Filzmaier: „Die wichtigste Währung ist Vertrauen“

Beim Unternehmerabend der Raiffeisenbank Wels analysierte Politikwissenschaftler Peter Filzmaier das oft schwierige Verhältnis von Wirtschaft und Politik.

Der Bankensektor und die Wirtschaft stehen einander aus offensichtlichen Gründen sehr nah. Bei der Raiffeisenbank Wels betont man dieses Naheverhältnis besonders gern: 66 Prozent der Geschäfte werden im Kommerzbereich abgewickelt. „Wir sind durch und durch eine Unternehmerbank“, betont Vorstandsvorsitzender Roland Hechenberger stolz. Den direkten Kontakt mit Wirtschaftstreibenden pflegt die Bank aber nicht nur im Tagesgeschäft, sondern auch beim jährlichen Unternehmerabend.

Bei der jüngsten Ausgabe stellte Hechenberger in seiner Begrüßung die RB Wels als Partnerin der regionalen Wirtschaft in den Mittelpunkt. Nachhaltiger Wohlstand entstehe nicht durch eine Bank allein, sondern durch starke Unternehmer. „Die Region ist stark“, betonte Hechenberger, „steht aber unter spürbarem Gegenwind“. Geopolitische Unsicherheiten erschweren die wirtschaftliche Erholung, das Wachstum bleibt gedämpft und das Zinsumfeld belastet. Auch Standortpolitik sei „noch immer kein Gewinnerthema“. Sein Rat: in Szenarien denken. Wie entwickelt sich das Unternehmen, wenn Wachstum geringer ausfällt, Zinsen steigen oder Rahmenbedingungen schwieriger werden? Wer seinen besseren und schlechteren Fall kenne, bleibe handlungsfähig.

Ihre Handlungsfähigkeit will wiederum auch die RB Wels stärken. Durch die anstehende Fusion mit der RB Gunskirchen entsteht laut Hechenberger eine „neue Dimension an Bank“ in der Region. Mit künftig rund 190 Mitarbeitenden könne man aktiver handeln und mehr Expertise anbieten.

Gegenseitiges Verständnis

Zum Höhepunkt des Abends wechselte anschließend Politikwissenschaftler Peter Filzmaier in seinem Vortrag „Warum wir Unternehmer die Politiker weniger denn je verstehen“ die Perspektive. Er sei kein Experte für Betriebswirtschaft, sondern beschäftige sich mit öffentlicher und politischer Kommunikation sowie Kommunikationspsychologie. Diese spiele jenseits der Sachlichkeit in Politik und Wirtschaft hinein. Schon Begriffe wie „gefühlte Inflation“ würden zeigen, dass wirtschaftliches Verhalten nicht allein von Zahlen bestimmt werde. Investitionsbereitschaft habe sehr viel mit der Gefühlslage zu tun.

Filzmaiers zentrale These: Unternehmer führen ein Unternehmen anders, als Politik eine Stadt, ein Land oder einen Staat führt. Unternehmen können Ziele in Zahlen, Ergebnissen und Gewinnen messen, Politik müsse mit schwerer greifbaren Größen wie Lebenszufriedenheit, Sicherheit und öffentlicher Stimmung umgehen. Das sei kein Grund für Bashing, sondern für mehr Verständnis der jeweils anderen Denkwelt. Und: „Die wichtigste Währung – sowohl für Politik als auch Wirtschaft – ist nicht der Euro, sondern Vertrauen“, brachte es der Experte auf den Punkt.

Gerade hier liege jedoch das Dilemma. Die Vertrauenswerte seien in Politik und Wirtschaft aus unterschiedlichen Gründen nur mittelmäßig. Zugleich habe sich die Stimmung im Land deutlich verschoben: 2019 hätten noch drei ähnlich große Gruppen die Entwicklung Österreichs positiv, negativ oder gleichbleibend gesehen, seither sei die Einschätzung stark ins Negative gekippt. Für Politik wie Wirtschaft sei das eine schlechte Nachricht, weil Zukunftsoptimismus, Vertrauen und Investitionsbereitschaft eng zusammenhängen.

Filzmaier skizzierte mehrere Konfliktlinien, die Gesellschaft und Wirtschaft prägen: alt und jung, Stadt und Land, Inländer und Ausländer, reich und arm, öffentlicher und privater Sektor sowie mehr oder weniger Staat. Es brauche beides: Bereiche, die nur die Privatwirtschaft leisten könne, aber auch öffentliche Güter und Infrastruktur, die bei der öffentlichen Hand richtig aufgehoben seien.

Kardinalfehler vermeiden

Ein besonderes Problem sah Filzmaier in der geringen Wirtschaftsbildung: „Solange viele Menschen Umsatz und Gewinn nicht unterscheiden können, wird es schwierig, Wirtschaft zu entwickeln.“ Große Zahlen seien für viele kaum greifbar, wie Filzmaier pointiert anmerkte: „Wissen Sie, wie wir in Österreich im Volksmund zählen? Alles über eine Million ist in einer emotional-diffusen Sammlungskategorie ‚ur vü’.“ Auch der Umgang mit Geld sei in Österreich prob­lematisch: Während wirtschaftlicher Erfolg in den USA oft Respekt und Neugier auslöse, werde hierzulande schnell der Verdacht unlauterer Machenschaften gehegt.

Mit Blick auf die Politik warnte Filzmaier davor, sie zugleich als Feindbild und als Verbündeten zu behandeln. Wer von der Politik in Krisen Lösungen erwarte, könne sie nicht dauerhaft nur als Teil des Problems darstellen.

Einen Kardinalfehler der Politik dürfe man in der Wirtschaft nicht nachmachen, appellierte Filzmaier an die anwesenden Unternehmer: „Ruinieren Sie nicht durch Kommunikation das Image der eigenen Branche. Genau das macht die Politik durch Negativ- und Schmutzkübelkampagnen.“ Diese schaden aus seiner Sicht nicht nur den jeweiligen Parteien, sondern der Demokratie generell. Wirtschaftskommunikation solle Expertenkommunikation sein – sachlich, glaubwürdig und vertrauensbildend. Furchterregende Kommunikation funktioniere nicht, schloss Filzmaier. Menschen könnten nicht jeden Tag nur Furcht empfinden. Was Politik und Wirtschaft daher brauchen? „Ein Plädoyer für Zukunftsoptimismus.“

AusgabeRZ20-2026

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