RCM: „Junge Anleger brauchen Guidance“

Apps und Finfluencer machen den Einstieg ins Investieren so einfach wie nie. Für Dieter Aigner und Daniela Uhlik-Kliemstein von Raiffeisen Capital Management ist dennoch klar: Langfristiger Vermögensaufbau braucht mehr als niedrige Einstiegshürden.

Wenn es um junge Anleger – zwischen 18 und 30 Jahren – geht, ist schnell von Apps, Plattformen und Digitalisierung die Rede. Ist das der einzige Zugang zu dieser Zielgruppe?
Dieter Aigner: Digitale Tools sind sicherlich sehr bedeutend, aber sie sind nicht die einzige Möglichkeit, Kunden anzusprechen. Wir adressieren die junge Zielgruppe schon seit sehr vielen Jahren sehr spezifisch und sind damit extrem erfolgreich. In das „Wir“ schließe ich insbesondere unsere Partnerbanken im Sektor – die Raiffeisenbanken in ganz Österreich – ein. Da ist in den letzten Jahren unglaublich viel passiert und die jungen Berater in den Banken leisten herausragende Arbeit.

Daniela Uhlik-Kliemstein: Studien haben gezeigt, dass junge Kunden auch einen persönlichen Kontakt haben wollen. Das heißt, sie schätzen es sehr wohl, auch einen Berater vor Ort zu haben, zu dem sie kommen und über die langfristige Veranlagung diskutieren können. Andererseits ist heute durch die modernen Angebote die Niederschwelligkeit eine ganz andere als früher. Jeder kann sofort und überall das Investieren ausprobieren, auch die Jungen, was gut ist, um erste Erfahrungen zu machen. Wenn es aber um langfristige Vorsorge geht – auch dieses Thema ist mittlerweile bei den jungen Kunden angekommen –, wollen viele einen Plan haben.

Und wie erreicht Raiffeisen Capital Management junge Anleger konkret? Welche Strategie verfolgt man da? 
Uhlik-Kliemstein: Wir verfolgen einen ganzheitlichen Ansatz: Wir setzen nicht nur bei jungen Kunden an, sondern vor allem bei den jungen Beratern. Denn der Schlüssel liegt in der Qualität der Ansprache und Betreuung. Zentrales Element sind dabei unsere sogenannten Jungberater-Communities: In fünf Gruppen mit insgesamt rund 65 Teilnehmern in ganz Österreich begleiten wir junge und neue Berater über einen Zeitraum von einem Jahr beim Einstieg ins Wertpapiergeschäft. Sie haben zwar die notwendige Ausbildung, aber noch nicht die Praxis – und das üben wir mit ihnen. Im vergangenen Jahr konnten wir im Rahmen dieser Initiativen rund 2.700 Abschlüsse erzielen. 

Aigner: Uns ist es wichtig, dass möglichst viele Berater in und außerhalb der Bank das Thema Wertpapiere verstehen und vermitteln können. Junge Anleger brauchen Berater, die auch ihre Sprache sprechen, die zuhören, die sie begleiten entlang ihres Lebenszyklus. Denn, dass junge Menschen beim Vermögensaufbau keine Guidance benötigen, ist ein Irrglaube. Gleichzeitig muss man junge Leute auch über die Kanäle ansprechen, die sie nutzen und das sind eben YouTube, Instagram & Co.

Uhlik-Kliemstein: Die Generationen Y und Z setzen da oft auf „Finfluencer“, die auf Social Media Finanzthemen niedrigschwellig vermitteln. Hohe Followerzahlen ersetzen aber keine geprüfte Fachausbildung. Wer investieren will, sollte sich also nicht allein auf Likes oder Reichweite verlassen. Genau hier hat Raiffeisen die Chance, sich als Kompetenzträger zu verankern. 

Als junger Mensch hat man den Riesenvorteil der Langfristigkeit.

Daniele Uhlik-Kliemstein

Wie steht es denn um das Finanzwissen junger Menschen in Österreich?
Uhlik-Kliemstein: Das Finanzwissen junger Menschen in Österreich ist noch ausbaufähig, insbesondere das Kapitalmarktwissen. Da müsste man eigentlich schon bei der Schulbildung ansetzen. Der Schulplan sollte so ausgestaltet sein, dass man die Jugend zukunftsfit macht. Damit sie ihr eigenes Finanzleben führen können. Zu lernen, wie man mit Geld umgeht, ist elementar. Raiffeisen engagiert sich hier mit verschiedenen Initiativen, zum Beispiel durch Kooperationen mit Schulen, Online-Plattformen oder Workshops, um die Finanzkompetenz zu stärken.

Wie gelingt es, Finanzbildung glaubwürdig zu vermitteln, ohne dass junge Menschen sofort das Gefühl haben: Da will mir jemand ein Produkt verkaufen?
Uhlik-Kliemstein: Ein Beispiel dafür ist die Initiative fit2Invest, die von der Raiffeisen-Landesbank Steiermark in Zusammenarbeit mit der Universität Graz entwickelt wurde. In einem 5-minütigen Spiel wird man dabei mit realen Börsenszenarien konfrontiert – basierend auf wissenschaftlich fundierten Daten, ohne dabei Geld aufs Spiel zu setzen. 

