Stefanie Werger: 75 Jahre stoak wie a Felsen

Am 2. Juli feiert eine Künstlerin ihren 75. Geburtstag, die wie kaum eine andere den weiblichen Austropop geprägt hat: Stefanie Werger. Sängerin, Songwriterin, Kabarettistin, Autorin, Geschichtenerzählerin und Grenzgängerin zwischen Rock, Chanson und Dialektkunst.

Wer zu Beginn der 1980er-Jahre das Radio in Österreich einschaltete, hörte vor allem Männer. Ambros, Danzer, Fendrich dominierten den sogenannten Austropop. Im Jahr 1982 trat mit Stefanie Werger plötzlich eine Frau mit einer unverkennbaren, rauchig-tiefen Stimme und Texten ohne jedes Blatt vor dem Mund ins Rampenlicht. Ihr Debütalbum trug den prophetischen Titel „Die Nächste bin i“ und hatte zwei Hit-Singles drauf, das Titellied, und „I wü di g’spür’n“. Heute, zu ihrem 75. Geburtstag, wissen wir, dass sie nicht nur die Nächste war, sondern die österreichische Musiklandschaft nachhaltig veränderte und Barrieren niederriss. 

Zwar gab es vor ihr bereits einflussreiche Frauen in der hiesigen Popularmusik. Allen voran natürlich Marianne Mendt, die 1970 mit „A Glock’n, die 24 Stunden läut’“ die Geburtsstunde des Austropop einläutete, geschrieben allerdings von Gerhard Bronner und Hans Salomon. Mit dem Muster „Männer schreiben Liedtexte für Frauen“ brach Stefanie Werger radikal und füllte als erste Liedermacherin – sie selbst bezeichnet ihr Schaffen als Liederatin – im Rock- und Popbereich eine gänzliche Leerstelle in Österreich. Sie verhandelte Frauenthemen nicht aus männlicher Projektion, sondern direkt aus dem echten Leben, ungeschminkt, verletzlich, fordernd und erotisch selbstbestimmt. 

Nach einer klassischen Instrumentalausbildung (Flöte, Klavier, Geige) tingelte sie zehn Jahre lang mit verschiedenen Cover- und Rockbands durch deutsche Discos. Als sie kurz davor war, den Traum, Rocksängerin zu werden, zu begraben, entdeckte sie ein Wiener Verleger und Talente-Scout bei einem Auftritt am Wörthersee und stellte die Weichen für ihre Solokarriere. 40 Jahre später veröffentlichte Stefanie Werger das Album „Langsam wea i miad“ und zog schweren Herzens einen Schlussstrich unter ihre kräftezehrende Konzertkarriere. Geplagt von schmerzhaften Rückenproblemen und nach mehreren Bandscheibenoperationen verkündete sie auf einer restlos ausverkauften Abschiedstournee 2021/22 das Ende ihrer Live-Auftritte. 

Unruhestand

„Als die Scheinwerfer endgültig für mich ausgegangen sind, war ich glücklich über meinen von tosendem Applaus begleiteten Abgang und den Riesenerfolg meiner Abschiedstournee“, resümiert Werger. Die darauffolgende Ruhe wurde allerdings schnell zur Unruhe. „Plötzlich war alles aus, kaum jemand rief mich mehr an und keiner wollte was von mir, vielleicht auch nur, um mich zu schonen. Diese ungewohnte Stille hat mich schon bald erdrückt und meine Kreativität gelähmt. Als dann auch noch Goran, mein bester Freund und begnadeter Gitarrist, der mich über drei Jahrzehnte begleitet hat, nach schwerer Krankheit verstorben ist, fiel ich in eine Schockstarre. Mein Mann hat liebevoll versucht, meine Seele wieder zu reanimieren, was mir endlich wieder die Kraft gab, neue Lieder zu schreiben.“ 

