„Die Königsdisziplin der Schülerfirmen“

In Österreich wurden die ersten Schülergenossenschaften gegründet. Das Bildungsministerium freut sich, diese „Rechtsform der Zukunft“ schon in der Ausbildung zu unterstützen, betont Bundesminister Heinz Faßmann.

Bundesminister Heinz Faßmann im Gespräch über Schülergenossenschaften
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Warum unterstützt und ermöglicht das Bildungsministerium das Pilotprojekt „Genossenschaft macht Schule“?
Heinz Faßmann: Praxisorientierung hat vor allem in der Berufsbildung eine herausragende Bedeutung, aber auch im Bereich der allgemeinbildenden Schule spielt sie zunehmend eine größere Rolle. Praxisorientierung kann durch praxisorientierten Unterricht, durch Fallstudien, Praxissimulationen oder Ähnliches erreicht werden. Eine besonders effektive Möglichkeit Praxis zu erleben und einen entsprechend Kompetenzerwerb zu erzielen, stellen aber die Schülerfirmen dar. Bisher gab es in Österreich rund 850 Übungsfirmen und 350 Junior Companies. Dazu kommt jetzt mit den Schülergenossenschaften eine neue Form der Schülerfirmen, die ich gerne als Königsdisziplin bezeichnen würde. Seit 23. Juni 2021 gibt es in Österreich die erste offiziell gegründete Schülergenossenschaft. Das Bildungsministerium freut sich sehr, diese „Rechtsform der Zukunft“ schon in der Ausbildung zu unterstützen. 

Warum Königsdisziplin?
Faßmann: In den Schülergenossenschaften wird auf viele wichtige Aspekte, die in der Ausbildung bedeutsam sind, Bedacht genommen, wie etwa auf nachhaltiges Wirtschaften in der Region, Finanzbildung, die vier Ks der 21st Century Skills – Kritisches Denken, Kreativität, Kooperation und Kommunikation – und auf effektives Projektmanagement. Ein wesentliches Merkmal dieser Genossenschaften ist die enge Kooperation mit regionalen Partnergenossenschaften, welche nicht nur als Inputgeber in Form von Workshops und Exkursionen mitwirken, sondern auch im Aufsichtsrat der Schülergenossenschaft vertreten sind und im täglichen Geschäftsbetrieb mit Rat und Tat zur Seite stehen. Die gängige Praxis wird so gelebte Realität in der Schule.

Finanzbildung an Schulen auszubauen, ist ein klar formulierter Punkt im Regierungsabkommen 2020–2024. Ist davon schon etwas zu merken? 
Faßmann: Mein Haus engagiert sich in Bildung und Ausbildung intensiv und effektiv am Aufbau von Finanz- und Wirtschaftsbildung. Financial Literacy als Teilbereich des Grundsatzerlasses Wirtschafts- und Verbraucherbildung vom Juni 2015 ist bereits jetzt in allen Schulstufen aller Schularten verankert. In der Sekundarstufe II ist Wirtschafts- und Verbraucherbildung zudem als Unterrichts­prinzip in den Lehrplänen der berufsbildenden Schulen, insbesondere der kaufmännischen Schulen, verankert. Die Wirtschafts- und Verbraucherbildung ist in allen Lehrplänen der Berufsbildung mit konkreten Kompetenzbeschreibungen verankert. Zudem unterstützt das Bildungsministerium zahlreiche Wettbewerbe zum Thema Finanzbildung, wie etwa die „Schulbanker“, KARDEA und viele mehr. Aufgrund der zunehmend hohen Bedeutung von Wirtschafts- und Finanzbildung erfährt diese Thematik auch in den neuen Lehrplänen der Primarstufe und der Sekundarstufe I eine weitere beträchtliche Aufwertung.

Wo könnte noch mehr gemacht werden?
Faßmann: Wirtschafts- und Verbraucherbildung wird als übergreifendes Thema künftig besonderes Gewicht in den neuen Lehrplänen der Primar- und der Sekundarstufe I erhalten. Auch im übergreifenden Thema Entrepreneurship Education wird unter anderem der Aufbau von Finanzkompetenz gefördert werden. Weiter ist hier auch zu erwähnen, dass Wirtschafts- und Verbraucherbildung verbindlich in den verschiedenen kompetenz­­­orientierten Fachlehrplänen mit konkreten Kompetenzbeschreibungen verankert ist. Der Themenkomplex wird also altersangepasst in den verschiedenen Schulstufen behandelt werden, das ist für mich ein Schritt in die richtige Richtung.

