Klimawandel: „Nicht-Handeln ist die teuerste Option“

EY will die Kosten des Klimawandels auf Wirtschaft und Gesellschaft veranschaulichen – dabei setzt das Beratungsunternehmen auf das aufrüttelnde Videoformat „Four Futures“.

Wir schreiben das Jahr 2055. Die Welt, wie wir sie kennen, gibt es nicht mehr. Extreme Wetterereignisse haben nicht nur Millionen von Menschenleben gefordert, sondern zum Zusammenbruch von Handelsketten, Infrastruktur und Gesellschaft geführt. Wirtschaft und Finanzsystem bröckeln, Unternehmen verschwinden, dazu kommen Pandemien, Massenmigration und soziale Unruhen. Kooperation zum Klimaschutz? Längst aufgegeben.

Das Horrorszenario ist nicht neu, Wissenschaftler und Klimaschützer zeichnen in ihren Appellen für mehr Klimaschutzmaßnahmen immer wieder ein düsteres Bild – das für viele Menschen jedoch nicht greifbar in ferner Zukunft liegt. EY Denkstatt versucht, das zu ändern: Mit dem immersiven Format „Four Futures“ will das Beratungsunternehmen vor Augen führen, wie massiv heutige Entscheidungen die wirtschaftliche und gesellschaftliche Realität in der Zukunft prägen. Der Hebel dabei: Nicht nur reine Zahlen – sondern Emotionen. 

Emotionen statt Excel-Sheets

„Ich glaube nicht an den Homo oeconomi­cus“, sagt Christian Plas, Leiter des EY-Bereichs Sustainability. „Entscheidungen, die in Unternehmen getroffen werden, sind nicht immer rational.“ Man könne den Menschen „hundertausende Excel-Sheets und PowerPoints“ zeigen, müsse sie aber „im Bauch“ – also emotional – erwischen, bevor man über Fakten reden könne.

Tatsächlich macht es etwas mit einem, negative Prognosen nicht einfach nur zu lesen, sondern sie von Betroffenen direkt erzählt zu bekommen. Im abgedunkelten Vorführraum von „Four Futures“ im Wiener IZD Tower sind vier Bildschirme rund um die Zuschauer aufgebaut. Nacheinander flackern sie auf und offenbaren einen Blick in vier mögliche Realitäten des Jahres 2055. Menschen berichten aus ihrem Alltag – wie ein Videocall aus der Zukunft.

Vier Szenarien, nur ein Lichtblick

Das eingangs beschriebene Szenario ist das Schlimmste: „Collapse“. Die Erderwärmung steigt um 4 Grad. Eine Frau berichtet aus ihrem Keller in Toronto über Lebensmittelnot und knappe Medikamente, im Hintergrund schreit ihr Kind. Ihr Mann ist seit einem Tag draußen auf Nahrungssuche, wo plündernde Banden umherziehen. Auch andere Zukünfte sind nicht unbedingt hoffnungsvoller. 

„Je mehr wir uns Zeit lassen, desto stärker müssen die Eingriffe sein.“

Andreas Lindinger

Im „Business-As-Usual“-Szenario macht die Welt so weiter wie bisher: Regierungen priorisieren kurzfristige Maßnahmen zur Ankurbelung der Wirtschaft und verschieben das Netto-Null-Ziel auf 2070. Fortschritte beim Klimaschutz bleiben weit hinter den Erwartungen zurück, während sich der Planet um 3 Grad aufheizt und die Menschen versuchen, sich an die immer schlimmer werdenden Auswirkungen anzupassen. Ressourcen sind regional knapp, der Welthandel volatil und umkämpft.

Autoritäre Auswüchse

Im „Constrain“-Szenario gelingt es, die Erd­erwärmung auf 2 Grad einzudämmen – jedoch zu einem hohen Preis, wie ein junger Mann aus Amsterdam am Screen erzählt. Viele Länder haben autoritäre Regime eingeführt und opfern Freiheiten, um mit der Knappheit umzugehen und eine Umweltkatastrophe zu verhindern. Uneingeschränktes Reisen gehört der Vergangenheit an, lebenswichtige Güter werden rationiert. „Das wäre ein herausfordernder Ausweg, den man als Gesellschaft in der Form nicht haben möchte. Je mehr Zeit wir uns lassen, desto stärker müssen die Eingriffe sein“, sagt Andreas Lindinger, Senior Manager und Nachhaltigkeitsexperte bei EY Denkstatt.

„Unternehmen zahlen entweder heute gezielt in Transformation ein oder morgen ungeplant in Schadensbegrenzung.“

Margit Kapfer

„Four Futures“ ist zwar cineastisch und mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz umgesetzt, aber wissenschaftlich fundiert und unter anderem auf den Prognosen des Weltklimarats (IPCC) aufgebaut. Die zentrale Botschaft ist klar: Nicht warten, sondern handeln. „Nicht-Handeln wird häufig als risikolos wahrgenommen – tatsächlich ist es die teuerste Option“, betont Margit Kapfer, Director und Klimaschutzexpertin bei EY Denkstatt. „Unternehmen zahlen entweder heute gezielt in Transformation und Stärkung der Klimaresilienz ein oder morgen ungeplant in Schadensbegrenzung, Produktionsausfälle und Wettbewerbsnachteile.“ Je länger Maßnahmen zur Reduktion von Treibhausgasemissionen und zur Anpassung an den Klimawandel hinausgezögert würden, desto stärker der Kostenanstieg.