Die vor kurzem veröffentlichte neue Single „So schene Leit“ ist gewissermaßen ein typisches Werger-Lied mit all dem Schmäh und Augenzwinkern, das viele ihrer Liedtexte ausmacht. Das Lied zeigt eine Stefanie Werger, die nichts von ihrer Beobachtungsgabe verloren hat. Mit Ironie und Augenzwinkern nimmt sie Menschen aufs Korn, die ihren Wert über Marken, Statussymbole und äußeren Schein definieren. Gleichzeitig beweist das Lied, dass die Sängerin auch mit 75 Jahren noch etwas zu sagen hat. „Ich habe Marken-Fetischisten schon immer gern ein wenig veräppelt, ohne ihnen ernsthaft nahe treten zu wollen“, so Werger. „Bevor ich mir jedoch eine gebrauchte Handtasche von Hermes um weit über 60.000 Euro kaufe, trage ich meine Ausgehutensilien lieber im Geschirrhangerl.“ 

Ihr musikalisches Comeback, das ironisch den heutigen Markenfetischismus aufs Korn nimmt, wurde übrigens von Christian Kolonovits produziert. Er hat den Sound des klassischen Austropops wie kaum ein Zweiter geprägt und war somit auch in den 1980er- und 1990er-Jahren als Arrangeur für Werger tätig, so zum Beispiel beim Album „Bzw. (Beziehungsweise)“, auf dem auch ihr Hit „Flamenco Turistico“ zu hören ist. 

Stefanie Werger beim Abschlusskonzert ihrer Abschiedstournee
© APA/ERWIN SCHERIAU

Unbiegsamkeit

Ihr größter Erfolg und ihr bis heute bekanntestes Lied ist „Stoak wie a Felsen“ vom Album „Intim“ aus dem Jahr 1986. Die Stärke des Liedes liegt vielleicht darin, dass Werger gerade mal zehn Minuten gebraucht hat, um den Text zu schreiben, der von der Sehnsucht nach Liebe, aber eben auch um die bitteren Enttäuschungen, das Alleingelassenwerden und die unbändige Kraft, danach wieder aufzustehen, handelt. Generell lieferte Werger über einen ziemlich langen Zeitraum den Soundtrack für Frauen (und Männer), die sich im glatten, kommerziellen Pop nicht wiederfanden. „Ich habe viel gearbeitet und sehr viel geschrieben, um dorthin zu kommen“, erzählt Stefanie Werger im Interview, und: „Es gibt Lieder, die entstehen schnell, manche wiederum langsam. Was aber immer der Fall ist, egal, wie lange ich für ein Lied brauche, ist, dass ich die Musik und das Arrangement bereits höre, während ich es noch schreibe und ich weiß, wie das jeweilige Lied funktionieren soll.“ 

Weniger Wissen hat sie hingegen, wenn es um die Funktionalität eines Computers geht: „Ich bin ein Computertrottel.“ Social Media meidet sie, beantwortet aber jeden Eintrag im Gästebuch ihrer Webseite. Wenig Gesprächsstoff bietet auch Künstliche Intelligenz. „Damit kann ich gar nichts anfangen.“ Deutlich mehr anzufangen weiß sie, wenn man die Sängerin auf bestimmte Lieder aus ihrer Feder anspricht, die nicht ganz so bekannt sind, ihr aber wichtig sind, und da gibt es einige. „Die besten Texte von mir wurden kaum jemals im Radio gespielt, zum Beispiel ‚Drachen steigen‘, in dem es um Drogen geht.“ Werger hat auch einen wunderbaren Blues über Janis Joplin geschrieben, kein Radiolied, aber live ein Publikumsrenner. „Bei Janis würde ich mir nie anmaßen, mit ihr verglichen zu werden“, sagt Werger im Gespräch. Diese Antwort erinnert wiederum an ihr Lied „I woit sein wie sie“, in der sie die Textzeile singt, „Jetzt bin i wieder i und mechat heute nie so sein wie sie“. 

Stefanie Werger bestätigt diesen Einwurf und meint: „Man muss zu dem stehen, was man macht. Mir war nie alles egal, aber ich habe mit der Zeit gelernt mich nicht biegen zu lassen. Vielleicht war der Grund, dass viele gesagt haben: ‚Schaut her, sie schaut so aus wie wir!‘ Ich bin ja oft auf mein Gewicht reduziert worden.“ Das sollte man beileibe nicht, denn ihre Lieder gehören längst zum kulturellen Gedächtnis Österreichs.

AusgabeRZ26-2026

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