Die heimischen Rübenbauern sehen sich aktuell mit der schwersten Krise seit der Liberalisierung des europäischen Zuckermarktes im Jahr 2017 konfrontiert. Die heurige Generalversammlung des Rübenbauernbundes für Niederösterreich und Wien wurde dominiert von den Themen Fabrikschließungen, Preisdruck und den wachsenden Existenzsorgen. Für Rübenbauern-Präsident Ernst Karpfinger ist klar: „Ohne rasche politische Kurskorrekturen drohen weitere Produktionsrückgänge und ein nachhaltiger Verlust regionaler Wertschöpfung sowie der Versorgungssicherheit mit Zucker aus heimischen Rüben.“
Die Lage habe sich über die Jahre deutlich zugespitzt, wie Karpfinger vorrechnet: „In den vergangenen 20 Jahren sind die Produktionskosten um 60 Prozent gestiegen, während die Rübenpreise durch die fallenden Zuckerpreise um 20 Prozent gefallen sind. Die Schere geht aktuell deutlich auseinander.“
Im abgelaufenen Jahr haben sich die Rahmenbedingungen für die rund 3.200 Rübenbauern in NÖ und Wien mit der Schließung der Zuckerfabrik Leopoldsdorf grundlegend verändert.„Wenn wir heute zwei Fabriken hätten, wäre es nicht besser. Die Schließung war unvermeidbar“, so Karpfinger. Ursache war eine seit Jahren angespannte wirtschaftliche Situation, die sich durch weitere Marktverwerfungen verschärfte. Insbesondere durch das zollfreie Ukraine-Abkommen erreichten in Summe mehr als eine Million Tonnen Zucker die EU. Die zusätzlichen Mengen führten zum Verlust wichtiger Absatzmärkte in Osteuropa.
Die heimische Rübenkampagne 2025/26 dauerte von September bis Februar, dabei wurden rund 1,9 Mio. Tonnen Zuckerrüben von rund 25.000 Hektar verarbeitet. Der Rübenertrag liegt bei rund 79 Tonnen pro Hektar; der Zuckergehalt bei 16,6 Prozent, das bedeutet eine höhere Ausbeute durch bessere Qualität.
Weniger Anbau
Europaweit wurden die Anbauflächen im Vorjahr infolge sinkender Preise um rund zehn Prozent reduziert. Gute Ernten in nahezu allen Anbauregionen und weniger Konsum konnten aber die Überversorgung des Marktes nicht maßgeblich reduzieren. Karpfinger sieht die Summe an Freihandelsabkommen, wodurch bis zu 3,8 Mio. Tonnen Zucker in die EU kommen können, als Auslöser für den Preisverfall. In der EU lag der Zuckerpreis im Jänner 2026 bei 516 Euro je Tonne. Notwendig wäre ein Weißzuckerpreis von 650 Euro pro Tonne, um kostendeckend wirtschaften zu können. Zum Vergleich: Im Jahr 2023/24 lag der Preis noch bei 822 Euro je Tonne Zucker.
„Wenn Europa seine Zuckerproduktion erhalten will, sind klare handelspolitische Grenzen und faire Wettbewerbsbedingungen notwendig“, appelliert Karpfinger. Allein durch das Mercosur-Abkommen seien weitere zollfreie Importmengen von 190.000 Tonnen vorgesehen, das entspricht der Jahresproduktion einer mittelgroßen EU-Zuckerfabrik. Allein im vergangenen Jahr wurden europaweit fünf Zuckerfabriken geschlossen, heuer folgten bereits zwei weitere Fabriken in der Slowakei und in Italien. Wie beim EU-Indien-Freihandelsabkommen fordert Karpfinger bei laufenden Verhandlungen zu weiteren Abkommen etwa mit Australien oder Thailand den Zucker als sensibles Agrarprodukt auszuklammern.
Anbau ausgesetzt
Die schwierige Situation bei den Rübenbauern zeigt sich auch bei den Kontraktanbauflächen, die 2026 bei 22.800 Hektar inklusive Bio liegen, das sind im Vergleich zum Vorjahr um 4.600 Hektar weniger. 900 der insgesamt 4.400 Rübenbauern setzen aktuell mit dem Anbau aus. „Die gegenwärtige Entwicklung, den Anbau auszusetzen, ist ein unübersehbares Warnsignal“, unterstreicht der Rübenbauern-Präsident.
Da alles mit allem zusammenhänge, ist ein entschlossenes Handeln aller Beteiligten notwendig, wie auch Agrana-CEO Stephan Büttner in seinen Grußworten betonte: „Nur gemeinsam kommen wir durch diese schwierige Zeit.“ Landeshauptfrau-Stellvertreter Stephan Pernkopf ärgert die Diskussion, ob es in Europa überhaupt eine Zuckerproduktion brauche, denn für ihn ist klar: „Eine Volkswirtschaft ohne Zuckerfabrik ist erpressbar. Wir müssen die eigene Produktion aufrechterhalten!“ Dazu brauche es aber ein klares Bekenntnis zur Zuckerproduktion in Österreich und Europa, das sich etwa auch in schnelleren Notfallzulassungen von Pflanzenschutzmitteln oder Insektiziden ausdrücken sollte.








