praxis kommen“, formuliert der Minister einen klaren Auftrag an seine Einrichtung.

Kooperation als Schlüssel

Die Geschichte der Landwirtschaft sei immer eine Geschichte des technologischen Fortschrittes gewesen. „Jede Innovation hat die Arbeit grundlegend verändert“, versucht Totschnig die Angst vor dem Wandel zu nehmen. Damit eine Übertragung aus der Theorie in die Praxis grundsätzlich möglich ist, sollen digitale Systeme aber auch leistbar und für kleine Betriebe verfügbar sein. Der Schlüssel dabei ist Kooperation. So hat das Francisco Josephinum zum Beispiel TerraZo entwickelt. Mithilfe Künstlicher Intelligenz können landwirtschaftliche Betriebe damit Düngeapplikationskarten erstellen und die Effizienz der Düngung um bis zu 10 Prozent steigern. Genutzt wird dies auf mittlerweile 70.000 Hektar. Das Schwesterninstitut in Raumberg-Gumpenstein in der Steiermark hat mit SatGrass eine App programmiert, die für 4.500 Nutzer den optimalen Schnittzeitpunkt im Grünland bestimmt und so die Qualität des Grundfutters optimiert.

Konkreter Nutzen

„Der Bauernstand hat eine Pionierrolle. Die Landwirtschaft stand schon immer an der Spitze der Innovation“, unterstreicht Niederösterreichs Landeshauptfrau-Stellvertreter Stephan Pernkopf. Entscheidend bei jeder Innovation sei aber jedenfalls der konkrete Nutzen. Der österreichische Zugang ist dabei einzigartig: Zum einen wird zum Beispiel über eine gerade ausgeschriebene Stiftungsprofessur für datenzentrierte Künstliche Intelligenz in der Landwirtschaft über die FH Wiener Neustadt am Campus Wieselburg nochmals verstärkt exzellente Forschung betrieben. Zum anderen ist man mit der schulischen Ausbildung und den Versuchsflächen ganz nah an der bäuerlichen Realität. „Unser Ziel ist es, modernste Technologie mit agrarischem Know-how zu verbinden, damit sie zur Hilfe und nicht zur Hürde wird“, so Pernkopf. „Wo, wenn nicht in Wieselburg, soll das Silicon Valley der modernen Landwirtschaft entstehen?“

Dafür bringe man die besten Köpfe und die besten Ideen zusammen. „Wir haben Techniker für die Algorithmen und im selben Haus Agrarwissenschaftler, die uns erklären, welches Problem wir damit lösen können“, unterstreicht der Leiter Forschung und Innovation am Francisco Josephinum, Heinrich Prankl. Bei Josephinum Research wolle man Unternehmen dabei unterstützen, gute Produkte auf den Markt zu bringen. „In der Entwicklung gibt es oft schnelle Erfolge und der Prototyp überzeugt. Die zentrale Frage ist dann: Wie kommt die Forschung dann aufs Feld?“ Dafür teste man KI- und Robotiklösungen unter Praxisbedingungen und untersuche unter anderm die Effizienz der Roboter. „Die KI ist ein massiver Schwerpunkt der europäischen Förderpolitik“, so Prankl. So sollen Start-ups wirtschaftlich resilient werden. 

Digitale Souveränität

„Prototypen aus dem Labor sind noch keine Lösungen für den Bauernhof“, ergänzt auch Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig. Vor größeren Investitionen müsse man diese auf realer Basis testen. Besonders unterstrichen wurde bei der Tagung immer wieder die Wichtigkeit digitaler Souveränität. „Europa braucht mehr Eigenständigkeit bei den Daten“, forderte Stephan Pernkopf, „diese dürfen wir nicht Russland, China, Indien oder den USA überlassen.“

Allerdings dürfe die EU dabei nicht ihr Licht unter den Scheffel stellen. „Projekte wie Copernicus und Galileo zeigen, dass wir dabei nicht schlechter sind.“ Die Kontrolle über am Hof gesammelte Informationen zu behalten, sei auch für Landwirte ein großes Anliegen, meinte Totschnig. Es brauche Lösungen, die gleichermaßen Nutzen stiftend wie sicher sind.

