Von der Bürowand ins Museum

Das Museum Angerlehner in Wels gewährt Einblicke in die vielfältige Kunstsammlung der Raiffeisen-Holding NÖ-Wien.

Im Raiffeisenhaus in Wien zeigt sich so manche Wand derzeit ungewohnt karg – hier und da klaffen leere Flächen, wo einst Bilder hingen. Diese werden von einigen Mitarbeitern bereits vermisst. „Das kann ich gut verstehen, denn ohne Kunst ist alles nur halb so schön“, sagt Heinz Angerlehner, Gründer des Museums Angerlehner in Wels, bei der Eröffnung der Ausstellung „Collectors Choice, Sammlung Raiffeisen-Holding NÖ-Wien mit Kunstgruppe Retz“. 

Etwa 90 Werke aus der Kunstsammlung der Raiffeisen-Holding NÖ-Wien und der Kunstgruppe Retz sind für die Ausstellung von Niederösterreich nach Oberösterreich umgezogen, aus dem Kunstdepot und den Büroräumen des Raiffeisenhauses in die Museumsräume in Wels. „Es sind Kunstwerke aus den unterschiedlichsten Epochen, teilweise bis zu 150 Jahre alt. Die Werke sind in ihrer Qualität und Vielfalt beeindruckend“, sagt Angerlehner über die Ausstellung, die sich über vier Räume im Obergeschoß erstreckt. Das Museum gilt als eines der größten Privatmuseen für zeitgenössische Kunst in Österreich.

Sammlung neu ausgerichtet

Die Kunstsammlung der Raiffeisen-Holding NÖ-Wien umfasst mehr als 600 Werke. Gemälde namhafter Künstler sind seit dem Ende der Nachkriegszeit Stück für Stück gekauft worden, vor allem für Büros oder öffentliche Räume des Raiffeisenhauses. Die heterogene Sammlung ist über die Jahre hinweg durch spontane Ankäufe entstanden – das möchte man nun ändern. Aus der historisch gewachsenen Unternehmenssammlung soll ein strategisch aufgebauter Bestand werden. Für die Ankäufe ist jährlich ein mittlerer sechsstelliger Betrag vorgesehen. Zudem ist die Öffnung gegenüber einer breiteren Öffentlichkeit geplant – die aktuelle Ausstellung in Wels ist ein erster Schritt dahin.

Erwin Hameseder, Generalanwalt des österreichischen Raiff­eisenverbandes, betont bei der Ausstellungseröffnung: „1886 wurde die erste Raiffeisenkasse gegründet, ein Grundstein für unsere Kunstsammlung. Für uns hat Kultur etwas Verbindendes.“ Die Breite der Kulturförderung spiegele sich auch in der Vielfalt der Sammlung wider. „Kulturelles Engagement heißt, Verantwortung zu übernehmen.“ Einen wesentlichen Anteil am Wachstum der Sammlung hatte der frühere Generalanwalt Christian Konrad.

Der rote Faden: Natur und Landschaft

Für Kurator und Kunsthistoriker Carl Aigner, früherer Direktor der Kunsthalle Krems und des Museums Niederösterreich, war es eine Herausforderung, aus der umfangreichen Sammlung eine Ausstellung zu konzipieren. „Es sind Bilder vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart vertreten. Das neueste Werk stammt vom österreichischen Künstler Hermann Nitsch aus dem Jahr 2018.“ Doch auch wenn die Sammlung nicht auf einem Konzept basiere, finde man einen roten Faden. „Das sind die Themen Landschaft und Natur“, erläutert Aigner. 

Die Historie der Bilder dient in der Ausstellung als Richtlinie. „Es beginnt mit einer Arbeit von Johann Baptist Reiter, ein Linzer Künstler aus dem 19. Jahrhundert, mit einem Porträt seiner beiden Kinder“, so der Kunsthistoriker. Auch hier sei die Natur zugegen, in Form von Weinblättern, die das Fenster säumen. „Landschaftsmalerei prägte das gesamte 19. Jahrhundert. Die Ausstellung präsentiert Werke von Marie Egner, Tina Blau und Olga Wisinger-Florian“, sagt Aigner. Die Frauen gehören zu den bedeutendsten Künstlerinnen des österreichischen Stimmungsrealismus. Zudem verfügt die Kunstsammlung über eine Reihe von Arbeiten des österreichischen Malers Ferdinand Brunner, drei davon sind in der Schau zu sehen. „Ferdinand Brunner ist es in seinen Werken gelungen, die Stille der Landschaft hörbar zu machen“, schwärmt Aigner. Auch mehrere Werke aus dem umfangreichen Sammlungsblock von Josef Engelhart gibt es zu entdecken. 

Der Raiffeisen-Herzschlag

Dann nähert sich die Ausstellung dem Ende des 19. Jahrhunderts. Für Kurator Aigner beginnt damit der „Raiffeisen-Herzschlag“ der Sammlung. „Es ist ein Blick in die Vergangenheit, ein Blick auf Menschen, die auf dem Feld arbeiten.“ So beispielsweise die Getreidedrusch von Carl Moll oder das Handmähen des Grases bei Rudolf Böttger. Auch eine Fotografie des österreichischen Fotokünstlers Alfred Seiland – eine großformatige Seenlandschaft – ist zu sehen.

Die Kunstentwicklung spiegelt sich auch nach 1945 in der Kunstsammlung wider. Der Fokus liegt dabei auf Malerei, mit Josef Mikl und Markus Prachensky versammelt die Ausstellung zwei Vertreter der frühen gestischen Abstraktion. Das Porträt von 1979 von Kiki Kogelnik wirft ein Licht auf feministische Strömungen der Gegenwartskunst.

Ein Highlight der Ausstellung sind die über 20 Werke der Kunstgruppe Retz. Künstlerinnen und Künstler mit Behinderung arbeiten seit 1992 in der Gruppe miteinander. „Das gemeinsame Arbeiten ist freiwillig, es verfolgt keinen therapeutischen Zweck“, betont Carl Aigner. Die Arbeit sei Ausdruck selbstbestimmter Kreativität. Neben Werken aus der Raiffeisen-Sammlung konnten auch zusätzliche Arbeiten aus der Kunstgruppe Retz in die Schau einbezogen werden. 

Carl Aigner, Heinz Angerlehner und Erwin Hameseder bei der Eröffnung
Carl Aigner, Heinz Angerlehner und Erwin Hameseder bei der Eröffnung © Pia Sternbauer

Die Ausstellung ist bis zum 26. September im Museum Angerlehner in Wels zu sehen. „Wenn eine Vision zum Ziel wird, und dieses Ziel dann auch noch zur Umsetzung gelangt, dann ist das mit großer Freude verbunden“, sagt Hameseder, der die Idee für die Ausstellung gemeinsam mit Aigner und Angerlehner bei einer Vernissage entwickelte. 

Und die Raiffeisen-Mitarbeiter dürfen beruhigt sein: „Ich wurde schon angesprochen, dass Bilder plötzlich weg sind“, erzählt Hameseder. „Keine Sorge, die Bilder werden nach Wien zurückkehren, wenn auch nicht alle an ihren bisherigen Platz. Es tut den Bildern gut, wenn sie etwas durchmischt werden.“

AusgabeRZ18-2026

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