Immer das große Ziel vor Augen

Anna Kiesenhofer (35), Sensations-Olympiasiegerin im Radfahren von 2021 und Raiffeisen-Testimonial, spricht über eigene Karrierewege, Angst vor Stürzen, Erwartungshaltung und ihren Plan für die Olympischen Spiele 2028 in Los Angeles.

Auf Ihrer Website steht das Motto „dare to be different“. Anders sein ist in unserer Gesellschaft ja nicht immer positiv konnotiert. Haben Sie oft das Gefühl, sich rechtfertigen zu müssen?
Anna Kiesenhofer: Früher hat das sicher gestimmt, da hätte ich es auch als Rechtfertigen bezeichnet. Da kam ich mir teils schlecht vor und hatte das Gefühl, mich für die Art, wie ich es angehe, entschuldigen zu müssen. Heute sehe ich es eher als Kommunikation meiner Bedürfnisse. Man hat ja oft nicht die Wahl, die Alternative wäre, nicht man selbst zu sein. Damit kommt man auf Dauer auch nicht gut klar. Ein anderer mag nach dem Rennen unbedingt zu McDonald’s gehen wollen, ich trinke vorher meinen Rote-Rüben-Saft. Jeder hat Dinge, die er braucht, um zufrieden zu sein oder performen zu können.

Der größte Punkt, in dem Sie anders sind: Sie haben sich entschieden, nicht für ein Profi-Team auf der WorldTour zu fahren. Verzichten Sie damit nicht auf Infrastruktur, Betreuung und letztlich auch auf Geld?
Kiesenhofer: Ja, schon. Ich hatte den „Spaß“ zwei Jahre, in denen ich für ein WorldTeam fuhr. Und es stimmt: Infrastruktur, Material, Logistik – das ist schon viel Aufwand für mich als Einzelsportlerin. Da gehen viel Zeit und Nerven drauf, das ist ein Nachteil. Dafür gibt es in so einem Team anderen Stress.

Woran denken Sie?
Kiesenhofer: Zum Beispiel an den Rennkalender, den man sich nicht aussuchen kann. Oder auch, was man im Rennen machen kann. Da ist man oft in der Helferrolle. Das ist auch normal, es ist ja ein Teamsport, da können nicht alle Leader sein. Aber damit muss man auch erst einmal klarkommen. Man trainiert hart, will performen und muss am Ende im Rennen die Flaschen für andere holen.

Dafür haben Sie viel mehr um die Ohren mit Trainingsplänen, Regenerationsmaßnahmen, Ernährung …
Kiesenhofer: Genau. Das fängt an bei Überlegungen: Was gebe ich für ein Rad aus? Leiste ich mir die Reise, um Tests im Windkanal zu machen? Wie viel Energie stecke ich in Optimierungen? Ich muss mir Experten suchen, mit denen ich zusammenarbeite, denen ich vertrauen kann. Und am Ende muss doch ich alle Zügel in der Hand halten und die Experten koordinieren.

Wie gehen Sie vor, wenn Sie Ihren Rennkalender zusammenstellen? In diesem Jahr sind Sie bis jetzt in keiner offiziellen Starterliste aufgeschienen.
Kiesenhofer: Stimmt, ich bin noch kein offizielles UCI-Rennen (Anm.: vom Weltverband ausgetragenes) gefahren, lediglich ein lokales in Kindberg. Die Frage ist immer: Was will ich, was ist das große Ziel? Wenn es zum Beispiel eine WM gibt, dann werden die restlichen Rennen dem untergeordnet, damit alles zusammenpasst. Und so viele Rennen, die mir vom Profil her zusagen, gibt es ja gar nicht. Da ergibt sich der Kalender fast automatisch.

Gibt es Fixpunkte in der zweiten Jahreshälfte?
Kiesenhofer: Viel hängt von der Staatsmeisterschaft Ende Juni am Attersee ab, die hat Einfluss darauf, ob ich in diesem Jahr an Weltmeisterschaft und Europameisterschaft teilnehme. Wenn ich da gut abschneide und mich qualifiziere, wird die Weltmeisterschaft in Montreal im September das Hauptziel sein.

Ihren Olympiasieg haben Sie im Straßenrennen errungen, zuletzt haben Sie sich aber aufs Einzel-Zeitfahren konzentriert. Warum?
Kiesenhofer: Dort habe ich mehr Kontrolle. Bei Straßenrennen kommt viel darauf an, wie die anderen fahren, es geht viel um Teamtaktik. Ich mag es nicht, wenn ich selbst so wenig beeinflussen kann, wie ein Rennen ausgeht. Wenn ein anderes Team mit stärkeren Fahrerinnen gut zusammenarbeitet, habe ich einfach keine Chance. Das zipft mich schon an. Es gibt aber noch einen stärkeren Grund.

Und zwar?
Kiesenhofer: Das Sturzrisiko. Die primitive Angst, zu stürzen und mir wehzutun. Ich finde es abnormal, wie man manche Rennen fahren kann, ohne Angst vor einem Sturz zu haben. Es passiert ja ständig etwas, jedes Jahr kommt ungefähr ein Fahrer ums Leben. Verwunderlich, wie man darüber hinwegsehen kann. 

