RRV NÖ-Wien: „Viele Baustellen, aber alle zu bewältigen“

Der RRV NÖ-Wien blickte bei seiner Generalversammlung auf ein herausforderndes Jahr 2025 zurück. Während Banken und Lagerhäuser unter Druck stehen, wächst die Zahl der Genossenschaften weiter.

Verbandsobmann Josef Pröll nutzte die 24. Generalversammlung des Raiffeisen-Revisionsverbandes Niederösterreich-Wien für eine grundsätzliche Standortbestimmung. Angesichts geopolitischer Spannungen und einer „wirtschaftlich prekären“ Lage in Österreich erinnerte er daran, dass unternehmerische Entscheidungen nie im luftleeren Raum fallen. Verantwortung zu tragen bedeute gerade jetzt, das Umfeld realistisch einzuschätzen. 

Zugleich verwies er auch auf erste Stabilisierungssignale in Österreich: Die Inflation ist im Jänner auf zwei Prozent zurückgegangen und war damit wieder im Bereich des EZB-Zielwertes. Für 2026 werde zudem mit einem moderaten BIP-Wachstum von rund 1 Prozent „jedenfalls eine positivere wirtschaftliche Entwicklung“ erwartet, so Pröll.

Dass vielerorts autoritäre und antidemokratische Stimmen verstärkt um sich greifen, sieht der Verbandsobmann als „einen Frontalangriff auf die Genossenschaftsidee“. „Es liegt an uns – auch wenn es manchmal mühsam und zermürbend ist, die Mehrheit zu finden –, die demokratische Idee hochzuhalten“, bekräftigt Pröll. Dies sei für den Wohlstand und die Prosperität eines Landes unverzichtbar. Dass das System Raiffeisen basierend auf Solidarität und Mitbestimmung seit mehr als 150 Jahren Bestand hat, zeuge vom Erfolg und Qualität demokratischer Werte.

Motor der Energiewende

Genauso sprechen die Gründungszahlen für die Genossenschaftsidee: So wurde seit dem Jahr 2020 durchschnittlich eine Genossenschaft pro Monat im RRV NÖ-Wien gegründet. „Das kann sich sehen lassen“, freut sich Pröll. 56 von den insgesamt 69 Gründungen waren Energiegenossenschaften. „Damit ist der RRV genossenschaftlicher Motor der Energiewende in Niederösterreich“, hält der Obmann fest. Unter den Gründungen finden sich auch innovative Ärzte- und Wirtshausgenossenschaften sowie traditionelle Fernwärme- und Verwertungsgenossenschaften. Insgesamt zählt der RRV nunmehr 298 Mitgliedsgenossenschaften.

Besonders hervorzuheben sei die Gründung einer neuen Schülergenossenschaft in Waidhofen an der Ybbs: Die „Back2Back SchüGen“ verbindet genossenschaftliches Wirtschaften mit nachhaltigem und inklusivem Handeln, indem alte Raiffeisen-Outdoor-Plakate in Zusammenarbeit mit dem NÖ Hilfswerk in Taschen und Federpenale umgearbeitet und im Rahmen der Schülergenossenschaft vermarktet werden. „Es ist wichtig, dass wir unsere Idee in die Schulen bringen und damit nicht nur genossenschaftliches Handeln, sondern auch wirtschaftliches Denken fördern“, ist Pröll überzeugt.

Große Spannweite

Die durchschnittliche Bilanzsumme der aktuell 41 Raiffeisenbanken – für 2026 wird zumindest eine Fusion erwartet – beträgt 810 Mio. Euro. Zehn Raiffeisenbanken haben eine Bilanzsumme von mehr als 1 Mrd. Euro, fünf davon über 2 Mrd. Euro. „Die größenmäßige Streuung der Raiffeisenbanken in Niederösterreich ist nach wie vor erheblich: Die größte Primärbank ist fast dreißigmal so groß wie die kleinste. Das ist eine größere Spannweite als zwischen den größten Primärbanken und der Raiffeisenlandesbank“, verdeutlicht Pröll. 

Die Betriebserträge der Raiffeisenbanken wurden vom Zinsergebnis maßgeblich beeinflusst: So hat sich der Nettozinsertrag gegenüber dem Vorjahr um 142 Mio. Euro auf 760 Mio. Euro deutlich reduziert. Dieser Rückgang konnte auch durch gestiegene Erträge aus den Wertpapieren und Beteiligungen sowie aus dem Dienstleistungsgeschäft nicht kompensiert werden. Dadurch sind die Betriebserträge um 135 Mio. Euro geringer als im Vorjahr ausgefallen, wie der Verbandsobmann berichtet. Gleichzeitig konnten die Betriebsaufwendungen um 20 Mio. Euro reduziert werden.

Insgesamt ist das Betriebsergebnis auf rund 565 Mio. Euro oder 1,7 Prozent der durchschnittlichen Bilanzsumme gesunken, im Vorjahr lag das Ergebnis noch bei 681 Mio. Euro oder 2,1 Prozent. Eine „Riesenherausforderung“ nennt Pröll die Bonitätsverschlechterungen in den Kreditportfolios und die auf 2,5 Mrd. Euro angestiegenen notleidenden Kredite (NPL). Dies sei insbesondere in Niederösterreich der Entwicklung am Immobilienmarkt geschuldet. „Hoffen auf bessere Zeiten ist in diesem Fall zu wenig. Wir als Revisionsverband müssen darauf drängen, dass entsprechende Lösungen gesucht und abgewickelt werden“, sagt Pröll. Nur so können die Raiffeisenbanken dafür Sorge tragen, mit der Kundengruppe der gewerblichen Immobilienentwickler durch die Krise zu kommen.

Ernste Lage

Die 13 operativ tätigen niederösterreichischen Lagerhausgenossenschaften haben seit dem Jahr 2023 mit äußerst schwierigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zu kämpfen: „Wir haben Umsatzrückgänge und teils dramatische Rohgewinnverluste, hohe Kostensteigerungen und damit eine Ergebnissituation, die uns ernsthaft, nachhaltig beschäftigen muss. – Wir haben einen wirklichen Handlungsbedarf“, mahnt Pröll.

2024, im letzten vom RRV geprüften Wirtschaftsjahr, verzeichneten die Umsätze im Vergleich zum Vorjahr einen Rückgang von 5,4 Prozent auf 1,6 Mrd. Euro. Das Ergebnis vor Steuern aller Lagerhäuser lag 2024 bei minus 27,7 Mio. Euro, 2023 waren es minus 5,2 Mio. Euro. Auch für das Jahr 2025 sei keine schwarze Null in Sicht, so Pröll. Ein wirtschaftlicher Aufschwung alleine werde nicht reichen: „Wir sind jetzt an einem Wendepunkt, an dem es gilt, die Hausaufgaben selbst zu erfüllen. Wir sind durchaus optimistisch: Viele Baustellen, aber alle zu bewältigen.“

AusgabeRZ10-2026

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