Eine beispiellose Hitzewelle, schwüle Tropennächte und ein neuer österreichischer Allzeit-Temperaturrekord von 41,2 Grad in Bad Deutsch-Altenburg (NÖ) als negativer Höhepunkt der enormen Plusgrade – seit Wochen leidet ganz Österreich unter den heißen Temperaturen. Das Extremwetter setzt dabei nicht nur dem menschlichen Kreislauf zu, sondern hat auch weitreichende Auswirkungen auf die Landwirtschaft: Die anhaltende Hitze gepaart mit ausbleibenden Niederschlägen lassen Österreichs Felder vertrocknen.
Die Hagelversicherung spricht angesichts der Rekord-Dürreschäden von einer „historischen Dürrekatastrophe“ und beziffert den bisherigen Schaden mit 1 Milliarde Euro. „Wir haben ein Niederschlagsdefizit wie noch nie, wir haben Hitzetage wie noch nie und wir haben Rekordtemperaturen wie noch nie“, erklärt Kurt Weinberger, Vorstandsvorsitzender der Hagelversicherung, zur aktuellen Schadensbilanz.
Die Zahlen untermauern das düstere Bild: In manchen Regionen fiel seit dem 15. Juni um mehr als 75 Prozent weniger Niederschlag als im 10-jährigen Niederschlagsmittel (2016–2025). Besonders betroffen sind Wien, Niederösterreich und das Burgenland, wo seit 23. Februar ein nahezu durchgehendes Niederschlagsdefizit herrscht. Das sei die niederschlagsärmste vergleichbare Periode seit zumindest 1961, heißt es von GeoSphere Austria. Bis zum Stichtag 10. August wurden in Wien heuer zudem bereits 42 Hitzetage mit Temperaturen über 30 Grad gemessen. „Im Vergleich dazu hatten wir in den 80er-Jahren neun solcher Hitzetage“, sagte Weinberger.

Von Grünland bis Getreide
Von der Dürre betroffen sind das gesamte Bundesgebiet und sämtliche Kulturen, insbesondere Grünland, Mais, Kartoffeln, Zuckerrüben, Kürbisse und Soja, aber auch regional Getreide. Der Ertragsausfall ist laut aktueller Schätzung der Hagelversicherung erheblich: 45 Prozent bei Grünland, 25 Prozent bei Mais, Soja und Kürbis sowie 15 Prozent bei Getreide. In Summe liege der durchschnittliche Ertragsausfall hochgerechnet bei 30 Prozent. Der Produktionswert dieser Kulturen betrage in Jahren ohne Dürre 3,2 Mrd. Euro. Allerdings: „Halten die hohen Temperaturen bis Ende August an und bleiben die Niederschläge weiterhin aus, dann wird sich das Schadensausmaß nochmals deutlich erhöhen“, warnt Weinberger.
Hinter den Durchschnittswerten verbergen sich aber große Unterschiede zwischen einzelnen Betrieben. Je nach Standort und Kultur reichen die Ertragsausfälle laut Weinberger von 20 Prozent Verlust bis hin zum Totalausfall der Ernte. Die Dimension des heurigen Schadens verdeutlichte Weinberger mit einem Vergleich: In den vergangenen zehn Jahren hätten sich die Schäden in der Landwirtschaft insgesamt auf rund 2 Mrd. Euro summiert. Heuer wurde bereits am 10. August 1 Mrd. Euro erreicht.
Immerhin: 80 Prozent der Ackerflächen und 40 Prozent der Grünlandflächen sind laut Hagelversicherung gegen das Risiko Dürre versichert. „Die versicherten Betriebe haben somit einen Rechtsanspruch auf eine Entschädigung“, sagt der Hagelversicherung-Chef und betont, dass man mitten in der Schadenserhebung sei und rasch auszahle: „Wir sind ein verlässlicher Partner.“ Nach aktuellem Stand rechnet die Hagelversicherung mit einem Leistungsvolumen von rund 400 Mio. Euro. Dem steht ein Prämienvolumen aus der Dürreversicherung von rund 100 Mio. Euro gegenüber. Abgesichert seien die Leistungen durch die Zusammenarbeit mit weltweit 36 Rückversicherern, die auch bei außergewöhnlich hohen Schadenssummen die nötige Risikostreuung gewährleiste.

