„Theater kann verstören, trösten, unterhalten“

Zum ersten Mal in der über 230-jährigen Geschichte leitet mit Marie Rötzer eine Frau die künstlerischen Geschicke am Theater in der Josefstadt. Ein Interview über lebendige Tradition, die aktuelle Spielzeit und warum gute Führung Teamarbeit ist.

Frau Rötzer, Sie haben zehn Jahre lang das Landestheater Niederösterreich geprägt. Welche Erfahrungen konnten Sie an die Josefstadt mitbringen? 
Marie Rötzer: Am Landestheater Niederösterreich habe ich erfahren, wie wichtig Vertrauen, Kontinuität und die gemeinsame Entwicklung eines Hauses sind. Theater entsteht nicht durch Einzelne, sondern im Zusammenspiel vieler Menschen – auf der Bühne, hinter der Bühne und nicht zuletzt mit dem Publikum. An der Josefstadt reizt mich die Verbindung von großer Geschichte, österreichischer Literatur und herausragender Schauspielkunst. Ich bin im Weinviertel aufgewachsen und habe viele Persönlichkeiten dieses Hauses schon als Kind wahrgenommen. Das Theater besitzt für mich etwas Vertrautes – und zugleich liegt in dieser Aufgabe eine enorme Herausforderung. 

Die Josefstadt wurde vor über 230 Jahren gegründet und hat ein treues Stammpublikum. Wie gehen Sie mit der Tradition um? 
Rötzer: Tradition bedeutet für mich nicht, etwas unter eine Glasglocke zu stellen. Eine lebendige Tradition muss befragt, weitererzählt und immer wieder mit unserer Gegenwart verbunden werden. Gleichzeitig darf Tradition nicht zur Ausrede dafür werden, dass alles bleibt, wie es war. Wir werden neue Regiehandschriften und zeitgenössische Ausdrucksformen ins Haus holen, mit Musik, Video, Choreografie und einer starken Bildsprache arbeiten. Entscheidend ist für mich aber nicht der Effekt des Neuen. Entscheidend ist, ob eine Inszenierung etwas über unser heutiges Leben erzählt.

Welche Rolle kann Theater in unserem heutigen digitalen, krisengebeutelten Zeitalter überhaupt noch spielen? 
Rötzer: Theater bringt Menschen in einem realen Raum zusammen. Alle erleben denselben Abend, und dennoch erlebt ihn jeder Mensch anders. In einer Zeit, in der wir vieles vereinzelt und über Bildschirme wahrnehmen, ist diese gemeinsame Anwesenheit etwas sehr Kostbares. Theater kann die Welt nicht retten und keinen Krieg beenden. Es wäre vermessen, das zu behaupten. Aber es kann unsere Wahrnehmung verändern. Es kann uns für einige Stunden aus den eigenen Gewissheiten herausführen, uns mit anderen Lebensentwürfen konfrontieren und Empathie ermöglichen. Es kann verstören, trösten, unterhalten und Gespräche in Gang setzen. Vielleicht kann es auch Zuversicht vermitteln – nicht als Beschwichtigung, sondern als Erfahrung, dass wir mit unseren Fragen und Ängsten nicht allein sind. Wir dürfen dabei unsere Reichweite nicht überschätzen, sollten unsere Möglichkeiten aber auch nicht kleiner reden, als sie sind.

Welche Publikumsschichten möchten Sie in Zukunft verstärkt ansprechen? 
Rötzer: Wir erreichen bislang Menschen zu wenig, die nicht selbstverständlich mit Theater aufgewachsen sind, jüngere Menschen sowie Teile einer Stadtgesellschaft, die sich in den Institutionen und ihren Geschichten noch nicht ausreichend wiederfinden. Schwellen sind nicht nur finanzieller Natur. Es geht auch um Sprache, Kommunikation, Öffnungszeiten und um das Gefühl: Ist dieses Haus überhaupt für mich da? Deshalb bauen wir die Theatervermittlung als eigenen Bereich aus und verstärken die Zusammenarbeit mit Schulen, Hochschulen und dem Max Reinhardt Seminar. Mit Romeo und Julia schaffen wir ein Angebot, das ausdrücklich verschiedene Generationen ansprechen soll. Die „Junge Josefstadt“ soll jungen Menschen nicht nur fertige Aufführungen präsentieren, sondern Begegnungen und eigene Zugänge zum Theater ermöglichen. Beim Theaterfest können Besucher beide Spielstätten bei freiem Eintritt kennenlernen und hinter die Kulissen blicken. Entscheidend ist, dass Öffnung nicht als Marketingmaßnahme verstanden wird. Sie muss sich langfristig im Programm, in den Arbeitsweisen und in der Zusammensetzung des Publikums zeigen. 