Welchen Stellenwert haben dabei praxisbezogene Übungsfirmen und welche Rolle können Schülergenossenschaften in der Finanzbildung einnehmen?
Faßmann: In den Übungsfirmen, die fixer Bestandteil in den Lehrplänen der kaufmännischen Schulen und weiterer BBS sind, wird Praxis simuliert, das heißt, es werden alle Abläufe – auch im Bereich der Finanzierung – möglichst praxisnah umgesetzt. Die Schüler lernen dabei auch das „Handling“ mit Onlinebanking, Finanzonline und vieles mehr. Schülergenossenschaften wiederum können im Rahmen einer unverbindlichen Übung gegründet werden. Es wurde dazu ein eigener Lehrplan erstellt. Schüler betreiben hierbei zu Lernzwecken Genossenschaften, welche eine reale Geschäftstätigkeit innerhalb eines definierten Rahmens ausüben. Die Ausgestaltung der Genossenschaft ist dabei der Realität größtmöglich nachempfunden, die gesetzlich vorgeschriebenen Organe sowie die Prüfung durch einen Genossenschaftsverband sind obligatorisch. Die Genossenschaften können auch klassenübergreifend geführt werden und sind in ihrer Dauer im Regelfall auf mehrere Unterrichtsjahre angelegt. Dieses Betreiben des Echtgeschäftes unter Anleitung ermöglich es, die Finanzbildung am Modell der Praxis zu erleben. Ich halte das für eine hervorragende und gewinnbringende Erneuerung.

Eine effektive Finanzbildung ohne eine Einbeziehung der Wirtschaft ist für mich nur schwer vorstellbar.“

Heinz Faßmann

Ein OECD-Bericht attestiert Österreich, dass in den höchsten Regierungsebenen die Bedeutung von Finanzwissen angekommen ist und auch, dass es eine große Anzahl an Finanzbildungs-Initiativen und -Angeboten gibt. Aber: „Die Bereitstellung von Finanzbildungsangeboten erfolgt unkoordiniert“, so das Urteil. Sehen Sie das auch so?
Faßmann: Ich möchte kurz anmerken, dass Österreich in der OECD-Studie (2016) im Bereich der Finanzbildung gar nicht so schlecht abschneidet: Finanzwissen Platz sieben von 30, Finanzverhalten Platz sechs von 30 und Einstellungen zum Geld Platz acht von 30. Aber ja, man kann immer etwas verbessern und genau das tun wir ja auch.

Seit Mai 2020 läuft beim Finanzministerium ein Projekt zur Erarbeitung einer nationalen Finanzbildungsstrategie für Österreich. Wie eng wird hier zusammengearbeitet?
Faßmann: Mein Haus ist in der Arbeitsgruppe zur nationalen Finanzbildungsstrategie sehr gut eingebunden und nimmt regelmäßig an den Arbeitsgruppensitzungen teil. Das ­Bildungsministerium ist auch Mitglied im Executive Board und im Steering Board des Stakeholder Council. Beim OECD-Workshop zur Nationalen Finanzbildungsstrategie des Finanzministerium hatte das BMBWF die Leitung zu den Themen: Formale Bildung: Schulen; Lehreraus- und -fortbildung; Lehrplanentwicklung. Insofern würde ich hier schon von einer sehr engen Zusammenarbeit sprechen, auch was die internationale Ebene betrifft.

Für wie wichtig halten Sie generell die Einbeziehung der Wirtschaft und des privaten Sektors beim Thema Finanzbildung? 
Faßmann: Eine effektive Finanzbildung ohne eine Einbeziehung der Wirtschaft ist für mich nur schwer vorstellbar. Finanzbildung ist ein Teilbereich der Wirtschaft und so auch der Wirtschaftsbildung. Selbstverständlich geht es um ein umfassendes Bild, weshalb wir ja auch den großen Bogen spannen und von Wirtschafts- und Verbraucherbildung sprechen und nicht von reiner Finanzbildung.