Systemrisikopuffer kommt zur Unzeit

Das Wifo untersuchte die wirtschaftlichen Folgen der Erhöhung der sektoralen Aufsichtsmaßnahme für den Gewerbeimmobilienbereich.

Seit Anfang Juli 2026 müssen österreichische Banken für Gewerbeimmobilienkredite einen höheren sektoralen Systemrisikopuffer von 2 Prozent statt bisher 1 Prozent vorhalten. Mit Juli 2027 soll dieser weiter auf 3,5 Prozent steigen. Ziel der aufsichtsrechtlichen Maßnahme  ist es, Banken widerstandsfähiger gegenüber möglichen Verwerfungen am Gewerbeimmobilienmarkt zu machen. Finanzierungen gemeinnütziger Bauvereinigungen bleiben davon ausgenommen. Die wirtschaftlichen Folgen dieser regulatorischen Vorgabe untersuchte nun das Wifo in einer Studie im Auftrag des Österreichischen Raiffeisenverbandes (ÖRV). Laut Beurteilung der Wifo-Ökonomen wirkt die Maßnahme derzeit prozyklisch, ist realwirtschaftlich kostspielig und die zugrundeliegenden Risiken werden „nur unzureichend zielgenau“ adressiert.

Die Verschärfung komme in einer wirtschaftlich herausfordernden Phase, konstatiert das Wifo. Nach zwei aufeinanderfolgenden Rezessionsjahren befindet sich die heimische Volkswirtschaft auf einem fragilen Erholungskurs mit einem moderaten BIP-Wachstum. Für 2026 wird ein Plus von lediglich 0,9 Prozent und für 2027 von 1,3 Prozent erwartet. Außerdem trieb der Irankrieg in den vergangenen Monaten die Inflation in die Höhe, was die Europäische Zentralbank (EZB) im Juni 2026 zur Anhebung der Leitzinssätze veranlasste. Die Ökonomen erwarten heuer weitere Zinssteigerungen, sodass die Finanzierungskosten insgesamt weiter steigen dürften.

Dämpfende Effekte

Die nun höheren Kapitalanforderungen verteuern Kredite zusätzlich und dürften die Kreditvergabe bremsen, warnt das Wifo. Für einen Puffer in Höhe von 3,5 Prozent ergebe sich ein Zinsaufschlag für Kredite von 7 Basispunkten und daraus wiederum ein Rückgang der Bauinvestitionen um 1,1 Prozent, heißt es in der Studie. Die reale Wertschöpfung im Baugewerbe dürfte um rund 1,0 Prozent zurückgehen, die gesamtwirtschaftlichen Anlageinvestitionen um 0,9 Prozent. 

Der erhöhte Puffer betrifft zudem nicht nur Kredite für den Bau von Bürogebäuden, sondern auch für den gewerblichen Wohnbau. Insbesondere Letzterer könnte laut der Wifo-Studie in einer Zeit, in der der Stand an bewilligten Wohnbauten bereits auf historischen Tiefständen liegt, zusätzlich negativ beeinflusst werden. Auch der Mietmarkt dürfte in Mitleidenschaft gezogen werden, wie Erfahrungen aus Deutschland zeigten. So habe eine Erhöhung des jährlichen Neubauvolumens einen mietdämpfenden Effekt: Steigt das Volumen um 1,0 Prozent, geht das lokale Mietniveau um rund 0,2 Prozent zurück. Im Umkehreffekt würde eine Ausweitung des Systemrisikopuffers in einer Phase der niedrigen Baubewilligungen die Mieten nach oben treiben.

Für die Wifo-Ökonomen wären zielgerichtete Maßnahmen für einzelne Banken, die hohe Quoten notleidender Kredite (NPL) bei Gewerbeimmobilien haben, sinnvoller als ein Systemrisikopuffer für die gesamte Branche. Darüber hinaus wirke der Puffer langsam. 

FMA verteidigt Vorgehen

Anders beurteilt die Finanzmarktaufsicht (FMA) die Wirkungen des Systemrisikopuffers. Aus den bisherigen Meldedaten lassen sich weder ein Anstieg der Kreditzinsen noch ein Rückgang der Kreditvergabe infolge des bereits eingeführten Puffers ableiten. Vielmehr verlagere sich das Kreditgeschäft tendenziell zu besser kapitalisierten Instituten, die mögliche Verluste leichter verkraften könnten. Der Systemrisikopuffer wirke daher „wie ein Airbag, nicht wie ein Bremsklotz“, argumentiert die Aufsicht.

Auch den Vorwurf einer pauschalen Regulierung weist die Behörde zurück. Systemische Risiken könnten sich im Krisenfall auf den gesamten Bankensektor ausbreiten und seien daher nicht auf einzelne Institute beschränkt. Banken mit erhöhten Risiken würden darüber hinaus im Rahmen der laufenden Aufsicht gesondert überwacht und erforderlichenfalls mit zusätzlichen Maßnahmen belegt.

Nach Angaben der FMA entfallen rund 43 Prozent aller Unternehmenskredite in Österreich auf gewerbliche Immobilienfinanzierungen. Die Quote notleidender Kredite liegt in diesem Segment bei 8,3 Prozent, im gewerblichen Wohnbau bei 14 Prozent. Die Diskussion um den Systemrisikopuffer zeigt damit den Zielkonflikt zwischen Finanzmarktstabilität und Investitionsdynamik: Während die Aufsicht auf Vorsorge setzt, befürchtet das Wifo zusätzliche Belastungen für eine Branche, die sich erst langsam von der Krise erholt. apa/lov

AusgabeRZ28-2026

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