Klarer Einfluss des Menschen
Zu den Dürreschäden von 1 Mrd. Euro kommen weitere 80 Mio. Euro durch Frost, Hagel, Sturm und Überschwemmung hinzu. In Summe führe der menschengemachte Klimawandel zu einer Zunahme der Schäden, hält Weinberger fest. Dass sich die Erde erwärmt und der Mensch dafür verantwortlich ist, steht auch für Anders Levermann außer Zweifel. Die Wirkung von Kohlendioxid, Methan und Lachgas in der Atmosphäre beruhe auf seit Langem bekannten physikalischen Gesetzmäßigkeiten, betont der Leiter der Abteilung Komplexitätsforschung am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Der Klimawandel stelle die Gesellschaft vor zwei Aufgaben: „Wir müssen das Nicht-Managebare verhindern und das, was wir schon verursacht haben, managen.“ Es gehe also einerseits darum, die weitere Erderwärmung durch den Ausstieg aus fossilen Energieträgern zu begrenzen, und andererseits darum, Landwirtschaft, Wirtschaft und Gesellschaft an jene Veränderungen anzupassen, die bereits nicht mehr zu verhindern sind.
„Die volkswirtschaftlichen Kosten des Nichthandelns sind enorm, sie übersteigen die Kosten einer konsequenten Transformation deutlich.“
Klimaforscher Anders Levermann
Für die Landwirtschaft besonders entscheidend ist, was die Erwärmung mit dem Wasserhaushalt macht. Eine wärmere Atmosphäre kann mehr Wasserdampf aufnehmen und speichern. Das begünstigt einerseits heftige Niederschläge, weil bei entsprechenden Wetterlagen größere Wassermengen auf einmal freigesetzt werden können. Andererseits verschärft derselbe physikalische Effekt Trockenperioden. Die wärmere Luft entwickle einen regelrechten „Wasserdampfhunger“ und „saugt damit den Boden trocken“, erklärt Levermann. Dass in einem sich erwärmenden Klima sowohl Dürren als auch Starkregen und Überschwemmungen häufiger auftreten, sei daher kein Widerspruch.
Da ein Großteil des landwirtschaftlichen Ertrags unmittelbar vom Wetter abhängt, sieht Weinberger viele bäuerliche Betriebe durch den Klimawandel massiv gefährdet. In diesem Zusammenhang verwies er auch auf die psychische Belastung aufgrund ständiger Existenzsorgen. Ein Beispiel dafür sind Folgewirkungen der Dürre, die von der Versicherung nicht abgedeckt werden können. Weinberger berichtete von Rinderhaltern, die wegen der fehlenden Futtergrundlage Tiere vorzeitig zum Schlachthof bringen mussten. Die Entscheidung bedeute für die Betroffenen nicht nur eine enorme psychische Belastung, sondern könne auch zur wirtschaftlichen Katastrophe werden.
Selbstversorgungsgrad sinkt
Neben den unmittelbaren Schäden und Einbußen könnte die aktuelle Dürrephase auch den Selbstversorgungsgrad bei heimischen Lebensmitteln schwächen und zu mehr Abhängigkeit von Importen führen. Bereits jetzt kann Österreich seinen Bedarf in mehreren zentralen Bereichen nicht mehr aus eigener Produktion decken. Beim Getreide liegt der Selbstversorgungsgrad laut Hagelversicherung bei 87 Prozent, bei Mais bei 83 Prozent und bei Kartoffeln bei 78 Prozent. Noch geringer fällt er bei Gemüse mit 55 Prozent und bei pflanzlichen Ölen mit lediglich 26 Prozent aus. Lebensmittelversorgung sei ein Sicherheitsthema, so Weinberger, denn: „Ein Land mit immer weniger Selbstversorgungsgrad ist letztlich ein sehr verletzbares Land.“ Zudem könnten Wetterextreme auch Produktionsregionen in anderen Ländern treffen.
Kritik übt Weinberger einmal mehr am hohen Bodenverbrauch in Österreich, der die Auswirkungen des Klimawandels noch verschlimmere. Durch Verbauung nehme man sich selbst Wasser- und CO2-Speicher weg. Gehen Äcker und Wiesen verloren, fehlen sie zudem dauerhaft für die Produktion von Lebensmitteln. Klimaschutz müsse in Österreich mehr Bedeutung bekommen, so Weinbergers Wunsch, der ein Umdenken fordert: „Wir müssen uns vom alten Denken verabschieden, dass wir den Wohlstand einer Gesellschaft ausschließlich am Wirtschaftswachstum ausrichten.“

Umdenken gefordert
Auch für Levermann steht fest, dass man als Gesellschaft jetzt handeln müsse und nicht erst, wenn weitere Kipppunkte überschritten sind. Bei einigen kritischen Schwellen des Klimasystems sei dies bereits geschehen. Die dadurch ausgelösten Prozesse führten nicht zwangsläufig zu einem sofortigen Kollaps, könnten sich aber über Jahrzehnte entfalten und über Generationen hinweg für zunehmende Instabilität sorgen. Zugleich würden Wetterextreme wie Hitzewellen mit fortschreitender Erderwärmung häufiger und intensiver. „Die volkswirtschaftlichen Kosten des Nichthandelns sind enorm, sie übersteigen die Kosten einer konsequenten Transformation deutlich“, warnt Levermann.
Dass sich die Risikolage bereits grundlegend verändert hat, zeigt auch der Blick zurück: Große Dürreschäden, die früher etwa alle zehn Jahre auftraten, verzeichnet die Hagelversicherung mittlerweile im Abstand von zwei bis drei Jahren. Der heurige Rekord könnte daher weniger ein einmaliger Ausreißer als ein Vorzeichen dafür sein, worauf sich die Landwirtschaft einstellen muss. Die vertrockneten Felder dieses Sommers machen sichtbar, was das konkret bedeutet.








