Flurdenkmäler: Stille Hüter am Wegesrand

Niederösterreich lädt am 9. August zum „1. NÖ Klein- und Flurdenkmaltag“. Interessierte haben dabei die Möglichkeit, mehr zu ausgewählten Wegkreuzen, Bildstöcken und Kapellen zu erfahren.

Rund 45.000 gibt es davon. Man begegnet ihnen auf Dorfplätzen, an Weggabelungen, zwischen Feldern und Wäldern oder Friedhöfen. Der Schriftsteller Peter Rosegger nannte sie „stille Hüter des ländlichen Friedens“. Im Volksmund werden sie meist kurzerhand als „Marterln“ bezeichnet. Ihre ­Erscheinungsform reicht vom schlichten ­Holzkreuz über steinerne Bildstöcke und gemauerte Kapellenbildstöcke bis hin zu Grenzsteinen, Mariensäulen, Brunnen oder profanen Erinnerungszeichen. 

Nicht minder vielfältig waren und sind die Gründe für ihre Errichtung: Ob als Erinnerung an einen geliebten Menschen, zur Einlösung eines Gelübdes, als Stationen auf Wallfahrts- und Prozessionswegen oder schlicht zur Kennzeichnung von Grenzen – vielerorts trotzen Flurdenkmäler bereits seit Jahrzehnten Wind und Wetter und erzählen so von längst vergangenen Zeiten. 

Im Fall des „Luckerten Steins“ in der Stadtgemeinde Ebreichsdorf soll diese Geschichte sogar vor Christi Geburt begonnen haben. Vermutet wird, dass der Stein einst den Kelten als Kultstein gedient hatte, bevor er als Feldpranger für Feldfrevler zum Einsatz kam. Seine erste dokumentierte Verwendung fand das löchrige Steingebilde schließlich ab 1517 als Grenzstein an der Gemeindegrenze Unterwaltersdorf/Mitterndorf. An der Geschichte der Grenzsteine Interessierte haben die Möglichkeit, sich gemeinsam mit Gerhard Pobenberger vom Heimatmuseum Ebreichsdorf auf eine spezielle für den 9. August organisierte Erkundungstour zu begeben.

Von Artstetten bis Traismauer

Die Radwanderung ist eine von rund 20 Veranstaltungen, die im Rahmen des „1. NÖ Klein- und Flurdenkmaltags“ dazu einlädt, aktiv das kulturelle Erbe Niederösterreichs kennenzulernen. Ins Leben gerufen wurde die Initiative von der Volkskultur Niederösterreich. Sie soll dazu anregen, „die eigene Umgebung bewusster wahrzunehmen und die Besonderheiten unseres Bundeslandes wertzuschätzen“, betont Harald Froschauer, Geschäftsführer der Volkskultur Niederösterreich. 

Zu den unterschiedlichen Programmpunkten zählen neben einer Marterlwanderung zur Freizeitanlage Rörndlwies mit Kräutersammlung und einer Kinder-Ferienspiel Marterlwanderung in Langenrohr auch verschiedene Vorträge – darunter beispielsweise ein Lichtbildervortrag zu den Klein- und Flurdenkmalen rund um das Schloss Artstetten von Heimatforscher Erich Köberl – sowie spezielle Kirchenführungen (in St. Oswald, Radlbrunn und Bischofstetten), ein Besuch in der Ausstellung „Traismaurer Schätze“ sowie historische Stadtspaziergänge mit bekannten Experten. Als Vortragender fungiert beispielsweise auch der Historiker und Autor Robert Streibel, der in Krems zu einem Denkmal-Rundgang einlädt, während sich an der Geschichte Interessierte sich gemeinsam mit dem Diakon und Fachbereichsleiter Klein- und Flurdenkmäler in Niederösterreich, Josef Neuhold, im Stadtzentrum von St. Pölten auf die Suche nach Kleindenkmälern machen können. Näher betrachtet werden hier neben der 1718 errichteten Mariensäule außerdem ein 217/18 nach Christus datierter „Römischer Meilenstein“ sowie das 1988 von dem österreichischen Künstler Hein Mader geschaffene „Ohr des Bürgermeisters“ und Hans Freilingers Bronze-Skulpturengruppe „Tratschende Frauen“. Seinen Abschluss wird der Stadtrundgang bei der Pestsäule am Rathausplatz finden. Diese wurde ab 1768 errichtet, nachdem es bereits 1753/54 zur Grabung des Fundaments gekommen war. Bei der fast zehn Meter hohen Säule handelt es sich um die „späteste Barocksäule“ in Niederösterreich und „einzige Dreifaltigkeitssäule in Kombination mit Brunnen“, wie einem Eintrag auf der von der Volkskultur Niederösterreich betriebenen Kleindenkmalplattform „Marterl.at“ zu entnehmen ist. 