Heinrich Prankl, Stephan Pernkopf, Norbert Totschnig, Karl Kugler, Martin Kerschbaumer, Franz Sümecz, Markus Stöhr und Peter Riegler-Nurscher © AIT/APA-Fotoservice/Krisztian Juhasz

Netzwerke für Innovation

„Die KI ist eines der entscheidenden Werkzeuge, um die Herausforderungen in Österreich und in Europa zu lösen. Sie ist keine Evolution, sondern eine Revolution“, analysiert Franz Sümecz von der TU Wien. Er koordiniert das Projekt AI5innovation, das heimischen Unternehmen bei der digitalen Transformation helfen soll. „Test before invest“ heißt das Credo dabei. „Wir bieten Trainingsmodule und Verbindungen zum europäischen Ökosystem an“, erklärt Sümecz. Der Zugang dazu sei extrem niederschwellig. „Die einzige Bedingung ist, dass man weniger als 2.999 Mitarbeiter hat.“ Sümecz will damit Probleme lösen, die nicht nur die Landwirtschaft hat: „Viele Unternehmen sagen, dass sie, wenn ein Mitarbeiter in zwei Jahren in Pension geht, niemanden mehr haben, der sich hinsetzt und eine monotone Tätigkeit durchführt.“

Ähnlich, aber auf EU-weiter Ebene, ist agrifoodTEF konzipiert: Das Unternehmen aus der Welt der Land- und Lebensmittelwirtschaft bietet Zugang zu Infrastrukturen in einem europäischen Netzwerk. In Österreich stehen dafür unter anderem Versuchsfelder und Versuchsstallungen zur Verfügung. Die angewandte Forschung in den Bereichen Landtechnik, KI und Feldrobotik führt dabei Josephinum Research durch. Zentrale Projektkoordinatorin ist Marie Wenzlaff. „Vor einem ressourcenintensiven Test am Feld spielen wir das Szenario mit digitalen Daten durch. Damit bringen wir die Unternehmen in ihrer Entwicklung einen Schritt weiter“, sagt sie. Zudem biete man Sichtbarkeit im europäischen Innovationsnetzwerk. „Das Ziel ist es, möglichst schnell in die Umsetzung zu gehen.“

Als großes Vehikel zur Unterstützung von Jungunternehmern präsentierte sich in Wieselburg die AI Factory Austria. Sie kombiniert Hochleistungsinfrastruktur mit einem physischen Hub. „Zu viele Pilotprojekte bleiben vor dem produktiven Betrieb stecken. Die Innovation kommt zu langsam an“, meinte Co-Lead Markus Stöhr. Unter anderem soll mit einem Supercomputer an der Technischen Universität Rechenkapazität zur Verfügung gestellt werden. „Wir bieten den kostenlosen Zugang zu Ressourcen und identifizieren, was gebraucht wird.“ Man wolle Unterstützung entlang des gesamten AI-Lebenszyklus bieten.

Natürliche Intelligenz

Nicht zuletzt müssen die Bauern von der Sinnhaftigkeit eines Einsatzes von Künstlicher Intelligenz überzeugt sein. Dafür wurde vom Landwirtschaftsministerium schon vor einigen Jahren die „Innovation Farm“ geschaffen, die ausreichend Anschauungsmaterial bieten soll. Ihr Leiter ist Fabian Butzenlechner, der auch Milchbauer im Texingtal ist. „Der Mehrwert ist erst entstanden, wenn der Landwirt kapiert, welchen Vorteil er daraus hat.“ Dabei sei jeder Betrieb und jede Generation anders. „Mein Vater tut sich schwer, den Mehrfachantrag digital abzugeben oder ein Kalb beim Kontrollverband zu melden.“ Auch regional wird es unterschiedliche Bedürfnisse geben. „Auf einem Steilhang im Liesertal in Kärnten werde ich keinen punktgenauen Pflanzenschutz mit Spot Spraying brauchen. Im Marchfeld schon.“

Als Pionier bereits länger in der praktischen Umsetzung moderner Technologien ist der Geschäftsführer von Blickwinkel, Michael Treiblmeier. Er setzt zum Beispiel Drohnen für die Erkennung des giftigen Stechapfels ein und kennt das Dilemma zwischen interessierter Neugierde und praktischer Umsetzung: „Bei mir als Unternehmer sind schon oft Ideen aufgeblitzt und im Kopf herumgeschwirrt. Der Landwirt in mir fragt dann aber, was kostet es und was bringt es? Dann entscheidet die natürliche Intelligenz und nicht die künstliche, ob es Sinn macht.“

AusgabeRZ44-2026

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