„Man sollte die guten Dinge, die auf dem Weg passieren, als solche wahrnehmen und wertschätzen.“ 

Anna Kiesenhofer

Geht es da um Rücksichtslosigkeit oder eher darum, das Risiko in Kauf nehmen zu müssen, um eine Sieg-Chance zu haben?
Kiesenhofer: Ich würde sagen Letzteres, und dafür nimmt man eine gewisse Rücksichtslosigkeit in Kauf. Bei manchen Rennen, die mir wichtig sind, habe ich auch diesen Kampfmodus, den man zu einem gewissen Teil braucht. Aber bei anderen Rennen frage ich mich: Ist es das jetzt echt wert, dass wir hier unser Leben riskieren? Ich bringe viele Opfer für meinen Sport, aber das ist es mir nicht wert.

Sie haben Ende 2025 in einem Interview gesagt: „Ich kann mehr, als meine Ergebnisse zeigen. Das zipft mich an, motiviert mich aber, es bei einem größeren Rennen noch einmal zu beweisen.“ Woran hat es gelegen?
Kiesenhofer: Es muss immer ganz viel zusammenpassen. Das unterschätzen viele. Als Sportler ist man ja auch nur ein Mensch. Man kann immer viel über Training, Leistungswerte und andere Parameter sprechen, aber am Renntag kann einfach so viel passieren. Die physische und die mentale Komponente kann ich im Vorfeld bis zu einem gewissen Grad noch selbst beeinflussen. Aber Materialprobleme, ungünstiges Wetter oder ein Kurs, der einem nicht liegt, kommen auch noch dazu. Da kann es schon ein paar Jahre dauern, bis wirklich alle Faktoren zusammenpassen und ein großer Erfolg gelingt.

Wie bei Ihrem Olympiasieg.
Kiesenhofer: Ja, da hat zufällig beim ersten Versuch alles zusammengepasst. Hätte ein Faktor nicht gepasst, wäre es mit dem Triumph womöglich nichts geworden.

Aber wenn man so etwas schon erlebt hat – ist es nicht frustrierend, auf den nächsten Tag X zu warten? 
Kiesenhofer: Deswegen halte ich es für nicht gut, sich so an diesen großen Events festzunageln und zu sagen: Alles andere zählt nichts. Dann wird man nur depressiv! Dann ist man vor dem Rennen extrem nervös, weil die Arbeit von vier Jahren auf dem Spiel steht. Geht jetzt etwas schief, war alles für die Katz. Mit diesem Mindset kann man nicht seine Bestleistung abrufen. Man sollte viel mehr im Moment sein und die guten Dinge, die auf dem Weg passieren, als solche wahrnehmen und wertschätzen. 

Haben Sie ein Beispiel?
Kiesenhofer: Wenn ich heute ein Training, das hart war und vor dem ich vorher Respekt hatte, gut mache, halte ich mal inne und sage: Hey, geil, dass du das geschafft hast! Das halte ich für sehr wichtig. Klar ist es noch schöner, wenn dann noch gute Resultate herauskommen. Aber wenn nicht, kann ich trotzdem mit Zufriedenheit auf die Monate des Trainings zurückblicken. 

Als Olympiasiegerin wird man öffentlich anders wahrgenommen. Wenn Sie, wie vergangenes Jahr, bei einer WM 17. werden, steht gerne mal ein „nur“ davor. Stört Sie das?
Kiesenhofer: Ja, schon ein bisschen, aber es geht nicht wirklich tief. Stimmt, die Leute erwarten mehr, aber damit komme ich klar. Und bei Großevents kann ich es auch verstehen, da schauen die Medien drauf, das kann ich verkraften. Was mich mehr stört: Ich kann kein Rennen mehr einfach so zum Spaß fahren, zum Beispiel einen Radmarathon. Dann bin ich trotzdem immer die Olympiasiegerin, von der man erwartet, dass sie gut abschneidet. Das hat mir schon einen Teil des Spaßes genommen. Aber man kann im Leben nicht alles haben.

Nach Olympia 2028 sind Sie 37 Jahre alt. Spielen Sie mit dem Gedanken, dass die aktive Karriere danach vorbei ist?
Kiesenhofer: Gute Frage! Eigentlich wäre es ein logischer Schlusspunkt. Aber ich liebe diesen Sport so sehr, dass ich aktuell keinen Grund sehe, einen Schlussstrich zu ziehen. Es ist noch lange bis dahin. Vielleicht geht die Leistung bis dahin in den Keller oder im Gegenteil: Es geht total in die positive Richtung und ich will am Höhepunkt aufhören. Sport ist für mich ein so wichtiger Teil meines Lebens. Ihn ganz bleiben zu lassen, kann ich mir nicht vorstellen.

Seit Ende 2021 firmieren Sie als Raiffeisen-Sportlerin. Wie läuft die Zusammenarbeit?
Kiesenhofer: Mit Raiffeisen verbindet mich die längste Partnerschaft, seit ich als Profi unterwegs bin, darüber bin ich sehr froh. Ich trage das Giebelkreuz bei jedem Wettkampf auf dem Helm, dazu kommen diverse Events wie Vorträge, die auch für die Business-Welt interessant sind. In denen geht es darum, was man aus dem Sport lernen kann, Dinge wie Mindset, Resilienz, Motivation. Das ist immer ein sehr interessanter Austausch.

AusgabeRZ25-2026

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