Denkmäler prägen das Bild einer jeden Stadt. Wir begegnen ihnen täglich: auf dem Weg in die Arbeit, beim Chillen im Park oder beim Shoppen auf geschäftigen Einkaufsstraßen. Und doch – oder gerade deshalb – werden viele dieser Erinnerungszeichen der Geschichte nur selten bewusst wahrgenommen. Auch wenn ein Denkmal es versteht, die Aufmerksamkeit eines Betrachters auf sich zu ziehen, heißt das noch lange nicht, dass sich einem dessen volle Bedeutung erschließt.
Blickt man auf das 20. Jahrhundert zurück, so hat allein dieses fünf verschiedene Herrschaftsformen hervorgebracht – alle haben sie danach getrachtet, im öffentlichen Raum vertreten zu sein. Manche dieser Erinnerungszeichen sind heute verschwunden, andere sind nach wie vor im Stadtbild anzutreffen. Allgemein gelten sowohl Bauwerke, die aufgrund ihrer historischen, künstlerischen oder städtebaulichen Bedeutung zu Denkmälern geworden sind, als auch bewusst gesetzte Erinnerungszeichen als Denkmäler. Letztere werden von einer bestimmten Interessengruppe zu dem Zweck errichtet, eine bestimmte Botschaft zu vermitteln. Um es mit den Worten der Kulturwissenschaftler Jan und Aleida Assmann zu sagen: „Jede Generation konstruiert selbst ihre Vergangenheit, aus der sie ihre eigene Identität schöpft und diese zu rechtfertigen versucht. Was einst als erstrebenswert galt, kann jedoch über die Jahre eine Bedeutungsänderung erfahren. Aus ehemals geehrten Persönlichkeiten werden umstrittene Figuren, die heute kritisch gesehen werden.“ Doch wie geht man mit derlei belasteten Denkmälern um?
Der Bürgermeister, der irritiert
Die Palette der Möglichkeiten reicht von der Demontage des Denkmals – sei es in Form eines „spontanen“ Denkmalsturms (die Professorin für Denkmalpflege und Baugeschichte Daniela Spiegel spricht in diesem Zusammenhang von einem Bottom-up-Ikonoklasmus) oder in einem beispielsweise aufgrund eines Machtwechsels von oben gesteuerten Akt – bis hin zur Kontextualisierung. Vor allem in Österreich setzt man dabei gerne auf diese Methode, dem fragwürdigen Denkmal eine erklärende Tafel zur Seite zu stellen.
Zu den bekanntesten Beispielen zählt der sogenannte Winkel, der in den vergangenen zehn Jahren neben dem Dr.-Karl-Lueger-Denkmal in der Wiener Innenstadt aufgestellt auf dessen bewusst eingesetzten politischen Antisemitismus hingewiesen hat. Eine Maßnahme, die für viele allerdings nicht weit genug gegangen ist, weshalb sich verschiedene Interessengruppen wiederholt für eine Entfernung des Denkmals ausgesprochen haben.
Statt den umstrittenen Wiener Ex-Bürgermeister (1897 bis 1910) in ein Museum zu verfrachten, hat man sich vonseiten der Stadt jedoch für die Umgestaltung zu einem Mahnmal ausgesprochen. Seit Juni steht die Lueger-Statue um 3,5 Grad nach rechts geneigt auf ihrem Sockel. Es ist ein Anblick, der laut dem für den Entwurf zuständigen Künstler Klemens Wihlidal nicht nur „irritiert“, sondern die „symbolische Wirkung des Denkmals grundlegend ändert“ und so dazu auffordert, sich kritisch mit der Person und der Thematik auseinanderzusetzen.


Karl Lueger gilt heute nicht nur wegen seiner antisemitischen und rassistischen Äußerungen als umstritten, sondern auch die von ihm betriebene „Vetternwirtschaft zur Sicherung männlicher Machtstrukturen“ sowie sein „schon zu Lebzeiten gepflegter überhöhter Personenkult“ haben ihn in den Fokus des Künstlers gerückt. Wihlidal hatte bereits im Jahr 2010 an einem Open Call auf der Angewandten zum Thema Umgestaltung des Lueger-Denkmals teilgenommen. 2022 hat sich eine Jury letztendlich für die Umsetzung des Entwurfes ausgesprochen.
Neben der künstlerischen Umgestaltung sei laut dem Künstler auch ein Vermittlungsprogramm von Anfang an Teil seines Konzepts gewesen. Letzteres sei gerade in Ausarbeitung. Zusätzlich hat man zur Denkmaleröffnung auch den Text der Vermittlungstafel überarbeitet. Als Kritikpunkt galt unter anderem, dass in der alten Tafel nicht auf den Bildhauer des Denkmals und langjährigen Professor an der Akademie der bildenden Künste Wien, Joseph Müllner, hingewiesen worden war.




Vom Sockel gestürzt
Müllner, der offiziell 1940 in die NSDAP eintrat, wurde unter anderem 1944 von den Nationalsozialisten in die „Gottbegnadeten“-Liste aufgenommen. Als Bildhauer zeichnete er außerdem für das „Heldendenkmal für die gefallenen Kunstakademiker“ in der Aula der Akademie der bildenden Künste – das 2025 von einer Arbeitsgruppe „weggestaltet“ und als „Leerstelle“ öffentlich enthüllt wurde – sowie den „Siegfriedskopf“ verantwortlich.
Letzterer wurde 1923 zur Ehrung der Gefallenen des Ersten Weltkrieges von der bereits von Rechtsradikalen unterwanderten „Deutschen Studentenschaft und ihren Lehrern“ für die Aula der Universität Wien beauftragt und war zum Treffpunkt bekennender Rechtsradikaler geworden. Im Jahr 2006 wurde der Kopf im Zuge von Sanierungsmaßnahmen in der Universität von seinem Sockel gestürzt und von dem österreichisch-französischen Künstlerpaar Bele Marx & Gilles Mussard in einem mit unter anderem Text von Minna Lachs versehenen Glaskubus im Arkadenhof eingebettet. Ergänzend zur Skulptur wurden in einer Informationsstation unterschiedliche Reaktionen auf das Denkmal aufgearbeitet. Als problematisch gilt vor allem die in Anspielung auf die Siegfried-Mythologie im Nibelungenlied geschaffene sogenannte „Dolchstoßlegende“ (laut der die deutsche und die k.u.k.-Armee im Ersten Weltkrieg von den Sozialisten und dem Judentum von hinten „erdolcht“ worden seien).
Eine Deutung, die sich auch in Josef Weinhebers Gedicht „Siegfried – Hagen“ wiederfindet. Dem nationalsozialistischen Dichter wurde 1975 durch die private Weinheber-Gesellschaft ein Denkmal errichtet. Das Denkmal, das sich heute in der Obhut der Stadt Wien befindet, hat im Jahr 2019 – nachdem es über die Jahre zu mehrmaligen Interventionen gekommen war – eine Umgestaltung erfahren. „Weinheber ausgehoben“ legte das verborgene Betonfundament frei und machte so nicht zuletzt den lange Zeit verdrängten, festbetonierten Umgang Österreichs mit seiner NS-belasteten Vergangenheit sichtbar. Ebenfalls in den vergangenen Jahren eine Umgestaltung erfahren hat auch das „Anschlussdenkmal“ im burgenländischen Oberschützen. Das Mahnmal gilt als weiteres Beispiel dafür, wie NS-belastetes Erbe durch Kontextualisierung und Bürgerbeteiligung nicht getilgt, sondern kritisch lesbar gemacht werden kann.








