Arnulf Rainer und Hermann Nitsch im offenen Dialog

Das Arnulf Rainer Museum in Baden zeigt erstmals ausgewählte Werke von Arnulf Rainer und Hermann Nitsch. Die Gegenüberstellung ist eine Premiere und findet im ehemaligen Frauenbad einen würdigen und theatralen Rahmen.

„Es ist ein bisschen theatralisch, aber es ist sehr schön“, so die Worte von Kunstsammler Helmut Zambo zur aktuellen Ausstellung im Arnulf Rainer Museum. Zambo ist ein großer Rainer-Kenner und hat den Künstler als Sammler und Freund ein Künstlerleben lang begleitet. Entsprechend umfangreich ist die Sammlung Zambo, aus der ein kleiner Ausschnitt nun in Baden bei Wien zu sehen ist.

Gegenübergestellt wird Rainer, dessen Markenzeichen die Übermalung ist, der Aktionist Hermann Nitsch. „Es gab noch nie eine alleinige Gegenüberstellung von Rainer und Nitsch“, sagt Nikolaus Kratzer, Leiter der Kunstsammlung NÖ. Gemeinsam mit Helmut Zambo hat er die Ausstellung „Arnulf Rainer & Hermann Nitsch“, die noch bis 3. Oktober 2027 zu sehen ist, kuratiert. 

Überraschender Beginn

Das Museum, ein ehemaliges Frauenbad, dessen historische Kurbad-Architektur inklusive Badebecken und Umkleidekabinen bis heute erhalten ist, bildet den entsprechend theatralen Rahmen für die Kunstwerke. Die teils sehr zurückhaltend beleuchteten Räumlichkeiten setzen die kraftvollen Malereien und Kunstwerke von Arnulf Rainer und Hermann Nitsch sehr eindrucksvoll in Szene.

Der Anspruch der Kuratoren war es dabei nicht, eine kunstgeschichtliche Chronologie zu zeigen. „Es geht um einen sehr offenen Dialog und die Lust an ungewöhnlichen Zusammenstellungen“, erklärt Nikolaus Kratzer. Damit möchte die Ausstellung Themen und Motive beleuchten, mit denen sich die Ausnahmekünstler auf unterschiedliche Art und Weise auseinandergesetzt haben.

Ein Konzept, das gleich beim Betreten der Ausstellung aufgeht. „Der erste Raum soll überraschen“, so Kratzer. Zu sehen sind zwei frühe, gegenständliche Werke beider Künstler, in denen sie sich mit der Kunstgeschichte auseinandersetzen. Nitsch, der ursprünglich Kirchenmaler werden wollte, ist mit einer Kreuzigungsszene vertreten, die in Farbgebung und Pinselstrich stark an Paul Cezanne angelehnt ist. Rechts davon die letzte gegenständliche Arbeit von Arnulf Rainer: In „Winnetou“ setzt er „in arcimboldscher Tradition“ Vincent van Goghs Porträt aus sich überlagernden Meereselementen zusammen. 

Zwei Pioniere

Die Pionierkraft der beiden Künstler spannt ihren Bogen über die gesamte Ausstellung. Rainer, der als Wegbereiter der informellen Malerei gilt, erlangte mit seinen Übermalungen internationale Anerkennung. Diese wandte er auch in der Fotografie an – etwa bei seinen Face Farces und Bodyposes. „Arnulf Rainer hatte ein ausgesprochenes Interesse an Katatonie und der Art brut. Er wollte die Ausdrucksstärke des Körpers abbilden“, sagt Kratzer. Durch die Überarbeitung seiner Fotografien brachte er die entsprechende Spannung ins Bild. Den Höhepunkt bildet dabei das „Selbstbegräbnis oder Christusleid, Christusfreud?“ – eine überlebensgroße, übermalte Fotografie in Kreuzform. 

Auch für Hermann Nitsch war die Fotografie von großer Bedeutung – für ihn hatte sie allerdings dokumentarischen Wert, wie man anhand der Fotos zum „Orgien Mysterien Theater“ nachvollziehen kann. Sie sind als integraler Bestandteil seines Gesamtkunstwerkes zu verstehen. „Absoluter Höhepunkt in Nitschs Werk war das Sechs-Tage-Spiel“, so Kratzer. 

Ein elementarer Bestandteil der Ausstellung sind die Malerhemden von Hermann Nitsch, die er bei seinen Aktionen getragen und später als Kunstwerk inszeniert hat. Inspiriert hat ihn dazu Gustav Klimt, der meist in langen, fließenden Gewändern gearbeitet hat. Gegenübergestellt den in Holzkästen präsentierten Malkittel sind Rainers Kreuze, ein zentrales Thema im Schaffen des Künstlers. Auch wenn die Verbindung zu religiösen Themen naheliegt, so hatte das Kreuz für Rainer eine andere Bedeutung. Laut Nikolaus Kratzer verstand er die Vertikalen und Horizontalen als Sinnbild der Lebensachsen und als Metapher für Werden und Vergehen. 

Ausstellungsansicht Arnulf Rainer & Hermann Nitsch
© Arnulf Rainer Museum, Foto: Cedrick Kollerics

Der Höhepunkt zum Schluss

Der absolute Höhepunkt des künstlerischen Dialoges befindet sich am Ende der Schau. Im letzten Raum werden die Lithografien von Hermann Nitsch, anhand derer er „die Architektur des Orgien Mysterien Theaters“ veranschaulichte, den Übermalungen Rainers von Bildern verschiedener Künstler gegenübergestellt. Es geht um Zudeckung, um Schichtung und Überlagerung, wie es der Kurator beschreibt.

Nitschs Idee zum Ablauf des Orgien Mysterien Theaters hat er anhand von 36 Lithografien festgehalten. Das Deckblatt zeigt eine Rembrandt-Radierung, die er kopiert und übermalt hat. „Diese Mappe ist wahrscheinlich die wichtigste druckgrafische Mappe des 20. Jahrhunderts“, erklärt Kratzer. Der Künstler hat darin die Logistik des Theaters, die verschiedenen Kellergeschoße, wie er sie sich „in einer idealen Welt“ vorgestellt hat – in Form von Organen, wie Herz, Lunge, Leber –, mittels Lithografie zu Papier gebracht. Ungewöhnlich bunt und feingliedrig bedecken die Werke eine ganze Wand. 

In den Kabinen gegenüber reihen sich die Übermalungen Arnulf Rainers aneinander. Dafür hat er bei namhaften Künstlern angefragt, ob sie ihm eines ihrer Werke zur Verfügung stellen, damit er sie übermalen kann – nicht mit dem Ziel, die Bilder auszulöschen, sondern um die Arbeiten weiterzuführen. Zu sehen sind auf Holz montierte Werke von Herbert Boeckl, Josef Mik, Victor Vasarely oder Pablo Picasso, die Rainer mit schwarzer Ölfarbe „zudeckt“. 

Bevor man die Ausstellung verlässt, kann man noch einen Blick in das wie eine Kapelle anmutende Stundenbad werfen. Der Raum ist maßgeschneidert für Hermann Nitschs „Schüttbild mit Malerhemd“ in blutrot und Arnulf Rainers „Kreuz“ in tiefschwarz – zwei Künstler, die einander viel zu sagen haben. 

AusgabeRZ45-2026

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