Insgesamt werden in der digitalen Kleindenkmaldatenbank über 12.000 Klein- und Flurdenkmale in Niederösterreich erfasst und näher dokumentiert. Alleine für Bockfließ lassen sich 82 Einträge aufrufen. Der in der Gemeinde beheimatete Verschönerungsverein kümmert sich neben dem Schmücken des Ortes mittels Blumen und der Anlage spezieller Gärten auch um die Pflege, Erforschung und Dokumentation der historischen Klein- und Flurdenkmale. Am Aktionstag können alle, die neugierig sind, mit Martin Wannemacher und dem Verschönerungsverein zu einem historischen Ortsrundgang aufbrechen. Der Weg führt unter anderem vorbei am Franzosensprung über das Franzosensprunggrab und dem „Thaddäus“ zum Brenner- und Scheck-Kreuz sowie zum Scheck-Bildstock. Letzterer wird seit mehr als 150 Jahren von derselben Familie gepflegt und wurde bereits mehrfach erneuert. 

Dokumentieren, Renovieren und Pflegen 

Welches Engagement es braucht, um die der Unbill der Natur ausgesetzten Marterln zu erhalten, lässt sich auch an der Geschichte des Verschönerungsvereins in Sierndorf ablesen. Nachdem viele der Kleindenkmäler bereits stark renovierungsbedürftig waren, beschloss man vor 40 Jahren den gezielten Neuaufbau und die Renovierung des zerstörten Kulturguts. 

Zum Klein- und Flurdenkmaltag wartet Harald Butter vom Arbeitskreis Heimatforschung in der Sierndorfer Gemeindebibliothek „lese.treff“ mit einem Vortrag auf. Mit 166 Kleindenkmälern sind mittlerwerweile alle in Sierndorf vorhandenen Objekte vollständig erfasst worden. Die Palette der vorhandenen Marterln erstreckt sich von einem Pranger aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts über einen 1883 errichteten gemauerten Kapellenbildstock beim Dannerbründl bis hin zum Gedenkstein „100 Jahre Republik Österreich (1918–2018)“. Zu den jüngsten Zugängen im Bereich Marterl zählt ein 2025 an die Stelle neben dem Choleramarterl gesetztes altes, renoviertes Friedhofskreuz, das in Unterparschenbrunn an die Corona-Pandemie (2020–2023) erinnern soll. Seit 1998 erscheint in Sierndorf außerdem ein Marterlkalender. 

Nicht zuletzt erweisen sich viele der Materln im Land auch als fotogen. Wer beispielsweise gerne fotografiert und etwas zur Dokumentation beitragen möchte, ist aktuell dazu aufgerufen, unter dem Hashtag #kleinundflurdenkmal ein Foto von einem Marterl oder Kleindenkmal zu posten. Die schönsten Bilder werden am 9. August veröffentlicht. Zudem wird es auch im kommenden Jahr wieder die Möglichkeit geben, sich im Rahmen eines vom Fachbereich Klein- und Flurdenkmale der Volkskultur Niederösterreichs organisierten Kompaktlehrgangs (9. bis 10. April 2027) zum zertifizierten Kleindenkmalexperten ausbilden zu lassen. 

AusgabeRZ31-2026

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