Bei der Fecht-WM 2025 in Georgien stand es für Lilli Brugger wieder einmal Spitz auf Knopf. Im entscheidenden Gefecht der Vorrunde, das diejenige gewinnt, die zuerst 15 Treffer erreicht, stand es 14:14, Brugger landete den gewinnbringenden Treffer und setzte sich mit 15:14 durch. Das große Ziel, die Hauptrunde, war erreicht. Dort gelang ihr in der ersten Runde das nervenraubende Kunststück mit dem gleichen Ergebnis noch einmal.
Während ihr Trainer Roman Hinterseer kurz vor einem Herzinfarkt stand, blieb die Salzburger Athletin gewohnt cool. „Diese total knappen Gefechte sind mittlerweile ein kleines Markenzeichen von mir. Mir taugt dieser Nervenkitzel“, sagt sie mit Blick auf das Erreichen der Top 32 bei den Titelkämpfen in Tiflis, dem mit Abstand besten Resultat ihrer bisherigen Karriere. „Mich nerven sogar manchmal Sportarten, bei denen man zwei Punkte Vorsprung zum Gewinnen braucht. Dann doch lieber alles oder nichts.“
Nervenstärke gehört zu den unabdingbaren Voraussetzungen, um es in einer Sportart wie Fechten weit zu bringen. Und Lilli Brugger hat es mit ihren 25 Jahren schon sehr weit gebracht. Sie ist Österreichs klare Nummer 1 mit dem Florett, der leichtesten und elegantesten Waffe dieses Sports. Sie ist Stammgast bei Welt- und Europameisterschaften, vertrat Österreich schon zweimal bei der Universiade (zuletzt sogar als Fahnenträgerin) und ist auch im Nationalteam die unumstrittene Leaderfigur.
Energie aus Ärger
Es gibt aber neben ihrer Abgebrühtheit noch eine spannende Eigenschaft, die Brugger auf diesem Weg geholfen hat. Nämlich, aus negativen Erlebnissen Kraft und Motivation zu schöpfen, um auf den Erfolgsweg zurückzukehren. „Ich brauche immer einige Zeit, in der ich mich richtig ärgere“, sagt sie. „Doch dann gelingt es mir meistens, das in Energie umzuwandeln, um mich wieder voll auf das Fechten zu konzentrieren.“ Nachsatz mit einem Lachen: „Manche nennen das auch Sturheit.“
Diese Sturheit kam zum Beispiel bei der besagten WM in Georgien zum Tragen, nachdem sie kurz zuvor bei den Europameisterschaften unter ihren Erwartungen geblieben war, obwohl sie sich gut vorbereitet und in Form gefühlt hatte. Vor allem aber bemerkte man es in der Saison 2024/25, als sie insgesamt die besten Resultate ihrer Laufbahn einfuhr. Denn in der Saison zuvor scheiterte sie an ihrem großen Ziel, der Teilnahme an den Olympischen Spielen in Paris, an den Qualifikations-Ergebnissen. „Sicher die größte sportliche Enttäuschung, die ich je erlebt habe“, sagt sie. „Damit habe ich ein paar Wochen sehr gehadert, das war nicht leicht zu verdauen.“
Doch wo andere den Kopf in den Sand stecken, wird bei ihr der Ehrgeiz geweckt und sie läuft zu ihrer Top-Form auf. Und die kommenden Spiele in Los Angeles sind auch nur noch zwei Jahre entfernt und durchaus bereits Thema in ihren Planungen.
Und zwar den kurz- wie auch den langfristigen. „Bis 2028 gilt der volle Fokus dem Sport, da muss alles andere hintenanstehen“, sagt die Geschichte-Studentin an der Salzburger PLUS, die derzeit an ihrer Bachelorarbeit über das Landeskrankenhaus Salzburg schreibt. „Danach werde ich mir allerdings Gedanken machen, ob ich nochmal vier Jahre dranhänge oder etwas ganz anderes mache.“

Hohe Ziele im besten Alter
Doch das ist Zukunftsmusik, der aktuelle Blick geht derzeit Richtung Europameisterschaften in Paris im Juni und noch mehr Richtung Weltmeisterschaften im Juli in Hongkong, dem Abschluss und Höhepunkt dieser Saison. „Gerade darauf ist die Vorfreude riesig, denn Hongkong ist momentan der ganz große Hotspot fürs Fechten“, sagt die Heeressportlerin. „Wir erwarten dort die vielleicht besten Titelkämpfe aller Zeiten mit vielen Zuschauern und einer Top-Organisation.“
Und natürlich guten Ergebnissen, wobei diese Saison für Brugger durchaus ihre Tücken hatte. Erst plagte sie sich mit hartnäckigen Problemen am Sprunggelenk, dann machte ihr eine verschleppte Erkältung zu schaffen. Derzeit steht sie auf Rang 83 der Weltrangliste, was aber längst nicht das Ende der Fahnenstange bedeutet. „Ich denke, dass ich jetzt erst in mein bestes Alter komme und dann noch einiges machbar sein wird. Zumal ich auch schon besser platziert war. Daher lautet mein Ziel, es in der kommenden Saison in die Top 50 zu schaffen. Das entspricht meinen Möglichkeiten und wäre eine super Ausgangsbasis, wenn dann die Qualifikations-Turniere für Olympia beginnen.“
Eine WM ist auch deswegen immer etwas Spezielles, weil man dort nicht, wie oft im Weltcup, alleine unterwegs ist, sondern das gesamte Nationalteam um sich herum hat. Für Brugger ein wichtiger Faktor: „Es macht einen großen Unterschied, ob nur dein Trainer an der Planche steht oder ob da 20 weitere Menschen sind, die dich anfeuern. Mir taugt das voll“, sagt die Athletin vom ASKÖ Fechtclub Salzburg, der seit vielen Jahren von Raiffeisen Salzburg als Hauptsponsor unterstützt wird. Eine unabdingbare Partnerschaft in einer finanziell nicht auf Rosen gebetteten Sportart, die selten im Rampenlicht der Medien steht. „Das ist in Italien oder Frankreich ganz anders. Ich bin allerdings sehr dankbar, dass ich von meinem Verein, dem Land Salzburg und dem Bundesheer wertvolle Unterstützung bekomme.“
Ungewöhnlicher Kraftort
So sehr Brugger das Halligalli bei einem Gefecht schätzt, so sehr braucht sie auch die Ruhe, um vor einem wichtigen Wettkampf herunterzukommen und zu sich zu finden. Ihr Lieblingsplatz ist dann meistens ein Museum in dem jeweiligen Ort auf der Welt, wo das Event stattfindet. „In Museen ist es still, sie sind klimatisiert, man kann auf andere Gedanken kommen“, sagt sie. Und hat sich bereits informiert, welche Ausstellung im Juli im M+ Museum in Hongkong auf dem Programm steht. „Dort war ich jetzt schon dreimal, das ist eines meiner absoluten Lieblingsmuseen. Gott sei Dank haben die immer wechselnde Ausstellungen, damit es immer etwas anderes zu sehen gibt“, sagt sie.
Und will auch diesmal dort genügend Kraft schöpfen, um bei knappen Gefechten wieder die Klingenspitze vorn zu sein. Denn das ist ja bekanntlich eine der größten Stärken von Lilli Brugger.








