Zertifikate: „Der Vertrauensaufbau ist uns gelungen“

Heike Arbter hat das Zertifikate Forum Austria mitgegründet und prägt seit Jahren auch den europäischen Branchenverband EUSIPA. Im Gespräch blickt sie auf zwei Jahrzehnte Marktentwicklung zurück.

Frau Arbter, wenn Sie auf 20 Jahre zurückblicken: Was hat sich im österreichischen Zertifikatemarkt am stärksten verändert?
Heike Arbter: Der österreichische Zertifikatemarkt ist stark gewachsen, derzeit stehen wir bei einem von Privatanlegern investierten Volumen von rund 18 Mrd. Euro. Damit ist Österreich bezogen auf die Einwohnerzahl und die Wirtschaftsleistung nach der Schweiz der zweitgrößte Zertifikatemarkt in Europa. Getragen wurde dieses Wachstum durch den Fokus auf leicht verständliche und sicherheitsorientierte Auszahlungsprofile, was Zertifikate für ein großes Anlegerpublikum interessant macht. 

Warum war die Gründung des Zertifikate Forums Austria notwendig? 
Arbter: Zertifikate waren am österreichischen Markt – wie auch überall in Europa – ein neuartiges Geldanlageprodukt. Durch die Gründung des Zertifikate Forums Austria im Jahr 2006 schufen wir eine einheitliche Produktklassifizierung, einheitliche Begriffe und einen transparenten Markt. Das waren erforderliche Maßnahmen, um in Folge durch intensive Kommunikation Verständnis und Vertrauen zu erzeugen. So konnten wir Privatanleger langfristig von den Vorteilen und vielfältigen Einsatzmöglichkeiten der Zertifikate überzeugen.

In Ihre Zeit als ZFA- und EUSIPA-Funktionärin fielen die Finanzkrise, neue Regulierungen, die Niedrigzinsphase und zuletzt geopolitische Verwerfungen. Welche Phase war für die Zertifikatebranche die größte Herausforderung – und warum?
Arbter: Marktkrisen gibt es immer, damit müssen die Finanzindustrie und die Anleger leben. Die größte Herausforderung stellen die ständig neuen Regulierungsmaßnahmen dar, die den Emittenten viel Arbeit und auch beträchtlichen Mitteleinsatz abverlangen. Manchmal stellen die Vorschläge der Regulierungsbehörden auch ein „Zuviel des Guten“ dar und in langwierigen Gesprächen und Verhandlungen auf europäischer Ebene müssen dann Regularien an die reale Umsetzbarkeit angepasst werden. Mit der Finanzmarktaufsicht in Österreich haben wir ein gutes Einvernehmen.

Seit zehn Jahren stehen Sie an der Spitze der EUSIPA. Wie unterscheidet sich der österreichische Markt von anderen europäischen Zertifikatemärkten, und was kann Österreich von Europa lernen – oder umgekehrt?
Arbter: Der österreichische Markt ist eher konservativ und wird von Kapitalschutzprodukten dominiert. Ein ähnliches Bild sehen wir in Deutschland. In anderen Ländern wie beispielsweise Skandinavien sind risikoreichere Produkte wie zum Beispiel Hebel-Zertifikate signifikant stärker nachgefragt. In Frankreich und Spanien sind Zertifikate oft in Versicherungsprodukten eingebettet. Sie sehen: Der europäische Markt ist also sehr divers und man kann die Märkte nicht eins zu eins vergleichen. Für mich ist das auch ein Zeichen, wie flexible Zertifikate einsetzbar sind und an die Bedürfnisse der lokalen Anleger angepasst werden können. Daher sehen wir auch in ganz Europa ein deutliches Wachstum des in Zertifikaten investierten Volumens.
Eine weitere Produktkategorie, die in Österreich besonders stark nachgefragt ist, sind Bonus-Zertifikate – und zwar jene mit hohem ­Teilschutz gegen Kursverluste von großen Aktienindizes. Eine seit Jahren konsequente ­Produktstrategie, kombiniert mit klarer Kommunikation und guten Renditen für Anleger, macht Bonus-Zertifikate zu einem Dauerbrenner. Dadurch ist es uns gelungen, mehr Anleger an den Kapitalmarkt heranzuführen und eine in Europa einzigartige Produktserie zu schaffen.

Zertifikate gelten oft als komplexe Anlageprodukte. Was muss die Branche tun, um das Vertrauen der Anleger weiter zu stärken und Finanzbildung nachhaltig zu fördern?
Arbter: Die Zertifikatebranche hat erkannt, dass es darum geht, die Wünsch der Anleger konsequent in den Mittelpunkt zu stellen und mit Kapitalmarktexpertise zu verbinden. Mittlerweile sind die gängigen Auszahlungsprofile sehr einfach und rasch erklärt. Alle wichtigen Zertifikate-Emittenten stellen öffentlich umfangreiche Informationsmaterialen und Services bereit – das alles schafft Vertrauen. Darüber hinaus machten wir die Beobachtung, dass Privatanleger, die Erfolg mit Zertifikaten hatten, stets neuerlich investierten. Also ist uns der Vertrauensaufbau gelungen und wir sehen das auch an dem Umstand, dass die Zahl der Anleger in Österreich, die Zertifikate besitzen, laut Schätzungen bei rund 700.000 Personen liegt und kontinuierlich größer wird.

Wo liegen die aktuellen Schwerpunkte des ZFA?
Arbter: Das ZFA ergänzt seit Jahresanfang seine Marktstatistik um Risikoindikatoren. Damit wird erstmals transparent ausgewiesen, welchen Risikoklassen Zertifikate zugeordnet sind. Der Gesamtmarkt weist auf einer europaweit standardisierten siebenteiligen Skala einen Wert von rund 2,6 aus, während Indizes und Aktien in der Regel zwischen 4 und 6 liegen – also signifikant mehr Risiko aufweisen. Das zeigt, dass heimische Anleger Zertifikate in der Regel dazu einsetzen, um Risiken im eigenen Portfolio zu reduzieren. Wir widerlegen damit auch eindrucksvoll das Vorurteil, dass Zertifikate nur etwas für „Zocker“ sind. Im Gegenteil, mit Zertifikaten können wir Wertpapier-Einsteiger und konservativere Anleger besonders gut ansprechen.

Welche Chancen sehen Sie künftig für die Zertifikatebranche – Stichwort Kapitalmarktunion?
Arbter: Die europäische Kapitalmarktunion ist ein wichtiges Projekt und hat das Ziel, dass mehr Privatanleger ihr Geld an den Kapitalmärkten investieren. Es geht einerseits um stärkere Vorsorge und andererseits darum, unseren Unternehmen Kapital für Wachstum und Innovationen zur Verfügung stellen zu können. Da die meisten Sparer und Anleger langfristig veranlagen und Verluste möglichst vermeiden wollen, sehe ich für Zertifikate enormes Potenzial. Kaum ein anderes Anlageprodukt entspricht den klassischen Anforderungen Ertrag-Liquidität-Sicherheit so sehr wie Zertifikate.

AusgabeRZ25-2026

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