Temperatur und Kosten steigen

Für die heimische Wirtschaft sind die Folgen des Klimawandels bereits spür- und messbar. Österreich zählt zu den Regionen Europas, die sich besonders stark erwärmen. Im Jahresdurchschnitt liegt die Temperatur bereits rund 2,9 Grad über dem vorindustriellen Niveau, im Tiefland bei etwa 3,0, in alpinen Gipfelregionen bei 3,3 Grad. Hitzetage mit über 30 Grad gibt es in den Sommermonaten in manchen Regionen bereits zwei- bis dreimal so häufig wie noch vor wenigen Jahrzehnten. 

Volatile Umweltverhältnisse treiben etwa im Tourismus die Kosten in die Höhe – im Winter für künstliche Beschneiung, im Sommer durch mehr Energiebedarf für Kühlung. 

Ausgaben statt Investitionen

Die volkswirtschaftlichen Kosten für das „Nicht-Handeln“ Österreichs lassen sich bereits heute beziffern. Das Verfehlen nationaler Klimaziele bis 2030 könnte laut Finanzministerium bis zu 2,9 Mrd. Euro verursachen, um Emissionszertifikate aus dem Ausland zuzukaufen. Selbst bei moderater Zielverfehlung würden dafür 1,6 Mrd. Euro anfallen. „Das heißt, wir schmeißen Geld aus dem Fenster, mit dem wir stattdessen im Inland Wertschöpfung betreiben könnten“, kritisiert Kapfer und nennt Investitionen in Energieparks oder die Wasserstoffinfrastruktur als Beispiele.

Auch Plas beklagt, dass man in Österreich nicht in der Lage sei, zwischen einer Ausgabe und einer Investition zu unterscheiden: „Wir haben kein Problem damit, 2 oder 3 Milliarden Euro auszugeben, anstatt genau dieselbe Summe in etwas zu investieren, das zusätzlichen Nutzen hat.“

Einen Nutzen, von dem man womöglich im Jahr 2055 profitieren könnte. Immerhin ein mögliches Zukunftsszenario gibt Hoffnung: In „Transform“ hat die Menschheit die grüne Transformation geschafft. Das Pariser Klimaziel wurde erreicht, die Erderwärmung auf 1,5 Grad begrenzt. Der Wandel verlief nicht ohne Turbulenzen, aber: „Es funktioniert“, sagt ein Mann inmitten seiner Rooftop Farm in Kapstadt. Die Konsumgewohnheiten hätten sich gewandelt, und gemeinsames soziales und ökologisches Verantwortungsbewusstsein seien zu einem zentralen menschlichen Wert geworden. Die Natur erholt sich und die Gesellschaft blüht auf.

Schwierige Umsetzung

Hauptzielgruppe des „Four Futures“-Projekts sind Entscheidungsträger in Unternehmen. Ein Blick in selbige zeigt laut aktuellem EY Sustainability Barometer ein ambivalentes Bild: Während 2024 noch 23 Prozent der Unternehmen angaben, dass Klimaschutz ihr Handeln stark beeinflusst, sind es 2025 nur mehr 10 Prozent. Gleichzeitig sehen 28 Prozent Umweltthemen nur noch als untergeordnet oder gar nicht relevant für Entscheidungsprozesse. Dennoch haben 73 Prozent der Unternehmen zumindest ein Ziel zur Reduktion von Treibhausgasemissionen definiert – ein Anstieg gegenüber dem Vorjahr. 

„Wir sehen sehr klar: Der Wille ist da, aber die Umsetzung bleibt schwierig“, erklärt Lindinger. Viele Unternehmen hätten Nachhaltigkeit mit Wirtschaftlichkeit im Fokus. „Four Futures“ solle dabei helfen, „nicht nur auf das Tagesgeschäft zu schauen“, sondern auch die „mittelfristige Perspektive einzunehmen“ und die „Resilienz gegen negative Entwicklungen zu stärken“.

In Österreich haben bereits 500 Menschen das Format gesehen, international sind es 15.000. Bei den meisten hinterlasse das Erlebnis bleibenden Eindruck, oft gar ein beklemmendes Gefühl, so die Verantwortlichen von EY. Kein Wunder, denn kurz vor Ende der Vorstellung wird deutlich, wer die vier Protagonisten aus der Zukunft im Jahr 2026 sind: Man sieht sie als unbekümmerte Kinder, die ihr Leben noch vor sich haben.

AusgabeRZ09-2026

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Mehr lesen

Aktuelles

Die Welt der Raiffeisenzeitung

Banner für die Newsletter Anmeldung
Banner: