Die 27. Generalversammlung der Milchgenossenschaft NÖ (MGN) stand im Zeichen eines markanten Gegensatzes: Während das vergangene Jahr 2025 noch äußerst positiv ausfiel, hat sich die Stimmung in der Milchwirtschaft zuletzt deutlich getrübt. Vor allem steigende Kosten, ein stark gefallener Milchpreis und die angespannte weltpolitische Lage belasten aktuell die bäuerlichen Betriebe.
Obmann Martin Steiner erinnerte an die angespannte Lage, mit der die Milchbauern zu Beginn des vergangenen Jahres aufgrund der Blauzungenkrankheit sowie der Maul- und Klauenseuche (MKS) noch konfrontiert waren. Schlussendlich sei aber alles gut gegangen: „Wir haben ein außergewöhnlich gutes Jahr hinter uns gelassen“, so Steiner.
Das zeigt vor allem die Entwicklung der Milchanlieferung, wo man „einen gewaltigen Schritt“ gemacht habe. 456.267.317 kg wurden angeliefert, ein Plus von 4,01 Prozent zum Jahr 2024. „Ein Wachstum von 18 Millionen war noch nie da in der Geschichte der Milchgenossenschaft“, betonte Steiner. Weil dennoch zugleich die Anzahl der Lieferanten von 2.205 auf 2.153 (-2,36 Prozent) zurückging, stieg die durchschnittliche Anlieferung um rund 13.000 kg auf 211.922 kg. „Wir sind hier in Österreich an der Spitze mit der Liefermenge pro Betrieb“, so der Obmann. Ähnlich sieht das Wachstum bei Biomilch aus. Die angelieferte Menge stieg auf 55.770.587 kg (+4,78 Prozent).
„Können nicht mehr kostendeckend produzieren“
Umso ernster blickte Steiner auf die aktuelle Entwicklung, insbesondere auf den Bauernmilchpreis. Lag dieser im November 2025 noch bei 56 Cent, so liege man aktuell bei nur mehr 44 Cent. „Heute sind wir so weit, dass wir nicht mehr kostendeckend produzieren“, warnte Steiner.
Zusätzlich verschärft werde die Lage durch die Inflation, die weltpolitische Lage mit dem Krieg im Iran und deren Auswirkungen auf Betriebsmittel und Energie. Steiner verwies auf höhere Preise bei Eisen, Diesel und Dünger, wodurch die Bauern weiter unter Zugzwang gerieten: „Wir leben momentan auf Kosten der Abschreibung.“ Kritik übte er auch an Schleuderpreisen im Handel: Diese seien den Bauern nicht mehr vermittelbar, weil hinter jedem Liter Milch viel Herzblut und tägliche Arbeit im Stall stecke. Sollte diese Entwicklung anhalten, werde man über weitere Maßnahmen nachdenken müssen.

Angesichts dieser Herausforderungen stellte Geschäftsführer Leopold Gruber-Doberer die Genossenschaft als Konstante in den Mittelpunkt. Gerade in schwierigen Phasen habe sich gezeigt, wie entscheidend Zusammenhalt sei. Rückblickend sei es keineswegs selbstverständlich, dass die MGN heute in dieser Form bestehe, hätte man in der Vergangenheit dem Druck einzelner Gruppen nachgegeben oder nur auf kurzfristige Stimmungen reagiert.
Es sei von großer Bedeutung, dass man gemeinsam mit der Raiffeisen-Holding NÖ-Wien mit am Steuersitz der NÖM sitze und das Unternehmen mitsteuern könne – auch in schwierigen Zeiten. Für die bäuerlichen Betriebe sei es selbstverständlich, dass alle zwei Tage der Tankwagen komme – unabhängig davon, ob die Milch aktuell am Markt benötigt wird oder nicht. Dieses System funktioniere nur mit einem leistungsfähigen Verarbeitungsunternehmen im Hintergrund. „Das funktioniert nur in einer Genossenschaft mit einem Verarbeitungsunternehmen, das auch in der Lage ist, daraus bestmöglich Wertschöpfung zu generieren“, sagte Gruber-Doberer mit Blick auf die NÖM.
Export verringert Preisdruck im Inland
Auch ihm bereite die Ertragssituation der heimischen Milchwirtschaft Sorgen, oftmals mangle es am Bewusstsein für den Wert der erzeugten Milchprodukte. So sei der Butterpreis von 1,49 Euro im Jahr 2008 auf aktuell 1,29 Euro gefallen – ein Rückgang von 13 Prozent. „Im gleichen Zeitraum ist das Schachterl Zigaretten um 84 Prozent teurer geworden, das kratzt aber keinen Hund“, kritisierte Gruber-Doberer. Umso wichtiger sei angesichts der Preise am heimischen Markt der Export: „Jeder Liter Milch, den wir exportieren können, verhindert größeren Druck im Inland.“
Mit der Initiative „MGN Newcomer:in“ versucht die Genossenschaft gezielt, junge Bäuerinnen und Bauern zu gewinnen und die Nachfolge im Funktionärsbereich zu sichern. Dabei machte Gruber-Doberer mit Augenzwinkern deutlich, welche Anforderungen damit verbunden sind: „Funktionär in der Milchwirtschaft zu sein, heißt, masochistische Züge zu haben.“
Einen Blick über die Genossenschaft hinaus warf schließlich NÖM-Vorstand Alfred Berger. Er erklärte, dass sich das Unternehmen strategisch weg vom reinen Molkereibetrieb hin zu einem „Problemlösungsanbieter für Ernährungsspezialitäten“ entwickle. Wachstum sieht Berger vor allem im Export, der angesichts eines gesättigten Heimmarktes unverzichtbar sei. Gleichzeitig verwies er auf die zunehmende Bedeutung von Produkten mit höherer Wertschöpfung, etwa im Proteinbereich oder in der medizinischen Ernährung. Klassische Trinkmilch bezeichnete er hingegen als wirtschaftlich kaum attraktiv: Sie sei mittlerweile „ein teures Hobby“. Künftig werde es daher entscheidend sein, sich stärker zu spezialisieren, neue Märkte zu erschließen und Konsumtrends – etwa über digitale Kanäle – gezielt zu nutzen.








