Sammeln: Eine Sache der Perspektive

Am 29. April feiert das „Naturhistorische Museum Wien“ seinen 150. Geburtstag. Zum Jubiläum widmet man sich der Begeisterung des Sammelns – mit ihren guten und schlechten Seiten.

„Übermutter, Testimonial, Kunstwerk, Schönheitsideal, Fetisch, UNESCO-Weltkulturerbe, Göttin“ oder ein Symbol für „Body Positivity“ – ganz schön viele Zuschreibungen für eine gerade einmal elf Zentimeter große Statue aus der Steinzeit. Die 1908 erneut das Licht der Welt erblickende Frauenfigur löste mit ihrer Entdeckung im niederösterreichischen Willendorf nicht nur in wissenschaftlichen Kreisen Begeisterung aus, sondern bot unter anderem auch in der zweiten Welle der Frauenbewegung Möglichkeiten, Geschichte(n) neu zu erzählen.

Welche dieser vielen angebotenen Perspektiven man für sich am liebsten einnehmen möchte, darüber kann man derzeit bewusst in der neuen Sonderausstellung im Naturhistorischen Museum Wien (NHM) grübeln. Noch bis Mitte nächsten Jahres lädt die „Venus von Willendorf“ im Rahmen der Jubiläumsausstellung „Gutes Sammeln – böses Sammeln“ als blau leuchtende Aufblasfigur zum Hinterfragen und zur Erweiterung der eigenen Sichtweise ein. Selbiges gilt für die, die 29.500 Jahre alte Dame umringenden Tierpräparate von Eisbär, Affe & Co.

Gutes und böses Sammeln 

Die für die Ausstellung ausgewählten historischen Objekte stellen nur eine kleine Auswahl aus dem Bestand der insgesamt rund 30 Millionen Objekte umfassenden Sammlung des NHM dar. Zu den Besitztümern zählt unter anderem auch die Schale einer echten Wendeltreppen-Schnecke. Kaiser Franz Stephan soll dafür einst 4.000 Gulden (rund 100.000 Euro) bezahlt haben. Das Objekt steht damit nicht zuletzt als Sinnbild für die Sammelleidenschaft eines Monarchen. 

Es war allerdings erst Franz Stephans Gattin, Maria Theresia, die mit dem Auftrag an den Naturforscher Ignaz von Born, eine Systematik zu erstellen, den Grundstein für eine wissenschaftlich geordnete und katalogisierte Sammlung legte. Die Systematik findet sich – kontrastiert von einer Vielzahl wild zusammengewürfelter Objekte – passend im Eingangsbereich der Schau. Es ist eine ausbordende „Wildheit“, die nicht nur an die ersten frühen Wunderkammern erinnern soll, sondern zugleich einen ästhetischen Anblick bietet – ein gelungener Auftakt für eine generell sinnlich anmutende Schau. Inspiration holte sich das Architektenduo Martin Schnabl (breadedEscalope) und Benedikt Haid vor allem in den Archiv- beziehungsweise den Lagerräumen des Museums. 

Ausstellungsansicht NHM Gutes Sammeln, böses Sammeln
© NHM Wien/Chloe Potter

Dass sich in diesen auch so einige fragwürdige Objekte befinden, wollte man bei der Jubiläumsschau ebenfalls nicht aussparen. Der Sammlerleidenschaft und der Begeisterung für die Wissenschaft wurde so mit der Frage des Erwerbs einzelner Objekte eine „böse“ Seite des Sammelns zur Seite gestellt. Neben der Thematisierung des NHM als Teil eines nationalsozialistischen Wissenschaftsapparates nimmt man sich auch dem Kolonialismus an. Auch wenn Österreich selbst keine Kolonien hatte, so verstand man es doch, von gewissen Netzwerken zu profitieren. Bezeichnend ist unter anderem der Fall des ersten, sein Amt vor 150 Jahren angetretenen Museumsintendanten Ferdinand von Hochstetter. Dieser konnte seine während eines Aufenthalts in Neuseeland gewonnen Kontakte zu den Kolonialherren nutzten, um an neuseeländische Moas zu kommen. 

Jagdirrsinn und Kautabak

Aus heutiger Sicht nicht nur fragwürdig, sondern auch verboten stellt sich die Tat des Geologen Eduard Suess dar. Dieser bediente sich selbst an den Bruchstücken einer Pyramide und brachte das 45 Millionen alte Gestein auf eigene Faust nach Wien. Allgemein bekannt ist auch die übertriebene Jagdleidenschaft des Thronfolgers Franz Ferdinand. Der Erzherzog schoss im Laufe seines Lebens 274.000 Tiere. Ein in die Ausstellung integrierter Ego-Shooter verdeutlicht den Jagd-Irrsinn des Thronfolgers. 

An einer eigenen Station können sich die Besucher zudem digital über die einzelnen Objekte des Museums informieren. Etwas handfester gestaltet sich hingegen der Anblick eines historischen Spucknapfes. Anders als das Kauen von Tabak war das Rauchen im Museum bereits früh verboten. Für die Einhaltung der Regeln und die Sicherung der Ausstellungsobjekte in den Schausälen sorgten bis 2020 – man höre und staune – ausschließlich Männer. An dem sich in der Sammlung als Vertreter einer ausgestorbenen Tierart befindlichen „Quagga“ ist dies vermutlich ebenso spurlos vorübergegangen wie die 2022 erfolgte Festklebung einer Gruppe von Klimaaktivisten an einem Sockel im Dinosauriersaal. Zeugnis von diesem Ereignis bildet heute nur mehr ein Handabdruck. Wir alle hinterlassen unser Spuren – eine wichtige Frage ist, wie damit umgegangen wird.

AusgabeRZ18-2026

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