Szenenbild aus Schnitzlers „Komödie der Verführung“ im Theater in der Josefstadt
Marie Rötzer möchte mit den neuen Inszenierungen einen Bezug zur Gegenwart herstellen. Am 3. September feierte Schnitzlers „Komödie der Verführung“ im Theater in der Josefstadt Premiere. © Patrick Rieser

Sie möchten die Josefstadt als „österreichisches Erzähltheater“ weiterentwickeln. Zudem planen Sie verstärkt auf internationale Kooperationen zu setzen. Was bedeutet das für die aktuelle Spielzeit?
Rötzer: Wir eröffnen das Haupthaus mit Arthur Schnitzlers „Komödie der Verführung“, einem großen Ensemblestück über eine Gesellschaft, die ihre Krisen nicht wahrhaben will. In den Kammerspielen beginnen wir mit Peter Turrinis „Der tollste Tag“. Dazu kommen Nestroy, Canetti und ein neues Auftragswerk von Teresa Präauer. Gleichzeitig zeigen wir internationale Gegenwartsdramatik, etwa Suzie Millers „Inter alia“, und Klassiker wie „Romeo und Julia“ oder Molières „Der Geizige“.
Internationalität zeigt sich nicht nur in den Texten, sondern auch in den künstlerischen Handschriften. Mit Ildikó Gáspár kommt etwa eine ungarische Regisseurin an die Josefstadt, mit Guy Ben-Aharon ein israelisch-amerikanischer Regisseur. Darüber hinaus wollen wir Kooperationen im deutschsprachigen und europäischen Raum ausbauen und das Haus international als Kulturbotschafter positionieren. Das Gastspiel von „Letzte Runde“ beim Theaterfestival im chinesischen Wuzhen ist dafür ein konkretes Beispiel. 

Die Kammerspiele sollen zum „Broadway-Theater Wiens“ werden. Was verstehen Sie darunter?
Rötzer: … ein lustvolles, sinnliches und unmittelbar zugängliches Theater – aber eines mit Haltung. Unterhaltung und Anspruch sind keine Gegensätze. Ein Abend darf komisch, musikalisch und leichtfüßig sein und dennoch von existenziellen oder gesellschaftlichen Fragen erzählen. Es werden verstärkt musikalische Stoffe, intelligente Komödien und international erfolgreiche Stücke zu sehen sein. „Letzte Runde“ imaginiert beispielsweise eine Begegnung zwischen Leonard Bernstein und Herbert von Karajan im Hotel Sacher. Teresa Präauers „Guten Abend, Herr Morgan!“ nähert sich als musikalische Revue dem jüdischen Künstler Paul Morgan, der in jenem Gebäude geboren wurde, in dem sich heute die Kammerspiele befinden. Dazu kommen Yasmina Rezas „Glücklich die Glücklichen“ und „Carmen darf nicht platzen“. 

Sie sind 2026 die erste Frau an der Spitze der Josefstadt? Inwieweit unterscheidet sich Ihr Führungsstil von dem eines Mannes?
Rötzer: Führung ist eine Frage der Persönlichkeit, der Erfahrung und der Haltung. Mir selbst sind Transparenz, Gesprächsbereitschaft und Teamarbeit sehr wichtig. Entscheidungen müssen getroffen und auch verantwortet werden. Die Vorstellung vom einsamen Genie an der Spitze eines Theaters halte ich für überholt. Ein Theater lebt von der Expertise sehr vieler Menschen. Gute Führung bedeutet für mich deshalb, diese Expertise ernst zu nehmen, Verantwortung klar zu verteilen und eine Arbeitsatmosphäre zu schaffen, in der Widerspruch möglich ist. Vielleicht bringen Frauen aufgrund ihrer Erfahrungen mit traditionellen Machtstrukturen eine besondere Sensibilität dafür mit. Automatisch gegeben ist sie dadurch aber nicht.

AusgabeRZ37-2026

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