Mit etwa einem Dutzend Nicht-Teilnahmen, mehreren letzten Plätzen, aber auch drei Siegen sowie einer im Durchschnitt im Mittelfeld liegenden Platzierung erweist sich Österreich als ein Land, das im ESC-Wettbewerb nie ganz berechenbar ist.
Legendär, oder zumindest wieder der Erinnerung wert, sind auch so manche Ankündigungen und Moderationen, zum Beispiel jene im Jahr 1971: „Jetzt geht’s also los. Und hier läuft auch schon der kleine Stimmungsfilm, der den Auftritt unseres Landes ankündigt. Zu den Bildern, die Sie hier sehen, muss ich Ihnen bestimmt nichts mehr sagen. Sie kennen das alles – Schloss Schönbrunn, eine alte Laterne und das moderne Wien. Jetzt müssen wir fest die Daumen drücken!“ Daraufhin betrat Marianne Mendt die Bühne und erreichte mit dem Lied „Musik“ Platz 16 von 18.
Ein paar Jahre später in Paris trat die Band Springtime mit „Mrs. Caroline Robinson“ an. Nachdem das Lied verklungen war, hörte man den Moderator sagen: „So, sie haben es geschafft. Und wir notieren hier sogar Bravo-Rufe aus dem Publikum für den Auftritt unserer Gruppe.“
Selbstbewusstsein hört sich freilich anders an, und irgendwie wurde man im Laufe der ESC-Geschichte den Eindruck nicht los, dass die Kulturnation Österreich nie so richtig an die Musiker des Landes glaubt, so etwa, als Österreich 1969 dem Wettbewerb in Madrid fernblieb. Formal begründete man dies mit „Mangel an geeigneten Künstlern“. Hinter dieser eigenartigen Aussage steckte allerdings ein politischer Boykott, weil Spanien damals von Diktator Franco regiert wurde.
Die ganze Welt braucht Liebe
Werfen wir einen Blick zurück auf die Anfänge des Wettbewerbs. Die Geschichte des ESC begann für Österreich desaströs, da im ersten Jahr die Anmeldefrist zur Teilnahme versäumt wurde. So konnte Österreich erst im zweiten Jahr erstmals teilnehmen, und das mit einem verkappten Country-Song im Pseudo-Big-Band-Gewand, gesungen von Bob Martin. Darin heißt es: „Wohin, kleines Pony, woll’n wir reiten?/Mein Lied wird uns beide treu begleiten/Und durch die Felder, die weiten Felder/Klingt für uns zwei, mein herippihei.“ Somit begann Österreichs Beitragsgeschichte zum ESC mit dem letzten Platz.
Nicht minder kurios ging es weiter. 1958 wurde vom ORF mit Liane Augustin eine Sängerin ausgewählt, die ein paar Jahre davor den Geschäftsmann Gabriel Kenézy ehelichte, der eigens für sie die Wiener Eden Bar kaufte. Das Lied trug den schönen Titel „Die ganze Welt braucht Liebe“ und wurde von Liane Augustin nie auf Schallplatte aufgenommen. Wenn man sich den Beitrag anhört, weiß man auch warum.
Ein weiteres Jahr später hieß der Sänger Ferry Graf. Das Lied „Der k. und k. Kalypso aus Wien“ war eine misslungene Annäherung an das Kabarett-Lied „Jedermann-Kollapso“ von Gerhard Bronner und Helmut Qualtinger. Es erreichte damit immerhin den vorletzten Platz. In den darauffolgenden Jahren bewegten sich die österreichischen Beiträge ebenfalls zwischen dem vorletzten und letzten Platz, aber man soll die Hoffnung nie aufgeben. „Vielleicht geschieht ein Wunder“ sang Carmela Corren 1963 folgerichtig für Österreich und landete damit tatsächlich im Mittelfeld.

