Bunt, fröhlich und naiv wirken die Bilder der 1970 geborenen österreichischen Künstlerin. Doch der erste Anblick täuscht. In Wahrheit ist es harter Tobak, den Katrin Plavčak den Betrachtern vor Augen führt. Krieg, Gewalt, die Bedrohung demokratischer Systeme, fragwürdige Geschlechterrollen und die Ausbeutung und Zerstörung unseres Planeten – es sind Themen, die mit Verweisen auf moderne Überwachungssysteme oder eine erstarkende atomare Bedrohung aktueller nicht sein könnten und doch nicht erst seit heute unser menschliches Dasein prägen.
Die Praxis, Kriege zu führen, mag – wie Plavčak beim Anblick eines von ihr als Kopfbedeckung gestalteten Sitzmöbels im Zuge des Presse-Ausstellungsrundgangs zu bedenken gab – heute mittlerweile „ein alter Hut“ sein. Dennoch erscheint er Machthabern jedoch nach wie vor als passend, um ihre Interessen durchzusetzen. „Dinosaur Politics“ nennt die Künstlerin beispielsweise eine Arbeit, die unter anderem Putin als Riesenechse zeigt. Das Bild, das vermutlich bis heute noch an Aktualität dazugewonnen hat, zählt mit Entstehungsdatum 2009 zu den ältesten Werken, die für die Ausstellung ausgewählt wurden.
Anonyme Massen und Überwachung
Gezeigt werden in der noch bis Anfang nächsten Jahres laufenden Schau Gemälde, Stoffarbeiten und Steckskulpturen der Künstlerin – darunter ein 360-Grad-Panorama-Rundbild, das eigens für die Schau im Lentos entstanden ist. „Die Zahl der Toten“ nennt sich diese Arbeit, die den Besucher auffordert, ins Innere zu treten, um so die einzelnen Bilder besser betrachten zu können. Thematisch wird darin der Bogen von der Überwachung mittels Satelliten bis hin zum anonymen Massengrab gespannt. Als Inspiration für die Installation dienten Plavčak die zahlreichen Medienberichte, die zwar regelmäßig von Kriegskatastrophen berichten, in denen Einzelschicksale jedoch kaum eine Erwähnung finden und die Opfer zu einer namenlosen Masse an Toten verschwimmen lassen. Letzteres ist ein Thema, das auch wenige Meter weiter in einer aus Stoffbahnen bestehenden Arbeit aus dem Jahr 2022 aufgegriffen wird. Während auf der einen Seite des wie ein Raumteiler angebrachten Stoffes teils gesichtslose Flüchtlinge im Meer treibend und auf einem Boot zu sehen sind, kreisen auf der linken Seite Starlink-Satelliten im All. Europa schaut genau hin und schaut doch weg. Die Tendenz ist eindeutig: In Zukunft sollen noch mehr Satelliten gelauncht werden. Alleine 10.000 Starlink-Satelliten der Firma SpaceX befinden sich mittlerweile im All. Damit werde es laut Plavčak nicht zuletzt auch immer schwieriger, ins All zu kommen – wir „begrenzen uns selbst“. Müll findet sich heute überall: vom Müll im All über „Müll im Ozean bis hin zum Müll in den sozialen Kanälen“.


Mit kritischem Blick
Inwieweit uns soziale Kanäle schaden, nutzen beziehungsweise traumatisieren können – man denke an das Handyvideo der jungen Darnella Frazier, die den Mord an dem Afroamerikaner George Perry Floyd filmte und verbreitete – ist ebenfalls ein Thema, das von Plavčak immer wieder aufgegriffen wird. So auch in ihrer 2026 entstandenen Arbeit „Flooding the zone with shit“. Bei dem Titel handelt es sich um ein Zitat des ehemaligen Chefstrategen Donald Trumps, Steve Bannon. Gemeint ist damit eine bewusste Verwirrungs- und Ablenkungstaktik der Öffentlichkeit durch Überflutung der Medien mit immer neuen Informationen, Fehlinformationen und Provokationen. Die Folgen sind Verunsicherung und der Verlust von Glaubwürdigkeit jener Medien, die versuchen, im Durcheinander Orientierung zu bieten. Gerade jedoch in Fällen gezielter Falschmeldungen und Ablenkungen ist eine kritische Berichterstattung besonders wichtig. Ein für Aktivisten, Whistleblower und Oppositionspolitiker gefährliches Unterfangen, das in manchen Fällen wie beispielsweise für Alexej Nawalny tödlich enden kann. Der russische Oppositionspolitiker machte mit seinem Team Korruption in den höchsten Machtkreisen des Landes öffentlich und kam 2004 in einem russischem Straflager ums Leben. Bereits zuvor war er zwei Mal Opfer einer „Seljonka-Attacke“ geworden. Plavčak zeigt ihn aufgrund eines der Farbe beigemischten chemischen Stoffes am Auge verwundet und mit blau-grünem Gesicht.
Es ist nicht das einzige Porträt von außergewöhnlichen Persönlichkeiten, auf das man während des Ausstellungsrundganges trifft. So kann man beispielsweise auch ins Antlitz von Ellen Johnson Sirleaf – der ehemaligen Präsidentin von Liberia und der ersten demokratisch gewählten weiblichen Staatschefin auf dem afrikanischen Kontinent – schauen.
Historisch etwas weiter in der Vergangenheit liegt die Zeit von Frankenstein-Autorin Mary Shelley und deren Mutter, der Schriftstellerin und Feministin Mary Wollstonecraft. Die beiden Frauen befinden sich unter anderem mit der Textilkünstlerin und Grafikerin Anni Albers sowie der österreichischen Malerin Maria Lassnig auf einem Gruppenbild, das die Künstlerin 2015 für die Londoner „Cock-Tavern“ schuf, in weiterer prominenter weiblicher Gesellschaft.
Getroffen haben sich die auf dem Bild Dargestellten freilich nicht. Ein gemaltes Bild ist für Plavčak jedoch „ein kurioses Feld, in dem sich alle möglichen Protagonisten aus unterschiedlichen Zeiten treffen können – sollen sie doch reinkommen!“.

Den Status quo hinterfragen
Etwas, das sich definitiv auch für diese Ausstellung empfiehlt. Wer gerne Querverbindungen entdeckt und sich Gedanken über den Zustand der Welt macht, ist hier richtig. Mit der Schau möchte man, wie es im Begleitheft heißt, dazu einladen „den Status quo nicht einfach hinzunehmen, sondern sich dagegen aufzulehnen und sich inmitten der Herausforderungen unserer Zeit – von Social Media über Künstliche Intelligenz bis hin zur Klimakrise, nicht selbst zu sabotieren, sondern selbstbestimmt und widerständig zu handeln“.
Ergänzend zur Ausstellung wurde ein umfangreiches Rahmenprogramm erarbeitet. Dieses erstreckt sich von einem Konzert der Gruppe „Kinky Muppet“, in der Katrin Plavčak an der Gitarre und als Sängerin zu hören ist, über eine Sound-Performance der „M.O.G. (Mothers of God)“ mit Plavčak und Ulrika Segerberg an den Nähmaschinen bis hin zur Möglichkeit, sein eigenes Motto- oder Statement-T-Shirt zu gestalten.








