Er knirscht unter den Schuhen, lässt Kinderaugen leuchten, sich zu den unterschiedlichsten Objekten formen und ist nicht zuletzt ein wesentlicher Tourismusfaktor. Als Wetterphänomen bildet der Schnee nicht nur die Grundlage zahlreicher Wintersportarten, sondern ist auch der Stoff so manch schöner Kindheitserinnerung und winterlicher Sehnsuchtsbilder. Doch was geschieht, wenn er verschwindet? Eine Frage, die angesichts der fortschreitenden Erderwärmung auch in Österreich längst nicht nur hypothetisch ist.
Ein Blick in die heimische Bergwelt zeigt: Allein in den vergangenen 50 Jahren sind 40 Prozent der Gletscher verloren gegangen. Landschaften, die einst reichlich von Schnee bedeckt wurden, weisen heute nur mehr eine magere bis gar keine Schneeschicht mehr auf. Als Grund für das zunehmende Verschwinden der Schneedecken gelten die steigenden Temperaturen – ein Anstieg, der in den österreichischen Alpen mit 3,1 Grad zwischen 1850 und 2024 (doppelt so viel wie im weltweiten Durchschnitt) zudem besonders drastisch ausgefallen ist.
Als Folge steigt auch die Null-Grad-Grenze. Diese hat sich in den nördlichen Alpen in den letzten rund 25 Jahren um 130 Meter, in den südlichen Alpen um 120 Meter nach oben verschoben. Es sei also keine Frage, ob jene „Veränderungen, die uns Angst machen“ kommen; vielmehr gelte es zu klären, ob diese „by design or by disaster“ kommen, weiß Klimaforscher Georg Kaser. Der Südtiroler Glaziologe ist einer von vier Experten, mit denen die österreichische Künstlerin Esther Strauß im Rahmen ihres Projekts „Denkmal für Schnee“ ins Gespräch gekommen ist.
Gehen, schauen, zuhören
Der 80 Zentimeter breite, aus Messing bestehende Schriftzug wurde von Schlossermeister Michael Gassebner gefertigt und ziert seit diesem Sommer eine unbenannte Bergspitze zwischen Glungezer und Gamslahnerspitze in den Tuxer Alpen in Tirol. Umgesetzt wurde das Denkmal im Rahmen des RLB Kunstpreises 2024 mit Unterstützung der Raiffeisen-Landesbank Tirol von den derzeit im Umbau befindlichen Tiroler Landesmuseen.
Mit der Realisierung des Denkmals im alpinen Raum hätte der „RLB Kunstpreis“ laut Silvia Höller, Leiterin der Kunstbrücke, nun auch eine Erweiterung in eine neue räumliche wie inhaltliche Dimension erfahren. Wer sich das auf fast 2.700 Metern Höhe befindende Kunstwerk aus nächster Nähe anschauen möchte, muss einen bei der Glungezer Hütte beginnenden circa 45-minütigen Fußweg zurücklegen. Während sich der Weg bis dahin von der Bergstation Tulfein-Express auch für Familien als begehbar erweist, sollte das letzte Stück nur von Menschen mit guter Trittsicherheit und Erfahrung im alpinen Gelände in Angriff genommen werden. Eine eigens aufgelegte Wanderkarte, erstellt mit dem Institut für Geographie der Universität Innsbruck, weist den Weg. Bis zur Glungezer Hütte haben Interessierte zudem die Möglichkeit, an sechs im Zuge des Projekts entstandenen Audiostationen mehr über das Kunstwerk und den dem Projekt zugrunde liegenden Klimawandel zu erfahren.
Zu Wort kommen neben Klimaforscher Kaser auch der Meteorologe der GeoSphere Austria, Harald Schellander, sowie die Paläobotanikerin und Leiterin der Naturwissenschaftlichen Sammlungen der Tiroler Landesmuseen, Evelyn Kustatscher, und die Trauerbegleiterin Maria Streli-Wolf. Im Mittelpunkt ihrer Auseinandersetzung mit dem Verschwinden der heimischen Gletscherlandschaft steht für die Expertin in Sachen Umgang mit Verlust die Frage: „Wie betrauern wir eine Zukunft, die wir uns erhofft haben, die uns aber nun nicht mehr gegeben ist?“


Denkmal zum Handeln
Normalerweise werden Denkmäler, um einer bereits verstorbenen Person oder eines bereits abgeschlossenen Ereignisses zu gedenken, errichtet. „Vielleicht kommt ein Denkmal, das einen Verlust betrauert, der noch nicht vollends eingetreten ist, gerade noch zur rechten Zeit. Vielleicht kann uns die Trauer um das, was wir verloren haben und was wir noch verlieren werden, dabei helfen, vom Wissen ins Begreifen und schließlich ins Handeln zu kommen. Und vielleicht kann uns ein Denkmal, das aus der Zukunft zu uns kommt, helfen, die Zukunft neu zu schreiben“, gibt die 1986 in Tirol geborene Künstlerin einen Einblick in ihre der Arbeit zugrunde liegenden Überlegungen. Wer mehr zum Werk der RLB-Kunstpreis-Hauptpreisträgerin 2024 erfahren möchte, dem bietet sich zudem ab Oktober im Rahmen einer ersten umfassenden Monografie zum Werk der Künstlerin eine gute Gelegenheit dazu.








