Friedhof als Oase für Tiere

Der Friedhof ist vor allem im städtischen Raum eine wichtige Naturinsel für viele Tiere und Pflanzen.

Große, oft hundert Jahre alte Friedhofsbäume bieten Höhlen für Vögel, Fledermäuse und Insekten, Hecken dienen als ­Nistplätze oder Verstecke und blühende Wiesenstreifen versorgen Wildbienen, Schmetterlinge und andere Insekten mit Nahrung. Doch nicht nur Tiere finden auf dem Friedhof einen ungestörten Lebensraum – auch diverse Pflanzen siedeln sich dort an, wo geschäftiges Treiben zur Ausnahme gehört und Ruhe den Tag bestimmt: Moose und Flechten wachsen auf alten Oberflächen, wie Grabsteinen und Mauern, und Wildpflanzen fühlen sich in kleinen Fugen wohl. 

Auf vielen Friedhöfen haben sich über Jahrzehnte, teils sogar Jahrhunderte hinweg, wertvolle Strukturen entwickelt, die im urbanen Raum Seltenheitswert haben. Es gibt wenig betretene Flächen, von Menschen kaum genützte Wiesenbereiche oder liegengelassenes Totholz. Von all diesen Faktoren profitieren Arten, die in den meist intensiv genutzten Siedlungsräumen keine geeigneten Rückzugsorte mehr finden.

Forschung auf dem Friedhof

Wie vielfältig Friedhöfe tatsächlich sind, wird derzeit auch wissenschaftlich untersucht: Der Naturschutzbund Österreich arbeitet hier mit dem Citizen-Science-Projekt der Universität für Bodenkultur „Biodiversität am Friedhof“ zusammen. Dieses nimmt die Tier- und Pflanzenwelt österreichischer Friedhöfe genauer unter die Lupe, dokumentiert alle vorkommenden Arten und sammelt relevante Daten.

Ziel dieser Kooperation ist es herauszufinden, welche Tiere und Pflanzen Friedhöfe nutzen und welche Strukturen für diese besonders wichtig sind. Nicht zuletzt dient das Forschungsprojekt dazu, besser zu verstehen, wie Friedhöfe gepflegt werden können, sodass sie ihrer Funktion als Orte des Gedenkens gerecht werden und gleichzeitig wertvolle Lebensräume für unsere Tier- und Pflanzenwelt bleiben.

Für die Artenvielfalt

Angefangen bei der Grabgestaltung lässt sich einiges für die Artenvielfalt tun. Heimische nektarreiche Pflanzen bieten Insekten Nahrung, aber auch Nistplätze – während kleine offene Bodenstellen oder bewusst belassene Pflanzenteile zusätzliche Strukturen schaffen. Auf torfhaltige Erde und den Einsatz von Pestiziden sollte man möglichst verzichten. Auch eine abwechslungsreiche, saisonale Bepflanzung ist für viele Tiere wertvoller als dauerhaft versiegelte oder rein dekorativ gestaltete Flächen. 

Der Wiener Zentralfriedhof ist dank seiner Vielfältigkeit, des alten Baumbestandes und der großen Freiflächen ein Paradies für verschiedenste Tiere. Wer dort mit offenen Augen spazieren geht, kann von Eichkätzchen und Feldhamster über Waldkauz und Reh bis zum Dachs eine breite Palette an tierischen Bewohnern beobachten. Im Winter unterstützen die Wiener Friedhöfe etwa den Igel durch belassene Laub- und Asthaufen, die dieser als Überwinterungsquartier nutzt. So lässt sich ein Platz des Erinnerns an einen geliebten Menschen zugleich in einen Ort verwandeln, der einer Vielfalt an Pflanzen und Tieren als Refugium dient. red/mit

AusgabeRZ44-2026

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