Aigner: Wir denken immer nur in Produkten, davon müssen wir wegkommen. Entscheidend ist, dass unsere Inhalte und Maßnahmen das Vertrauen der Kunden in die Marke Raiffeisen stärken. 

Uhlik-Kliemstein: Produkte sind ein Mittel zum Zweck, um Ziele zu erreichen. Ein Kunde, der in die Bank geht, will eine Lösung für seine finanzielle Situation. Und wir müssen versuchen, das Produkt so auszugestalten, dass es für den Zweck das Richtige ist.
Aigner: Und dafür kann man durchaus einen fairen Preis verlangen. Junge Leute sind kostensensibel, aber wenn die Leistung passt und sie es verstehen, ist es ihnen auch etwas wert.

Daniela Uhlik-Kliemstein und Dieter Aigner von Raiffeisen Capital Management im Interview
Dieter Aigner ist Geschäftsführer und Chief Sustainable Investment Officer bei Raiffeisen Capital Management. © RCM

Welche Produkte werden besonders von jungen Anlegern nachgefragt?
Uhlik-Kliemstein: Besonders interessant für diese Zielgruppe ist das ganze Thema rund um ETFs. Hier haben wir beispielsweise den Index-Selection-Equity-Fonds aufgelegt, der ein ganzes Potpourri an ETFs zusammenfasst. Wir kombinieren hier passives Investment mit einer aktiven Komponente. Das spricht viele an. Aber auch die Raiffeisen-Systematic-Aktienfonds – vormals R-Ratio-Aktienfonds – bieten eine kostengünstige Möglichkeit, indexnah zu investieren. Interessant für junge Anleger sind auch Investments zu spezifischen Themen wie Infrastruktur oder Mega­trends. Hier haben wir natürlich unsere gemanagten Lösungen. 

Würde es Sinn machen, ein Produkt speziell für junge Menschen zu entwickeln?
Uhlik-Kliemstein: Eine eigene Jugend-Produktpalette braucht es aus unserer Sicht nicht. Die Kapitalmärkte sind ja für alle gleich. Das wäre nur eine Segmentierung, die keinen Zusatznutzen bringt. Wir haben für alle das gleiche Produktangebot, aber die Auswahl, welches Produkt am besten passt, trifft der Kunde. 

Schnelles Reich-Werden ist maximale Spekulation.

Dieter Aigner

Wie risikoaffin sind junge Menschen in Österreich?
Aigner: Es hat sich gezeigt, dass junge Menschen wesentlich weniger risikoaffin sind, als man es ihnen vielerorts zuschreibt. Wir haben im vergangenen Herbst eine Studie zur Altersvorsorge gemacht, hier zeigt sich der Trend, dass Sicherheit bei der Altersvorsorge bei Jugendlichen an erster Stelle steht, 29 Prozent möchten eine ausgewogene Mischung, 18 Prozent wollen absolute Sicherheit und nur 7 Prozent sind bereit, moderate Risiken einzugehen, um mehr Erträge zu erwirtschaften. Bei lediglich 3 Prozent der befragten Jungen sind hohe Renditen das absolute Ziel. Auch wenn die Zahlen nicht repräsentativ sind, ist dennoch ein Trend herauslesbar. Mit Fonds können wir dieser Altersgruppe jedenfalls ein sehr passendes Angebot machen.

Welche Rolle spielt das Thema Nachhaltigkeit für junge Anleger? 
Aigner: Also den jungen Menschen ist dieses Thema durchaus wichtig. Sie bevorzugen nachhaltige und ESG-konforme Produkte, die Umwelt- und Sozialaspekte berücksichtigen. Unsere Erfahrungen zeigen, dass Nachhaltigkeit oft sogar wichtiger ist als kurzfristige Rendite, wenn es um Investmententscheidungen geht.

Welchen Rat würden Sie jungen Menschen zum Thema Geldanlage geben?
Uhlik-Kliemstein: Sehr früh damit anfangen! Als junger Mensch hat man den Riesenvorteil der Langfristigkeit. Und Zeit ist genau das, was man braucht am Kapitalmarkt. Und in kleinen Schritten investieren, dabeibleiben, sich nicht verlocken lassen, den angesparten Kapitalsockel zu früh auszugeben, sondern diesen weiter für sich arbeiten lassen. Denn Fonds entfalten ihre Wirkung erst nach einer gewissen Zeit.

Aigner: Dazu muss man auch ganz klar sagen: Schnelles Reich-Werden ist maximale Spekulation. Der sicherere Weg verläuft über strategische Planung, Konsequenz und Durchhaltevermögen. 

AusgabeRZ20-2026

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Mehr lesen

Aktuelles

Die Welt der Raiffeisenzeitung

Banner für die Newsletter Anmeldung
Banner: