Salzburg Summit: Gipfeltreffen mit Weitblick

Beim 7. Salzburg Summit diskutierten Spitzenvertreter aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur über „Allianzen in einer neuen Weltordnung“. Europa müsse die Kräfte bündeln, um innovativer und schneller zu werden und so neue Partner zu finden.

Europa fehlt es nicht an Kapital und Talenten – sondern daran, beides rasch genug in Innovation zu verwandeln. Darin waren sich viele Teilnehmer des 7. Salzburg Summit einig. „In Europa gibt es reichlich Geld und viele brillante Menschen. Doch wenn es nicht gelingt, einen Mechanismus zu finden, um Menschen und Kapital in Innovation zu lenken, wird es schwer sein, wettbewerbsfähig zu bleiben“, analysierte der ehemalige US-Außenminister Antony Blinken. Die Kapitalmarkt­union müsse deshalb rasch finalisiert werden, so Blinkens Ratschlag an seine „europäischen Freunde“.

Europa müsse seine wirtschaftliche Stärke durch einen stärkeren Binnenmarkt ausbauen und zugleich den politischen Zusammenhalt festigen, um sich behaupten zu können. Die Welt bewege sich zu schnell, um auf die Einigkeit von 27 Ländern zu warten. Europa laufe Gefahr, „zwischen den innovativen USA und dem industriellen China“ aufgerieben zu werden. Der US-Diplomat empfiehlt Europa, nach neuen Verbündeten Ausschau zu halten und industriepolitisch tätig zu werden.

Auf die Frage, ob sich Europa immer noch auf die USA verlassen könne, antwortete Blinken mit einem: „Es kommt darauf an.“ Man sei zwar wirtschaftlich und kulturell immer noch stark verflochten, doch die USA fordere heute mehr Tatkraft von Europa. „Die USA werden industriepolitisch vorpreschen. Waren es unter Joe Biden positive Anreize, sind es bei Trump negative, wie die Zölle.“ Aber Europa solle sich nicht nur auf den jeweiligen US-Präsidenten einstimmen, sondern langfristig denken.

Generell sieht Antony Blinken die Staatengemeinschaft in einem „tiefgreifenden historischen Moment“ gefangen, in einem „perfekten Sturm“ aus rasendem Änderungstempo, wachsender Frustration der Jugend und neuen, auch nicht-staatlichen Machtzentren. Aber „jede Transformation hat uns in eine bessere Zeit gebracht“, zeigt sich Blinken optimistisch, denn die Lösungskompetenz steige. 

Teilnehmer des Salzburg Summit
© Industriellenvereinigung

Mehr Wettbewerb

Beim Salzburg Summit standen neben der geopolitischen Dimension auch technologische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Aspekte im Mittelpunkt der Gespräche. Die internationale Konferenz, initiiert und organisiert von der Industriellenvereinigung und gesponsert von Raiffeisen, umkreiste das Generalthema „Allianzen in einer neuen Weltordnung“. Dass der Salzburg Summit kurz vor Beginn der Salzburger Festspiele stattfindet, ist für Festspielpräsidentin Kristina Hammer ein logischer Schritt, denn „Kunst fördert Empathie. Und politische Stabilität entsteht nicht durch Machtbalance, sondern durch Vertrauen.“

Eröffnet wurde der Salzburg Summit 2026 von IV-Präsident Georg Knill mit dem Statement: „Die Welt reguliert sich gerade neu“. Österreich müsse sich aktiv im globalen Wettbewerb behaupten statt abzuwarten. „Sicherheit entsteht nicht, wenn wir im geschützten Hafen warten, sondern nur, indem wir lernen, auf offener See erfolgreich zu sein“, so Knill. Sein Appell: „Bevor wir Allianzen bilden, müssen wir die Richtung kennen.“ Dazu brauche es nicht nur einen Kompass, sondern auch Mut und Entscheidungskraft.

Von der Politik fordert er „echte Reformen statt Symbolpolitik“. Dass es hier Nachholbedarf gibt, zeige das IMD-Wettbewerbsfähigkeits-Ranking, in dem Österreich das dritte Jahr in Folge einen Platz verloren hat und nun auf Rang 29 von 70 Volkswirtschaften liegt – während Länder wie Singapur, China und die Schweiz zeigten, wie sich Kapital, Talente und staatliches Handeln strategisch bündeln lassen. „Produkte Made in Austria sind weltweit gefragt. Und unsere Industrie hat Lösungen entwickelt, bevor die anderen die Probleme überhaupt erkannt haben. Österreich bringt alles mit, um wieder vorauszufahren. Wir müssen Partnerschaften weiter ausbauen und aktiv gestalten“, so Knill. Auch Europa brauche eine selbstbewusstere Handelspolitik.

Sven Smit vom McKinsey Global Institute zog historische Parallelen unter anderem zur Ölkrise der 1970er-Jahre, um die aktuelle geopolitische und ökonomische Umbruchphase einzuordnen: Von zentralen Stützen der vergangenen Ära – darunter internationale Kooperation, demografischer Rückenwind, billige Energie und billiges Geld – sei praktisch keine mehr intakt. Dennoch plädierte Smit dezidiert für Wachstumsoptimismus. Während gängige Institutionen wie IWF oder IPCC bis 2100 eine Verdreifachung der globalen Wirtschaftsleistung prognostizieren, hält er eine rund achteinhalbfache Steigerung für möglich. Das sei genug, damit auch Länder wie Burundi den heutigen Wohlstand der Schweiz erreichen könnten. Voraussetzung dafür seien ausreichende Rohstoffe, eine Energiewende weg von Öl und Gas hin zu Solar- und Nuklearenergie sowie deutlich weniger regulatorische Genehmigungskomplexität. Smit betonte, jeder Wachstumspunkt schaffe zehnmal so viel Mittel zur Problemlösung, wie er selbst an neuen Problemen erzeuge, und rief dazu auf, der jüngeren Generation eine optimistischere Zukunftserzählung zu vermitteln statt nur Untergangsszenarien.

Teilnehmer des Salzburg Summit
© Industriellenvereinigung

Höhere Geschwindigkeit

Sabine Mauderer, Vizepräsidentin der Deutschen Bundesbank, betonte: „Wirtschaftswachstum wird nur dort entstehen können, wo Energie verfügbar und günstig ist.“ Der Ausbau erneuerbarer Energien müsse dringend beschleunigt werden, denn schon jetzt würden europäische Unternehmen ihre Produktionsstätten zunehmend nach China verlagern, nicht um den chinesischen Absatzmarkt zu bedienen, sondern um dort günstig zu fertigen und den technologischen Fortschritt mitzunehmen. „Wir sind in einer Zeit, in der sich Europa neu sortiert und stehen vor dem zweiten Chinaschock“, warnt Mauderer. Europa müsse Bürokratien abbauen, um schneller, disruptiver und risikoaffiner zu werden. 

Dass das internationale Klima rauer geworden ist und Europa sich von der „transatlantischen Romantik“ verab­schieden müsse, attestiert auch OeNB-Präsident Johannes Hahn. Allerdings sei das Glas halbvoll, denn nach Mercosur- und dem Indien-Abkommen erkennt Hahn derzeit einen „Boom“ an internationalen Handelsverträgen mit Europa. „Wir sind langsam und nicht unkompliziert, aber zuverlässig“, beschreibt Hahn die Europäische Union. Die neuen Handelsvereinbarungen seien auch eine Chance für den Euro, denn selbst als zweitwichtigste Währung im globalen Handel habe man noch Raum für Verbesserungen. „Polykrisen schaffen auch Polychancen, aber nur, wenn wir international präsent sind“, ist Hahn überzeugt und forderte mehr Kommissare mit klarer regionaler Zuständigkeit außerhalb Europas. 

Dass Europa derzeit seine „Komfortzone“ verlassen muss, erkennt auch Gunther Krichbaum, deutscher Staatsminister für Europa. Jahrzehntelang habe man Sicherheit billig aus den USA, Energie billig aus Russland und Absatz­märkte in China importiert – dieser Zustand sei vorbei. 

Weniger kompliziert

Auch der frühere kanadische Premierminister Justin Trudeau kam nach Salzburg und stimmte ähnliche Töne an. Er warnte Europa davor, der US-Regierung unter Donald Trump Zugeständnisse zu machen. Als Lösung für die US-Zölle sieht Trudeau nur die Diversifizierung und die Zusammenarbeit mit anderen, verlässlichen Partnern, die ähnliche Werte vertreten. Trudeau warb dabei auch für eine engere Zusammenarbeit zwischen Kanada und Europa. Er wolle mit den Europäern „mehr gemeinsam machen“, aber „Europa ist so kompliziert“, merkt der Kanadier an und erinnert an die Verhandlungen rund um das Wirtschafts- und Handelsabkommen (CETA) aus dem Jahr 2017. In einer komplexen Welt sind einfache Lösungen schwierig, aber mit neuen Allianzen zu bewältigen, so der Tenor des dreitägigen Salzburg Summit. 

AusgabeRZ31-2026

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