Und dann kam Udo
Und dann, ja, dann kam Udo Jürgens, und das gleich dreimal. Seine dritte Teilnahme brachte Österreich erstmals den Gewinn des ESC. Das war vor exakt 60 Jahren. Sein „Merci, Chérie“ kennt man heute noch, das Stück zählt zu den meistverkauften Singles in Deutschland. „Warum es 100.000 Sterne gibt“ – aber nur zwei Punkte – erfährt man wiederum, wenn man sich dieses Lied anhört, das 1967 im Großen Festsaal der Wiener Hofburg von Peter Horton gesungen wurde. Nein, es wurde nicht der letzte Platz, denn der Beitrag von der Schweiz erhielt null Punkte.
Apropos: Österreich hat im Lauf der ESC-Geschichte viermal null Punkte erhalten: 1962, 1988, 1991 und 2015. Erstmals mit Eleonore Schwarz, die Österreich beim Grand Prix Eurovision de la Chanson Européenne mit dem Lied „Nur in der Wiener Luft“ vertrat, einer kruden Mischung aus Wienerlied, Operette und Koloratur-Arie, mit dem man sich dementsprechend weit in die Zeit zurückversetzt fühlte. „Backhendln, Schubert und Staatsoper“ tauchen im Text genauso auf wie „Stephansdom, Rathausmann, Sacher und Würstelmann“. Und das Wiener Lebensgefühl? „Schaut man zum Fenster ’naus, klingt es nach Johann Strauss“. Ah ja.
Nur ein Lied
Den wohl bittersten Moment in der ESC-Geschichte erlebte Österreich im Jahr 1988. Es war die Zeit der Waldheim-Affäre, und der 2017 verstorbene Sänger Wilfried trat mit seinem Song „Lisa, Mona Lisa“ an. „Das Lied finde ich nicht einmal schlecht“, erzählte er mir einmal in einem Interview, „aber es wurde de facto politisch und nicht musikalisch bewertet.“ Der letzte Platz mit null Punkten gab ihm das Gefühl, für etwas bestraft zu werden, mit dem er nicht das Geringste zu tun hatte. Für Wilfried erwies sich dieser Auftritt in Folge als ziemliche Karriere-Bremse, das Lied selbst gilt außerdem in der ESC-Community als einer der schlechtesten Beiträge in der ESC-Geschichte. Begründung: „Er schmachtete Da Vincis berühmtes Gemälde an und analysiert es dabei mit der lyrischen Finesse eines Erstklässlers vor seinem ersten Museumsbesuch.“ Autsch.
Österreichs Reaktion im Jahr darauf war „Nur ein Lied“, komponiert von Dieter Bohlen und gesungen von Thomas Forstner. Der Liedqualität wegen könnte man es auch Rache nennen. Das überraschend gute Abschneiden auf Platz fünf ließ Forstner zwei Jahre später nochmals teilnehmen. Mit „Venedig im Regen“ tänzelte er sich mit Voku-hi-la-Schnitt und funkelnder Pailletten-Robe an die letzte Stelle mit null Punkten.

Nur ein Spektakel
2014 taumelte Österreich zum zweiten Mal in die ESC-Glückseligkeit. „Das ist unglaublich. Jetzt hat sie uns den Schas gewonnen“, hieß es dazu in der ORF-Moderation zum Sieg von Conchita Wurst. So strahlend dieser Höhepunkt war, so tief folgte der Absturz im Jahr darauf, da half auch kein brennendes Klavier. Die Ernüchterung: The Makemakes erhielten für den Song „I Am Yours“ keinen Feuerlöscher, sondern null Punkte.
Und so sitzt man jedes Jahr wieder da, ein wenig skeptisch, ein wenig hoffnungsvoll, ein wenig Cosmó, ein wenig „Tanzschein“. Bleibt eigentlich nur noch die Frage nach einer Beurteilung zur Entwicklung des Song-Contests übrig. Genau diese Frage stellte ich Marianne Mendt: „Ich glaube, da gibt es keine Entwicklung. Das ist für mich so austauschbar wie damals, wie ich dort war, oder noch länger. Vielleicht gibt es ein paar gute Interpreten, aber können Sie ein Lied nachsingen? Man kann das nur als Spektakel sehen, wo viele Millionen zusehen.“








